Road to the Oscars: Ken Loach für Kinder – "Mein Leben als Zucchini" - B-Roll Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
  • Blogs
  • )
  • B-Roll
  • )
  • Road to the Oscars: Ken Loach für Kinder – "Mein Leben als Zucchini"
17 24/02

Road to the Oscars: Ken Loach für Kinder – "Mein Leben als Zucchini"

Unter den fünf Nominierten für den Academy Award als bester Animationsfilm stellt Claude Barras` Mein Leben als Zucchini gleich in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahme dar. Da wäre zum einen die Herkunft des Films: Die schweizerisch-französische Koproduktion nimmt sich gegen die US-amerikanische Konkurrenz wie ein Exot aus und erinnert zugleich an die beachtlichen Verdienste europäischer Trickfilmer von Das große Rennen von Belleville (Regie: Sylvain Chomet, 2004 als bester Animationsfilm nominiert) bis hin zu Nick Park (Wallace & Gromit - Die Jagd nach dem Riesenkaninchen, Academy Award 2006 in der gleichen Kategorie).


(Bild zu Mein Leben als Zucchini von Claude Barras; Copyright: Polyband Medien)

Doch es ist nicht allein die Herkunft, die Mein Leben als Zucchini zu etwas Besonderem macht. Während bei der Konkurrenz um den Oscar unzählige Grafikprozessoren um die Wette werkelten, besteht Mein Leben als Zucchini zum anderen überwiegend aus Handarbeit. In aufwendiger Stop-Motion-Animation von ca. 25 cm großen Puppen wurde die Geschichte zum Leben erweckt, indem die Figuren mit einem Metallskelett als Kern und aus unterschiedlichen Materialien wie Latexschaum (Haare), Silikon (die Arme) und Kunstharz (die Köpfe) in kleinsten Bewegungen jeweils fotografisch festgehalten wurden. Eine Arbeit, die unendlich viel Mühe, Erfahrung und Präzision verlangt. Natürlich geht es auch bei einem Puppentrickfilm mittlerweile nicht mehr ohne Computerunterstützung, doch allein die bloßen Zahlen von der Produktion sind mehr als beeindruckend: Insgesamt 54 Puppen und 60 maßstabsgetreue Kulissen mussten gebaut werden. Insgesamt dauerten die Aufnahmen acht Monate, während der teilweise an 15 Sets gleichzeitig gearbeitet und gedreht wurde. Und nach Abschluss dieser Herkulesarbeit folgte die Postproduktion, die abermals acht Monate in Anspruch nahm, um die Einzelszenen am Computer zu bearbeiten, zu vertonen und mit dem Soundtrack zu versehen, der von der Schweizer Singer/Songwriterin Sophie Hunger stammt.

Ausschlaggebend dafür, dass Mein Leben als Zucchini aber für mich jetzt schon als Sieger der Herzen feststeht, ist vor allem die Geschichte und die Art und Weise, mit der Claude Barras und seine Mitstreiter sie erzählen. Während normalerweise Kinderheime in Filmen als Ort des Schreckens dargestellt werden, verhält es sich in diesem Falle umgekehrt: Das Leben der kleinen Protagonisten "draußen" jenseits der Mauern ist dasjenige, das von Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch geprägt ist, während sie "drinnen" den Schutz und die Wärme erfahren, die man normalerweise mit einer Familie verbindet. 


Trailer zu Mein Leben als Zucchini

Basierend auf Gilles Paris' Buch Autobiographie d'une courgette ist Claude Barras zusammen mit seiner Co-Autorin, der Filmemacherin Céline Sciamma (Tomboy, Girlhood/Bande de filles), trotz der Wahl, das Thema in animierter Form zu behandeln, ein überaus bewegender Film gelungen, dem das Kunststück gelingt, ebenso nüchtern wie poetisch, realistisch wie verträumt und ernsthaft wie heiter zu sein. Ein Film, der Kinder und ihre Gefühlswelten ernst nimmt, von dem aber auch Erwachsene unglaublich viel über die Seelen der Jüngeren lernen können. Oder wie der Regisseur es selbst auf den Punkt bringt: Er habe gerne einen Ken-Loach-Film für Kinder machen wollen. 

Und weil in diesem Jahr mit Michael Dudok de Witts wunderschöner und ebenso bewegender Die rote Schildkröte gleich noch ein zweiter Animationsfilm aus Europa ins Rennen geht, stehen die Chancen nicht schlecht, dass die "alte Welt" am Sonntagabend in Hollywood triumphieren kann. Zwar ist dadurch die marktbeherrschende Dominanz von Pixar, Disney und Co. noch lange nicht gebrochen, doch allein die zweifache Nominierung sollte eine Ermutigung an die Regisseure und Studios, die Produzenten und Förderer sein, jenseits von Werken, die allein auf die ganz jungen Zuschauer abzielen, dem anspruchsvollen Animationsfilm wieder bessere Möglichkeiten zu bieten.

(Joachim Kurz)