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15 25/02

Seitenwege großer Kinomeister: Clint Eastwood – Schuld und Sühne in Amerika

Das Selbstverständnis jedes Regisseurs findet sich in seinen Bildern wieder. Wenn Clint Eastwood sich in Erbarmungslos gegen das schwache Licht der aufgehenden Sonne filmen lässt, dann wird aus dem einsamen Cowboy Will Munny ein Schatten. Eine mythische Gestalt, die mehr Idee als Mensch ist. Munny reitet hier aber nicht, wie für Westernhelden üblich, in den Sonnenuntergang, sondern hebt ein Grab für seine verstorbene Frau aus. In einer Szene erklärt er: "Jemanden zu töten ist eine schlimme Sache. Du löscht alles aus, was er war und je hätte sein können."


(Filmstill aus Erbarmungslos; Copyright: Warner Bros.)

Chris Kyle, Scharfschütze der Navy-SEALs und Hauptfigur von Eastwoods neuestem Film American Sniper (ab morgen auch in deutschen Kinos zu sehen) hat es auf über 160 bestätigte Abschüsse gebracht, hat über 160 Mal ausgelöscht. Genau wie bei Munny waren unter seinen Opfern Frauen und Kinder.

Doch irgendwo in den zwei Dekaden, die zwischen diesen Filmen vergangenen sind, muss etwas geschehen sein. Eastwoods Haltung zu Munny war eine andere als die zu Kyle. Munnys Vigilantismus führt nur zu immer neuem Leiden, er beschwört einen endlosen Zyklus aus Mord und Rache. Am Ende bleibt ihm nur die Flucht aus der Zivilisation, ins Exil. Chris Kyle hingegen verlässt den Film mit der Anmutung eines Triumphs. Auch wenn sein Leben ein tragisches Ende nimmt, kann er sich der Verehrung seiner Landsleute sicher sein. Ein Mörder wird verachtet, ein anderer verehrt.

Beide Filme handeln, wie Eastwoods Geschichten es eigentlich immer tun, von Gewalt. Und von den Männern, die sie ausüben. Verhandelt werden nicht weniger als die Moral Amerikas und die konservativen Werte des Landes: Stärke, Heimatliebe, Familie und Individualität.

Kein Genre ist so amerikanisch wie der Western, keine Figur so amerikanisch wie der Cowboy. Er ist ganz Individuum, lebt nach eigenen Regeln und lässt sich von niemandem etwas vorschreiben. Seine Freiheit bedeutet der Nation, die sich als "land of the free and the home of the brave" versteht, alles. Es ist eine mythische Sagengestalt, die fast jeder Kulturkreis kennt: Die Entsprechung sind europäische Ritter oder japanische Samurai, nur ohne den klaren Ehrenkodex, der ihnen von den Geschichten zugeschrieben wird.

Clint Eastwood hat seine ganze Karriere lang diesen Archetyp gespielt, nur mit leichten Variationen. Seine Reichweite als Darsteller war immer schon (er selbst wäre der erste, der dies eingesteht) eingeschränkt. Gestik und Mimik des DJs Dave Garver aus seinem Regiedebüt Sadistico ähneln denen von Performer Bill McCoy aus Bronco Billy, und der Filmemacher John Wilson aus Weißer Jäger, schwarzes Herz unterscheidet sich nur unwesentlich von Infanteriesoldat Kelly aus Stoßtrupp Gold.

Egal, wen er gerade verkörpert, sein Blick wirkt, als würde er geradewegs in die Sonne starren. Es ist ein Ausdruck von Verachtung gegenüber einer Welt, die ihm immer neue Hindernisse in den Weg wirft, die sich ihm nicht unterordnen will. Lächeln fällt ihm schwer - meistens erinnert es eher an ein Zähnefletschen. In Slapstickkomödien wie Der Mann aus San Fernando (an der Seite des Orang-Utan Clyde) oder in Liebesdramen wie Die Brücken am Fluß wirkt er immer ein wenig fehl am Platz - auch wenn die Filme insgesamt gelungen waren.

Doch Eastwoods politische und ideologische Überzeugungen waren vieldeutiger als seine Mimik. Immer wieder wehrt er sich gegen Analysen und Interpretationen seiner Filme in die eine oder andere Richtung. In Interviews erklärt er seine Filme (auch American Sniper) oft zu apolitischer Unterhaltung, sich selbst zum Kriegsgegner, inspiriert vom modernen Schutzheiligen der Liberalen, Milton Friedman, und dem kritischen Intellektuellen Noam Chomsky. Er unterstützt die gleichgeschlechtliche Ehe und warnt vor dem Klimawandel - beides hat in seiner Partei (den Republikanern) Seltenheitswert. Nur auf den ersten Blick ist der 1930 in San Francisco geborene Schauspieler, Regisseur und Produzent so leicht einzuordnen, wie seine Kritiker es gerne hätten.


(Trailer zu American Sniper)

Eastwood erlebt eine entbehrungsreiche Kindheit, zuerst im Schatten der Weltwirtschaftskrise, dann schockiert von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs. 2006 veröffentlicht er zwei Filme, die den Pazifikkrieg zuerst aus der Perspektive der Amerikaner (Flags of Our Fathers), dann aus der der Japaner (Letters from Iwo Jima) schildern. Heute erzählt er von der damals verspürten Hoffnung, es wäre der Krieg, durch den die Menschheit ihre Freude am Blutvergießen verliert.

Es kommt anders: Der Koreakrieg bricht aus, im Alter von 21 Jahren wird er in die Armee eingezogen, dient aber nur als Schwimmlehrer. 1952 lässt er sich als Republikaner registrieren, um Dwight D. Eisenhower und seinen Kampf gegen Korea, Communism and Corruption zu unterstützen. Einer Karriere im als liberal verschrienen Hollywood steht er zunächst skeptisch gegenüber. Freunde überreden ihn schließlich doch dazu, was aus heutiger Sicht nur schwer vorstellbar erscheint.

1954 nimmt Universal Pictures den stillen, sportlichen Hünen von fast zwei Meter Größe unter Vertrag. Das Studio gibt ihm Schauspielunterricht und winzige Rollen, etwa in Monsterfilmen wie Die Rache des Ungeheuers oder Tarantula. Während Eastwood erwachsen wird, reift das Fernsehen zum Massenmedium heran. Mit Westernserien wie Mavericks und Tausend Meilen Staub findet er Ende der 1950er Jahre zu sich selbst. Und wird gefunden: Der noch weitestgehend unbekannte italienische Regisseur Sergio Leone sucht nach einem Protagonisten für seinen neuen Film Für eine Handvoll Dollar. Es ist Eastwoods Durchbruch, kein Film wird seine Identität als Schauspieler so sehr bestimmen wie die grimmige Neuinterpretation von Akira Kurosawas Yojimbo - Der Leibwächter.

Eastwoods frühe Rollen, wie der namenlose Held des Films oder der Selbstjustiz verübende Polizist Harry Callahan waren konservative Allmachtsfantasien. Es sind Filme voller Machismo und Brutalität, aus denen die Werte der Kriegsgeneration sprechen. Die amerikanische Rechte floh vor dem linken Zeitgeist, vor Studentenprotesten, Flower-Power und Bürgerrechtsbewegung in die Kinos. Der wortkarge Großstadtcowboy macht Eastwood endgültig zum Hollywood-Superstar, Dirty Harry war ein Hit, der noch vier Fortsetzungen nach sich zog. Ausgerechnet in der Hippie- und Homosexuellenmetropole San Francisco macht er Jagd auf einen Scharfschützen-Serienkiller(!) mit angestecktem Peace-Symbol. Seine größten Feinde waren jedoch stets feige Bürokraten, ängstliche Richter - Manifestationen von Lyndon B. Johnsons demokratischer Regierung und Richard Nixons Orientierung an der politischen Mitte. Seine charakteristische Waffe, die 44er Magnum, wird fast fetischhaft in Szene gesetzt, sie gibt dem zweiten Teil der Reihe Magnum Force sogar ihren Titel. Später als Regisseur sollte Eastwood seine Figuren oft über ihre Waffe definieren, auch von Chris Kyle zeigt er zuerst den Lauf seines Gewehrs, die Waffe wird zur Verlängerung des menschlichen Körpers.


(Filmstill aus Gran Torino; Copyright: Warner Bros.)

Die Kritikerin Pauline Kael sah in Don Siegels harten Krimigeschichten eine Heiligsprechung gewalttätiger Polizisten, einen Rückfall in Rechtsvorstellungen des Mittelalters. Feministen und LGBT-Aktivisten protestierten mit Plakaten vor der vierundvierzigsten Oscarverleihung und skandierten: "Dirty Harry is a rotten pig."

Noch heute ziehen Eastwoods Filme immer wieder solche Kontroversen nach sich. Von John McCain, Kid Rock und Sarah Palin (Befürworter), bis hin zu Michael Moore, Alec Baldwin und Bill Maher (Kritiker) fühlt sich die halbe Nation dazu berufen, American Sniper zu beurteilen. Seth Rogen verglich ihn mit Stolz der Nation, dem fiktiven Nazipropaganda-Streifen aus Quentin Tarantinos Inglourious Basterds.


(Kurzfilm Stolz der Nation von Eli Roth)

Eastwood wehrte sich entschieden gegen die Vorwürfe an Dirty Harry, ähnlich wie er heute auch American Sniper verteidigt. Aber er erkannte 1971 offensichtlich auch den wahren Kern der Vorwürfe, selbst wenn er das nicht öffentlich äußerte. Anstatt seine Fehler offen einzugestehen, wird er als Regisseur selbst zu seinem größten Kritiker. Nur wenige Regisseure stehen so sehr im Konflikt mit ihrem eigenen Werk wie Eastwood.

Seine Art, Regie zu führen, ist seinem Schauspiel nicht unähnlich. Als Darsteller verzichtet er auf große Gesten. Selbst früh in seiner Karriere wirkte er vor der Kamera unbewegt, für einen Actionhelden eigentlich schon damals zu hüftsteif. Seine Gefühle bleiben selbst in dramatischen Momenten unter einer starren Oberfläche verborgen. Das trauernde Gesicht des Boxlehrers Dunn hüllt er auch 2004, im Finale seines Sportdramas Million Dollar Baby, noch tief in den Schatten eines abgedunkelten Raumes. Seine Filme sind wie ihre Protagonisten, zurückhaltend, still, stark und beherrscht. Seine Darsteller führt er so, wie er selbst spielen würde. Egal ob Bradley Cooper oder Gene Hackman (Erbarmungslos, wahrscheinlich die beste Schauspielleistung aller Eastwood-Filme) - alle werden zu Versionen seiner Leinwandpersona.

Sein Debüt hinter der Kamera gibt er 1971 mit dem Psychothriller Sadistico. Ein weiblicher Fan verführt einen erfolgreichen DJ (Eastwood) und treibt ihn langsam in den Wahnsinn. Am Ende wehrt er sich und stürzt die junge Frau von einer Klippe. Und auch wenn der Film bis zu diesem Moment darstellt, das sie vermeintlich ihre verdiente Strafe erhalten hat, ist es ein Pyrrhussieg. Die letzte Einstellung des Films zeigt ihre Leiche im Wasser, die Kamera entschwebt wie die Seele der Verstorbenen und hinterlässt den Zuschauer nicht mit einem Gefühl von Triumph, sondern von Trauer und Verlorenheit. Schon von seinem ersten Film an versucht er, der Gewalt die Befriedigung zu nehmen, ihren Sinn für Gerechtigkeit.


(Trailer zu Sadistico)

Über die Dirty Harry-Reihe gewann Eastwood mit jedem Film mehr Kontrolle, bei dem vierten Teil der Serie (Dirty Harry kommt zurück) führte er sogar selbst Regie. Der populäre Actionheld wird zunehmend zum Gradmesser, wie weit fortgeschritten der Regisseur in der Revision seines ursprünglichen Bildes schon ist. Bereits im zweiten Teil kämpft Harry nicht nur gegen Gangster, sondern auch gegen andere Polizisten, die Verbrechen begehen. Die Staatsmacht richtet sich gegen sich selbst. Im vierten Teil schließlich tritt Harry gegen eine extremere, weibliche Version seiner Selbst an: Sondra Locke, bekannt aus anderen Eastwood-Filmen wie Der Mann, der niemals aufgibt oder Der Texaner, spielt das auf Rache sinnende Vergewaltigungsopfer Jennifer Spencer. Sie wird zum Racheengel und sucht ihre Peiniger auf, um sie zuerst zu entmannen und dann zu töten. Der Polizist wird zum Verteidiger des Systems, das er immer nur als Hindernis wahrgenommen hat.

Viele seiner Streifen, etwa der Actionthriller Der Mann, der niemals aufgibt sind sich ihrer faschistoiden Ideen bewusst, doch ein sehr klassischer Stil, bei dem der größte Reiz immer noch in Action und Schießereien liegt, verhindern wirkliche Kritik. Mit komödiantischen Beiträgen wie Bronco Billy tritt er den Versuch an, sein eigenes Macho-Image umzudeuten.

Wachsende Selbstreflexion zieht sich durch die zwei Jahrzehnte von Eastwoods Filmografie, die an Dirty Harry anschließen, um schließlich in Erbarmungslos zu kulminieren. Der Spätwestern ist bis heute eine der effektivsten Dekonstruktionen des Genres und stellt die so genannten Helden auf eine Stufe mit den für ein jubelndes Publikum hingerichteten Schurken, die sie sonst bekämpfen. Wie in späteren Filmen identifiziert er sie als Männer einer vergangenen Epoche, für die es in der Moderne keinen Platz mehr gibt. Eastwood verknüpft Amerika Gründungsmythos eng mit ihnen, vergossenes Blut wird zum Fundament, auf dem die Nation erbaut wurde.

Keiner von Eastwoods Filmen ist ein pazifistisches Manifest. Gewalt ist für ihn manchmal notwendig, zur Verteidigung oder als letztes Mittel zur Konfliktlösung. Aber sie korrumpiert und versieht Menschen mit einem Makel, von dem sie sich nie wieder befreien können. Kurzfristig führt sie zu Erfolg und Ruhm, langfristig zum Untergang.

Der Film macht all die cineastischen Plädoyers für Faustrecht und Blutrache nicht ungeschehen, versieht aber jeden Satz mit einem Fragezeichen. Der Film wird ein großer Erfolg, sowohl kritisch als auch kommerziell, und sichert Eastwood neben vier Oscars auch seine Eintrittskarte ins Establishment Hollywoods.

In den folgenden Jahren führte er die Themen von Erbarmungslos fort, mit Filmen wie Perfect World über die Freundschaft zwischen einem Kidnapper und dem kleinen Jungen, den er als Geisel hält, oder dem erstaunlich ambitionierten Drama Mitternacht im Garten von Gut und Böse, über die Ermordung des Liebhabers eines dandyhaften Millionärs. Aus dem belächelten Cowboy wurde ein respektierter Filmemacher mit einer einfachen, aber bedeutsamen Fragestellung. Die formuliert die Politikwissenschaftlerin Drucilla Cornell in ihrem Buch Clint Eastwood and Issues of American Masculinity folgendermaßen: "Was bedeutet es, ein Leben als guter Mensch zu führen, in einer komplexen und grausamen Welt?"

In den letzten zwei Jahrzehnten merkt man Eastwoods Filmen mehr und mehr sein gehobenes Alter an. Nicht weil sie langsam oder erschöpft wirken, im Gegenteil: Die Actionszenen eines American Snipers sind kinetisch, wie sonst kaum ein Werk in seiner Filmografie. Dass ein Mann von über 80 Jahren sie gedreht hat, ist manchmal schwer vorstellbar. Aber sie bilden ab, wie stark er sich heute seiner eigenen Sterblichkeit bewusst ist. Hereafter - Das Leben danach handelt ganz explizit von der menschlichen Vergänglichkeit. Oft sind es auch Geschichten über persönliche Vermächtnisse, über die Frage, was von einem Menschenleben zurückbleibt. Es wird von Lehrern erzählt, von Menschen, die ihre eigenen Werte an eine neue Generation weitergeben wollen: Boxlehrer Frankie Dunn aus Million Dollar Baby führt seine eigenen Kämpfe in der jungen Maggie Fitzgerald fort, in Gran Torino entdeckt der Koreaveteran Walt Kowalski ausgerechnet im jungen Einwanderer Thao einen würdigen Nachfolger.


(Trailer zu Gran Torino)

Mit American Sniper gibt Clint Eastwood seine Auseinandersetzung mit seinen Figuren nicht auf, schirmt aber den Kern seines Schaffens zunehmend gegen Kritik von außen ab. Einen wirklichen Fehler begeht Chris Kyle, zumindest auf dem Schlachtfeld, nicht. Die Paraden und Ehrerbietung am Ende des Films gelten für Eastwood im gleichen Maße, wie sie für den Protagonisten gelten. Es ist eine filmgewordene Trotzreaktion. Bradley Cooper spielt eine innere Versehrtheit, der Scharfschütze leidet unter posttraumatischer Belastungsstörung. Doch er streift sie ab wie einen alten Mantel, in dem Moment, in dem er eine neue Aufgabe findet. Zurück bleibt ein Denkmal. Seine Kritiker sind Eastwood gerade einmal eine einzige, kleine Szene wert: Bürokraten befragen den Scharfschützen über seine Abschüsse, doch die Sequenz geht so schnell, wie sie gekommen ist.

Chris Kyles schwarzweißes Weltbild erlaubte keinen Widerspruch. Eastwood versteht sich zunehmend als Veteran des Kinos und macht sich diese Haltung gemein. Es ist immer enttäuschend, wenn ein zorniger Gegner der Grausamkeit in der Welt sie schlussendlich zu akzeptieren lernt. Clint Eastwood flüchtet wieder zurück in den Schatten eines engen Selbstbildnisses, dem er eigentlich schon längst entwachsen war. Man kann nur hoffen, dass es nicht der tragischste Ritt in den Sonnenuntergang wird, den die Kinogeschichte je gesehen hat.

(Lucas Barwenczik)