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14 17/09

"So was in der Richtung" - Sitzplatzerhöhung: Die Kinderfilm-Kolumne

Manchmal wirft mich der Chefredakteur ganz gehörig aus der Bahn. Schreib doch mal ein paar Tipps auf, "also deine Highlights für den kommenden Herbst oder so was in der Richtung", sinngemäß also: Welche guten Kinderfilme gibt es denn demnächst? Und dabei hatte ich gerade dieser Tage in einem Interview auf die Frage, wonach ich denn bei einem guten Kinderfilm suchen würde, nur herumgekrächzt und -gestottert, weil mir genau dafür zunächst einmal keine Kriterien einfallen wollen.


Bild aus Die Boxtrolls von Graham Annable und Anthony Stacchi (Copyright: Universal Pictures Germany)

Unterhaltsam sollen sie sein, mag ich hervorgebracht haben, und natürlich auch ästhetisch anspruchsvoll, aber das solle man bitte auch nicht zu verklemmt sehen... - Floskeln sind das natürlich, die eigentlich etwas bedeuten, aber was wollte ich damit genau sagen? Das genügt ja schon, um in schlaflosen Nächten graue Haare zu bekommen, als wäre das reine Vatersein nicht schon genug. Und jetzt will der Chef das auch noch schriftlich?

Dabei ist es ja so, dass ich zuallererst immer genau weiß, wenn ich einen Film furchtbar finde - allen Filmkritiker/innen geht das so, deshalb schreiben sich auch Verrisse wie von selbst. Erstens ist es oft leicht festzustellen, wo ein Film versagt, und zweitens lässt sich so wenigstens ein wenig die Wut wieder vom Leib schreiben über die verrauchte, verschwendete Lebenszeit, die man mit dem Machwerk verbringen musste. (Natürlich ist es herzlich unproduktiv, nur zu schimpfen, aber ich lasse hier mal das Notwehrargument gelten.)

Und so kann man zum Beispiel sehen, dass Filme wie Die Dinos sind los! schon an ihrer schlechten technischen Umsetzung (sprich: der grässlichen Animation) scheitern, während Fünf Freunde 3 eher durch gruselige Dialoge und unerträglichen Exotismus auffällt, und der Kinderrennautofilm V8 - Du willst der Beste sein weder gut gemacht ist noch eine sinnvolle Handlung zusammenbringt - und noch dazu so sehr auf Vermarktbarkeit und Coolness getrimmt ist, dass er auf der anderen Seite ins tiefe Loch der Peinlichkeit herabstürzt.


Bild aus Die Dinos sind los! von Yoon-suk Choi und John Kafka (Copyright: Koch Media)

So hätten wir schon einmal vor ein paar DVD-Neuerscheinungen - aktuelle und kommende - gewarnt, und vielleicht gelernt: Ein guter Kinderfilm sollte nicht peinlich und technisch gut gemacht sein, seine Dialoge dürfen gerne nicht so wirken, als habe sie sich ein kommunikationsgehemmter Fünfzigjähriger ausgedacht. Das ist aber erstens das, was wir uns auch von guten Filmen für Erwachsene erwarten, und es beschreibt dann doch noch nicht wirklich, was einen guten Kinderfilm ausmacht.

Zumal ja so viel von unseren Erwartungen abhängt: Von Trailern und Ahnungen bestimmt glaube ich nicht, dass die demnächst anlaufenden Animationsfilme Die Biene Maja - Der Kinofilm oder Der 7bte Zwerg wirklich spannende, gute Kinderfilme sein werden - ganz zu schweigen von Der kleine Medicus, bei dem sowohl das Grundkonzept als auch der Trailer und die Beteiligung einer deutschen Krankenkasse(!) an der Produktion schlimmstes befürchten lassen - ich erwarte mir von dem Film eine ästhetische Erfahrung wie bei der Lektüre der überhöhten Rechnung nach einem langwierigen Zahnarztbesuch. (Wenn der Film wirklich gut wird, dürfen Sie mir das gerne nachher um die Ohren hauen.)


Bild aus Der kleine Medicus von Peter Claridge (Copyright: Senator Entertainment AG)

Mit der gleichen Ahnungslosigkeit erwarte ich mir mehr von Die Boxtrolls und Anina - aber was mich dazu berechtigt, außer einem gewissen Vibe, der von den Vorschauen ausgeht, könnte ich jetzt nicht bestimmen.

Konkreter geht es im Grunde nur bei DVD-Releases, bei denen ich die Filme tatsächlich kenne, vielleicht erklären diese mir, was ich unter einem guten Film verstehe? Bekas zum Beispiel ist ein Roadmovie, das am Anfang etwas unbeholfen daherkommt, dann aber unprätentiös und mit der Konzentration auf eine einfache, glaubhafte Geschichte solche emotionale Wucht entwickelt, dass die dramatische letzte halbe Stunde nur gefühlsstabilen Kindern angetan werden sollte (trotz des schönen Happy Ends). Und Pettersson und Findus - Kleiner Quälgeist, große Freundschaft schafft es, computeranimierte Elemente völlig unpeinlich in den Realfilm zu integrieren (sieht man im deutschen Film nicht so oft) und kleinere Geschichten gut zu unterhalten - wohl auch, weil man sich so eng an die Buchvorlagen gehalten hat.


Bild aus Pettersson und Findus - Kleiner Quälgeist, große Freundschaft von Ali Samadi Ahadi  (Copyright: Universum Film GmbH)

Sind das perfekte Filme? Sicher auch nicht, davon gibt es aber eh nur wenige. Aber sie sind zugleich so unterschiedlich, dass die Lehre daraus womöglich, wenig überraschend, sein könnte, dass es so richtig gute Kriterien dafür, was einen wirklich guten Kinderfilm ausmacht, womöglich nicht gibt. Ex negativo lässt sich gerade noch so umschreiben, was ihn nicht ausmacht - alles weitere zeigt sich dann doch nur am Einzelstück, und vielleicht am glänzenden, glitzernden, bezaubernd geschliffenen Diamanten.

(Rochus Wolff schreibt im Kinderfilmblog über den schönen, wahren Kinderfilm (oder die Suche danach), so oft ihm das Leben und die Familie dazu Zeit lassen. Er freut sich sehr auf die Mumins-Gesamtausgabe und auf den dritten Kiriku-Film, die gerade auf DVD erschienen sind, sowie auf die von jedem Bildungsauftrag befreiten Unterhaltungsspektakel Paddington und Die Pinguine aus Madagascar.)