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17 28/09

San Sebastián 2017: "Marrowbone" von Sergio G. Sánchez

Marrowbone beginnt mit einem hinlänglich bekannten Motiv des Gruselfilm-Genres: dem Wunsch einer traumatisierten Familie nach einem Neuanfang, welcher sich durch einen Ortswechsel erfüllen soll. Das schöne, alte Haus fernab von der großen Stadt, in das solche Familien zumeist hoffnungsfroh einziehen, erweist sich dann stets als haunted house. Die Dämonen der Vergangenheit kehren zurück, nehmen schaurige Gestalt an und fordern zur Konfrontation, zum erbitterten Kampf auf. "You can run but you can't hide", so lautet die Botschaft dieser Erzählungen.


(Filmstill aus Marrowbone; Copyright: Quim Vives) 

Rose Fairbairn (Nicola Harrison) flieht mit ihren Kindern - den Heranwachsenden Jack (George MacKay), Billy (Charlie Heaton) und Jane (Mia Goth) sowie dem kleinen Sam (Matthew Stagg) - in den 1960er Jahren aus England in die USA, um auf dem heruntergekommenen, aber immer noch malerischen, ländlichen Anwesen, auf dem sie vor vielen Jahren aufwuchs, die Gräueltaten ihres inhaftierten Gatten Simon (Tom Fisher) zu vergessen und endlich als Familie glücklich zu werden. Am Strand begegnen die Kinder der jungen Bibliotheksangestellten Allie (Anya Taylor-Joy) aus der nahe gelegenen Kleinstadt, die rasch zu einem Teil der Gruppe wird - und so scheint sich das Sehnen nach Sicherheit, nach einem Dasein ohne Kummer und Schmerz für die Fairbairns, die sich nun Marrowbones nennen, tatsächlich zu realisieren. Doch dann erkrankt Rose schwer. Sie bittet Jack, sich nach ihrem Tod um seine Geschwister zu kümmern und niemanden über ihr Ableben zu informieren, damit die vier Waisen nicht auseinandergerissen werden. Die Marrowbone-Sprösslinge verschanzen sich daraufhin auf dem Anwesen; Jack behauptet gegenüber den Leuten aus der Umgebung, seine Mutter könne das Haus nicht mehr verlassen. Als eines Tages die schlimmste Angst der Kinder - die Rückkehr des bewaffneten Vaters - wahr wird, droht dem aufgebauten Glück ein jähes Ende. Zwar gelingt es Jack letztlich, den Angreifer zu überwältigen, aber auch sechs Monate nach dem Vorfall scheint im Heim der Marrowbones etwas nicht mehr zu stimmen.


(Trailer zu Marrowbone)

Regisseur und Drehbuchautor Sergio G. Sánchez präsentiert mit diesem Werk seinen ersten Kino-Langfilm; zuvor verfasste er unter anderem die Drehbücher zu J.A. Bayonas Arbeiten Das Waisenhaus (2007) und The Impossible (2012). Doch wiewohl er über mehr Erfahrung im Schreiben verfügt, zeigt Sánchez insbesondere in der Inszenierung seiner Geschichte ein äußerst bemerkenswertes Können. So gelingt es ihm mit seinem Kameramann Xavi Giménez, das Leben des Waisen-Quartetts auf dem maroden Anwesen mit verwildertem Garten in einnehmende Bilder zu fassen, die an die Rätselhaftigkeit und (Alb-)Traumatmosphäre der frühen Peter-Weir-Filme (etwa Picknick am Valentinstag) erinnern. Ebenso beeindruckend sind die Naturaufnahmen, in denen sich die Idyllik und die lyrische Stimmung von Anbeginn mit Melancholie und Unbehagen verbinden; stets weht hier eine böse Vorahnung durch die Szenerie. Sánchez baut eine subtile Spannung auf, die einerseits - ganz in der Tradition des haunted-house-Subgenres - aus einem Wechselspiel aus Stille und Lärm resultiert, aus Knarz- und Knarr-Geräuschen und der Frage, ob da vielleicht irgendetwas beziehungsweise irgendwer in einer dunklen Ecke, auf dem Dachboden oder in den Wänden lauert, andererseits aber auch daraus, dass man als Zuschauer_in eine Nähe zu den Figuren spürt. Mit George MacKay (Captain Fantastic), Charlie Heaton (Stranger Things), Mia Goth (A Cure for Wellness), Anya Taylor-Joy (The Witch) und dem kleinen Matthew Stagg hat Marrowbone einen herausragenden Jungstar-Cast zu bieten, der den Film zu einem glaubwürdigen Coming-of-Age-Drama macht.


(Filmstill aus Marrowbone; Copyright: Quim Vives)

In welche anderen Genre-Gefilde Sánchez vordringen möchte, bleibt zunächst unklar - ob es sich also tatsächlich um eine klassische Spukhaus-Geschichte handelt oder eher um einen Suspense-Thriller, ein finsteres Fantasy-Märchen oder gar um ein filmisches Psychogramm, zeigt sich erst gegen Ende. Versierte Zuschauer_innen könnten die Auflösung aufgrund diverser Hinweise ab einem gewissen Punkt womöglich vorhersehen. Entscheidend ist aber, dass Marrowbone nicht zu den Werken gehört, die einzig und allein auf einen mehr oder weniger überraschenden Twist ausgerichtet sind und sonst nichts vorzuweisen haben. Wie in dem großartigen, auf ähnliche Weise mit Genre-Elementen spielenden Schrei in der Stille (The Reflecting Skin, 1990) von Philip Ridley entsteht die Faszinationskraft aus den inneren Konflikten der Figuren - daraus, was diese in Angst versetzt, was sie (vielleicht) halluzinieren und was sie als Hindernisse zu überwinden haben. Angesichts des interessanten geschwisterlichen Gefüges wäre es gar nicht nötig gewesen, dass mit dem ehrgeizigen Bankmitarbeiter Porter (Kyle Soller) ein eindimensional gezeichneter Gegner auftaucht, durch den sich die Situation rasch zuspitzt. Marrowbone lebt vielmehr von seiner ambivalenten Atmosphäre und den überzeugend interpretierten Empfindungen seines Personals.

(Festivalkritik von Andreas Köhnemann)