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17 15/03

No "Loving" in Cinema - Die kino-zeit-Kolumne

Theoretisch – okay, sehr theoretisch – leben wir derzeit in einem spannenden Zeitalter der Cinephilie: Die digitalen Produktions- und Distributionswege verheißen einen nahezu uneingeschränkten Zugang zu Filmen aus allen Ecken der Welt: Bollywood-Filme, spannende Entdeckungen aus Südostasien, Thriller aus Nigeria oder Ghana, dokumentarische Entdeckungsreisen bis in die entferntesten Gegenden der Weltkarte kann man auf Festivals, bei Streamingdiensten, auf DVD oder manchmal sogar im Kino entdecken. Soweit die Theorie.


(Bild aus Loving; Copyright: Universal Pictures International Germany GmbH)

Die Praxis sieht anders aus. Wie eklatant der Unterschied zwischen den Verheißungen des globalisierten Verkehrs von Filmen und der realen Handhabe ist, kann oder muss man gerade wieder einmal entsetzt feststellen. Als im vorigen Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes Jeff Nichols’ neuer Film Loving mit Joel Edgerton und der herausragenden Ruth Negga zu sehen war (letztere war übrigens gerade für diese Rolle als beste Darstellerin bei den Academy Awards nominiert und zählte für mich zu den großen Favoritinnen), begeisterte dieses stille und feinfühlige Drama über Rassentrennung in den USA der 1950er und 1960er Jahre nicht nur die Kritiker (89% bei Rotten Tomatoes), sondern erwies sich im Zuge der #BlackLivesMatter-Bewegung und der Veränderungen in den USA nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten als prophetisch und als wichtiges Statement in zunehmend unsicher werdenden Zeiten. Der ursprünglich vom deutschen Verleih Universal Pictures anberaumte Starttermin am 2. Februar 2017 wurde irgendwann um drei Wochen nach hinten verschoben und dann stillschweigend ausgesetzt – in der offiziellen Kinostartliste des Verbandes der deutschen Filmtheater vdfkino.de findet sich der (falsche) Starttermin heute noch, während es schnell die Runde machte, dass der Film nun doch direkt auf DVD vermarktet werden wird.

Die Zaghaftigkeit des deutschen Verleihers scheint in Europa eine Ausnahme zu bilden – in anderen Ländern wie den Niederlanden, Frankreich, Spanien, Großbritannien, Irland, Norwegen und Italien traut man dem Film schon zu, sein Publikum zu erreichen. Nur hier ticken die Uhren anscheinend anders. Offiziell hält man sich bedeckt, hinter vorgehaltener Hand allerdings wird gemunkelt, dass man nicht so recht an den Film glaube - ob das freilich durch den Gewinn eines Academy Award anders gewesen wäre, ist zumindest fraglich. Das wirft die Frage auf, ob Deutschland nun seiner Zeit voraus ist und wir hier gerade einen Umbruch auf dem Kinomarkt bemerken, der anderswo erst noch stattfinden wird. Oder ob nicht vielleicht doch gerade in Deutschland besondere Rahmenbedingungen herrschen, die diesen Markt besonders schwierig machen – die Zahl 1,71 Kinobesuche pro Kopf liegt jedenfalls deutlich unter dem europäischen Schnitt.


(Trailer zu Loving)

Die Kinomüdigkeit der Deutschen könnte sich aber noch weiter verschärfen und das könnte durchaus an einer allgemeinen Entwicklung liegen, für die der Nicht-Start von Loving ein Symptom ist, das sich in Zukunft wiederholen könnte: Loving ist ein Film, der zu klein ist, um mit den kalkulierten Blockbustern und Superhelden-Franchises mithalten zu können, und zugleich zu groß ist, um bei ambitionierteren Arthouse-Verleihern zu landen. Für diesen Mittelbau gibt es kaum mehr einen Platz in den Kinos und wenn hier keine Lösung gefunden wird, wird er womöglich bald völlig wegbrechen. Schon scheint vor allem Netflix die Finger nach diesem mittleren Segment auszustrecken, das zwar nicht unbedingt die große Rendite, aber immerhin viel Renommee verspricht. Unklar ist indes die Strategie, die der Streaming-Riese in Zukunft verfolgen wird: Soll es auch außerhalb der USA zu punktuellen Kinostarts kommen, wie dies in Amerika angestrebt wird? Bislang gibt es kaum Anhaltspunkte, die darauf hindeuten. Schade eigentlich, denn vielleicht hätte ein neuer Player auf dem Kinomarkt den dringend nötigen Impuls für die anderen Mitbewerber bedeutet. Ansonsten scheint es viel eher so zu sein, dass wir künftig immer häufiger auf Filme wie Under the Skin, Chi-raq, The Lobster oder nun eben Loving im Kino verzichten müssen. Wenn man rein auf die kurzfristigen Renditeerwartungen schaut, mag das zunächst nicht als allzu großer Verlust erscheinen. Viel fataler aber ist das mittel- bis langfristige Signal, das von dieser Entwicklung ausgeht: Es verprellt genau jenen Teil der Zuschauer, der im Kino mehr sucht als nur tumbes Amüsement und seichte Unterhaltung. Wer sich auf vermeintliche Erfolgsformeln verlässt, mag zwar kurzfristig aufs richtige Pferd setzen, mittel- bis langfristig aber wird die Ausdünnung ganzer Segmente und der Verzicht auf anspruchsvolle Filme mit klarer Haltung zu dem, was in der Welt vor sich geht, verheerende Folgen haben.


(Bild aus The Lobster; Copyright: Sony Pictures Home Entertainment)

So könnte der Titel von Jeff Nichols’ Drama fast schon zu einem Fanal für die unruhigen Zeiten werden, denen das Kino entgegengeht: Wenn nicht einmal mehr die unerschütterliche Liebe der Lovings eine Chance im Kino bekommt, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass die Liebe zum Kino sich derzeit heftigen Rückzugsgefechten mit ungewissem Ausgang ausgesetzt sieht.

(Joachim Kurz)

Anmerkung: Loving hat nun doch einen deutschen Starttermin erhalten, am 15.6. 2017 wird der Film in den Kinos starten. Das ändert aber nichts an der oben beschriebenen Tendenz.

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 2 von insgesamt 2)
Von: Joachim Kurz am: 30.03.17
Doch, Herr Lösel, die Zahl bezieht sich - leider - auf ein Jahr.
Von: Edgar Lösel am: 22.03.17
> 1,71 Kinobesuche pro Kopf Auf welchen Zeitraum bezieht sich das? Hoffentlich nicht auf ein Jahr...