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14 21/10

Seitenwege großer Kinomeister: Studio Laika – Futuristen und Maschinenstürmer

Es bedarf einer ganz besonderen Art von Wahnsinn die Grenzen einer toten Kunstform neu auszuloten. Wer würde heute schon Versuchen mit einem Zeppelin einen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen oder einen Roman auf Steintafeln zu meißeln? Doch genau an dieser Art Donquichotterie versuchen sich die kreativen Köpfe von Laika. In einer Zeit, in der praktische Effekte und Handwerk überall den computergenerierten Bildern weichen, arbeitet das Animationsstudio aus Portland an Stop-Motion-Filmen, die sich einerseits wie aus einer vergangenen Ära, gleichzeitig aber auch aufregend und innovativ anfühlen. In dieser Woche startet ihr neustes Werk Die Boxtrolls in den deutschen Kinos. 


Filmstill aus Die Boxtrolls von Graham Annable und Anthony Stacchi (Copyright: Universal Pictures Germany)

Die kuriose Geschichte um einen Waisenjungen, der bei den titelgebenden Trollen aufwächst, stemmt sich gegen viele aktuelle Trends. Der handgemachte Animationsfilm ist in einer künstlerischen Krise. Pioniere der Stop-Motion-Technik wie Will Vinton, Willis H. O'Brien, Ladislas Starevich und zuletzt Ray Harryhausen sind unwiderruflich zum Teil der Vergangenheit geworden. Aber auch ihr Erbe scheint in Gefahr: Computeranimationen sind günstiger und flexibler, brauchen weniger Mitarbeiter und sind weniger fehleranfällig. Außerdem ist Stop-Motion sehr zeitaufwändig: In einer guten Woche können gerade einmal vier bis fünf Sekunden Filmmaterial realisiert werden.

Ähnlichen Umständen fällt gerade der Zeichentrickfilm zum Opfer: Das japanische Studio Ghibli wird nach Die Legende der Prinzessin Kaguya und einem weiteren Projekt auf vorerst unbestimmte Zeit nichts Neues mehr veröffentlichen. Disney eifert nach einigen Misserfolgen in den später Neunzigern und frühen Nullerjahren der Arbeit ihres ehemaligen Partner Pixar nach. Parallel zum Ende des analogen, photochemischen Films findet also noch eine weitere Digitalisierung statt. Und diese birgt die Gefahr, dass alte Techniken unwideruflich verloren gehen. 

In diesem Klima wirkt das Studio aus Oregon, physisch und ideologisch Hunderte von Meilen von Hollywood entfernt, wie ein Anachronismus. Irgendwo im Nichts des pazifischen Nordwestens hat sich ein letztes Widerstandsnest von Träumern und Verrückten gebildet. Von außen haben die Anlagen von Laika in Hillsboro, nahe dem Hipster-Mekka Portland, ein wenig den Charme einer Mehrzweckhalle. Nichts, was hier passiert, ist sonderlich glamourös, auch die ewig tüftelnden und bastelnden Boxtrolls könnten dort leben. Der "Obertroll" ist Vorstandschef und Hauptanimator Travis Knight, Sohn des Nike-Gründers Phil Knight. Es wäre leicht, in ihm den verwöhnten Millionärssohn zu sehen, der, sorglos und ohne Mangel aufgewachsen, nun die ewige Jugend in einer Welt von Puppen und falschen Kulissen zelebriert.


Laika Studiotour - Animation

Doch auch wenn Laika Filme für die ganze Familie macht, also auch für Kinder, ist da nichts Infantiles zu spüren. Im Gegenteil: In einer Kinolandschaft, die den Multiplex-Zuschauer ohnehin nicht für voll nimmt, fühlt man sich hier ernster genommen als bei den meisten Blockbustern für Erwachsene. Firmenchef Travis Knight macht klar: "Wir sind nicht daran interessiert, kleine, visuelle Babysitter zu entwickeln. Wir wollen, dass sich die gesamte Familie mit diesen Filmen auseinandersetzt." Und diesem Anspruch werden Filme wie Coraline und ParaNorman mehr als gerecht. Wie jede Form gelungener Familienunterhaltung sind sie nicht lediglich ein nettes, leicht konsumierbares Sedativum für quengelnden Nachwuchs, sondern verhandeln komplexe und ernste Themen auf eine für Kinder wie Erwachsene greifbare Art und Weise. Außenseitertum, Sexualität, Verlangen, Träume, das Erwachsenwerden und der Tod sind nur einige Beispiele aus dem reichhaltigen Fundus von Sujets, die Laika schon den jüngeren und jüngsten Zuschauern zumutet.

Dieses Kompromisslosigkeit hat beim Publikum ein ums andere Mal für Irritation gesorgt: Das Internet ist voll von Tiraden erboster Eltern, denen die Inhalte zu explizit und düster waren. Als sich eine der Figuren aus dem Grusel-Abenteuer ParaNorman (sehr beiläufig) als homosexuell herausstellt, reagieren christliche Organisationen mit Propaganda- und Indoktrinations-Vorwürfen. Auch die okkulte Thematik trägt dazu bei, dass das PG-Rating des Films mehrfach scharf attackiert wurde.

Laikas Werk kann irritieren; die glatte, naive Familienfreundlichkeit von bedeutend Größeren und erfolgreicheren Studios wie Disney oder Dreamworks fehlt ihnen. Das schlägt sich auch an den Kinokassen nieder. Die Produktionen spielen ihre Kosten in der Regel nur knapp ein, trotz Kritikerlob und Oscar-Nominierungen. Für den Balanceakt am Rande des finanziellen Abgrunds bedarf es eines zweiten Standbeins. Das sind für das Studio Auftragsarbeiten. Neben Großprojekten wie Tim Burtons Corpse Bride oder einem Segment für die Weihnachtsklamauk Harold & Kumar - Alle Jahre wieder sind das vor allem Werbefilme. Die interne Werbeabteilung Laika/House hat sich mittlerweile sogar unter dem Namen House Special selbstständig gemacht. Arbeitsethos und Talentpool bleiben der Gleiche.

Werbung zu machen scheint nur konsequent: Wer dafür bekannt ist, Puppen Leben einzuhauchen, dem fällt dasselbe bei Produkten logischerweise auch nicht weiter schwer. Nüchtern betrachtet sind Alufolie, Cola oder Erdnüsse nicht gerade aufregend. Firmen, die etwas Belangloses, Unbelebtes und Totes verkaufen müssen, wenden sich gerne an Laika.

Die Hormel Foods Corporation mit ihrem SPAM zum Beispiel. Das leicht labbrige Dosenfleisch, das hierzulande vor allem als Namensgeber unerwünschter E-Mails bekannt ist, hat nicht erst, seitdem es mit Müll-Nachrichten gleichgesetzt wird, ein ernsthaftes Imageproblem. Bei Laika wird es zum Rockstar, zum coolsten Kind der Klasse.


Werbespot Bored Room für SPAM


Werbespot Egg Classroom für SPAM

Die Clips zeigen den schrägen Humor des Studios. Die Absurdität eines Klassenraums voller Eier oder eines Meetings voller Brot ist kaum in Worte, dafür aber in Bilder zu fassen. Natürlich sind solche kurzen Clips nicht so aufwändig und detailverliebt wie die Spielfilme, aber auch hier zeigt sich, wie sehr jede Einzelheit durchdacht ist. Die Vorstellung, dass irgendwo auf der Welt ein Mensch erst winzige Tassen designt hat und diese dann in Handarbeit mit "Loaf Corp." bedruckt hat, lässt die eigene Profession, unabhängig davon welche das ist, zugleich deutlich bedeutsamer, aber auch deutlich weniger unterhaltsam wirken. Aber so ist das nun einmal: Die einen gehen ins Büro, andere malen winzige Schilder, die Toaster verbieten. Und bewegen Puppen Millimeter für Millimeter, über Stunden hinweg.

Aber nicht nur im Detail, auch in großen Momenten ist diese Finesse zu spüren: Obwohl sich Stop-Motion eigentlich kaum für Actionsequenzen und Szenen mit vielen Figuren eignet, gibt es diese in ParaNorman und auch bei den BoxTrolls zuhauf. Die Arbeit hinter den Kulissen eines Films spiegelt sich immer im Endprodukt wieder. In Werner Herzogs Eroberung des Nutzlosen, dem Tagebuch der strapaziösen Fitzcarraldo-Dreharbeiten gibt es einen Abschnitt, in dem Herzog mit einem Produzenten über die Notwendigkeit diskutiert, ein echtes Schiff über einen Berg im Urwald zu ziehen. Er besteht vehement darauf, "nicht um des Realismus wegen", sondern "wegen der Stilisierung eines großen Ereignisses". Die Magie von Stop-Motion ist, dass sie einen Teil des performativen Charakters im Kino erhält - genau wie bei handgemachten Spezialeffekten bleibt hier die originäre cineastische Qualität erhalten, eine singuläre Darbietung zu reproduzieren. Laika schafft Ereignisse...

...und begleitet sie auch. Coca-Cola, der Konzern, der sich mehr als jeder andere auf der Welt durch seine Werbung definiert, hat schon viele Male auf das Studio aus Oregon als Partner zurückgegriffen. Unter anderem für seine Werbung zur Fußball-WM 2006. In klaren Bildern wird die einigende Kraft des Ballsports beschworen. Für die Inklusionsexperten, die auch im Hauptwerk immer auf der Suche nach neuen Wegen Versöhnung und Gemeinsamkeit auszudrücken sind, kein Problem.


Werbespot Rivalries für Coca-Cola

Bislang war nur von Stop-Motion die Rede, doch auch die anderen Form des Bewegtbildes sind Laika nicht fremd. Neben Realfilm-Clips gibt es hier auch Zeichentrick (und manchmal sogar CGI). Im Werbespot für Comcast schwingt - wie in allem anderen, was Laika macht - eine tiefe Nostalgie mit. So wie ParaNorman mit einer wundervollen Hommage an alte B-Horrorfilme beginnt, ist der Clip angelehnt an den alten amerikanischen Kinospot Let's All Go to the Lobby. Dass Nostalgie auch eine der Triebfedern von Künstlern ist, die im Jahr 2014 noch mit dem Stoptrick arbeiten, dürfte Niemanden überraschen.


Werbespot Popcorn für Comcast

Doch wie eingangs erwähnt gibt es da noch eine weitere Seite. Neben den Maschinenstürmern, die alles von Hand machen wollen, den Kino-Konservativen, die bewahren und schützen, gibt es bei Laika immer auch die Futuristen. So war das Studio aus Oregon das erste auf der Welt, das für die endlosen verschiedenen Gesichtsausdrücke, die einer Figur nun einmal in der Realität zur Verfügung stehen, auf die neue Technologie der 3D-Drucker zurückgriff. 50.000 einzelne Gesichter wurden auf diese Weise erzeugt.


ParaNorman Featurette: Faces of ParaNorman

Und auch der Macht des Computer verweigert sich Laika natürlich nicht gänzlich. So kann man in den zahlreichen Making-Ofs über die Produktionen auch immer wieder Puppen vor Greenscreens sehen. Und viele topmoderne Werbespots, die man nie mit ihnen in Verbindung bringen würde. Etwa die Kampagne für Ubisofts Videospielreihe "Raving Rabbits", in der eigentlich nur noch der Laika-Humor durchscheint.


Werbespot Rabbids - Turn on TV für Ubisoft

Diesen Zwiespalt vereint sieht man immer dann, wenn mit der alten Technologie hochmoderne Gerätschaften animiert werden. In ParaNorman gibt es Stop-Motion Fernsehapparate und in Coraline winzige, animierte Computerbildschirme. Früher war die Technik vor allem der Darstellung alternativer Welten vorbehalten, jetzt dient sie oft auch dazu, die "Realität" als andersartig und fremd darzustellen - so wie sie für Außenseiter und alle an den Rand Gedrängten ohnehin immer scheint. Diese Botschaften von Empathie und Verständnis ist hier kein Allgemeinplatz, sondern ein spürbar aufrichtiges Anliegen. Eine Spieglung der Biografien von Menschen, die sich gänzlich ihrer Kunst verschrieben haben.

Was an Laika beeindruckt ist, wie sehr die Filme des Studios aus einer Feder oder eben aus einem Guss wirken. Selbst wenn bekannte Namen wie Henry Selick unter ihren Regisseuren sind, ist jeder Film mehr Teil kollektiver Autorenschaft als die einer einzigen Person. Trotzdem entsteht nie das Gefühl, hier wäre ein Komitee am Werke gewesen. Regisseur Sidney Lumet schreibt in seinem Buch Filme machen: "Ich will kein Auteur sein - dafür tragen all diese wundervollen Menschen um mich herum viel zu viel zu jedem Film bei." Von der Arbeit von Studio Laika hätte er sich sicher bestätigt gefühlt. Bleibt nur zu hoffen, dass diese "wundervollen Menschen" uns auch weiter emsig in fremde Welten entführen. Schritt für Schritt, Bild für Bild.

(Lucas Barwenczik)