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16 21/01

Max Ophüls Preis 2016: "Agnes" von Johannes Schmid

Agnes wandelt im Schnee: Sie ist gefühlt nackt. Um sie herum nur deutscher Dämonenwald: Es ist pechschwarz - und sterbenskalt. Aber genau das will sie ja! Der Reißverschluss geht auf, die Kleider fallen und ihre Füße graben sich sanft in den weißen Untergrund. Michael Bertls exzellente Kamera mit bewusstem Blaustich folgt ihr von Beginn an unaufdringlich, aber gnadenlos: Agnes' Reise mit der fulminanten Odine Johne in der Titelrolle geht hier zu Ende. Oder beginnt sie nur wieder von vorne?


(Trailer zu Agnes von Johannes Schmid)

Sicher ist, dass nichts sicher ist in diesem wahrlich bemerkenswerten Wettbewerbsbeitrag des bereits erfahrenen Johannes Schmid (Blöde Mütze!, Wintertochter) beim 37. Festival Max Ophüls Preis in Saarbücken. Umso mehr fasziniert das fesselnd-liebliche Spiel der Physik studierenden Protagonistin, der Walter (Stephan Kampwirth) vom ersten Moment an blind verfällt. Immerhin im biederen Setting einer deutschen Universitätsbibliothek, weil Walter dort als Sachbuchautor gerade zur Geschichte des deutschen Arbeitsbegriffes recherchiert. Eher aus Unlust, aber im stillen Verlangen sicherlich auch für seine zweite große Liebe: Louise (Sonja Baum), einer professionell-distanzierten PR-Agentin im selten gefälligen Verlagswesen. Mit ihr verbindet ihn lediglich der pure Austausch von Körperflüssigkeiten, inklusive die Aussicht auf neue, möglichst lukrative Verlagsangebote: Zweisamkeit sieht anders aus. 

Der konkurrierenden Agnes kann sie weder optisch noch intellektuell - und erst recht nicht emotional - das Wasser reichen, was schnell deutlich wird: Agnes interessiert sich nämlich als begabte Naturwissenschaftlerin für die großen metaphysischen Fragen des Lebens, drunter geht es bei ihr nicht: "Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?" will sie gleich zu Beginn des rasch immer feurig werdenden tête-à-têtes von Walter wissen. Auch zuvor war sie es, die zum meist reservierten Walter ins Taxi gestiegen ist und ihn durch sinnfällige Fragen gleichzeitig anturnt wie zeitweise versteinern lässt: "Wie möchtest du sterben?". Keine schlechte Frage nach dem ersten Date. 


(Filmstill aus Agnes von Johannes Schmid, Copyright: Neue Visionen Filmverleih)

Ob er Bücher schreibe, um von den Menschen später nicht vergessen zu werden, lautet eine andere Frage an den lange hadernden Schriftsteller, ehe Schmids dritter großer Spielfilm lustvoll in den intellektuellen Schleudergang hochschaltet. Mehrfaches Erzählen in diversen Schachtelungen mit Backspin-DJ-Technik und reichlich offenen Fragestellungen in einem jungen deutschen Film? Funktioniert das wirklich - oder beschäftigt sich da der Zuschauer nicht automatisch sofort mit anderen, in der Regel internationalen, Referenzfilmen? 

Was normalerweise nicht gerade als eine deutsche Domäne gilt, geht in Schmids gekonnter Adaption der viel gelesenen Peter-Stamm-Vorlage vollends auf. Ob in den feinfühligen, deutlich ehrlicheren Sexszenen als in vielen anderen deutschen Produktionen der letzten Jahre oder in den zahlreichen, akustisch wie visuell berauschenden Rückblenden: Hier stimmt in der Tat vieles, was in erster Linie dem Gesicht wie der erotischen Strahlkraft von Odine Johne (Jack, Die Welle) zu verdanken ist. Mit weißen Isabella-Rossellini-Wangen und unerhörter Naturerotik, wie man sie sonst nur aus ungekünstelten skandinavischen Filmen kennt, verzehrt sie sich für Walter - und damit auch für den Zuschauer. 

Schöner leiden und sterben in Düsseldorf hätte Johannes Schmid seinen autopoetischen Filmritt durch tatsächliche Zeit- und fingierte Raumzonen sicherlich auch taufen können, denn hier regiert die Heisenbergsche Unschärferelation: Vieles kann, nichts muss real sein. Zwei komplementäre Teilchen dieser einen Wundersache namens Liebe sind nicht gleichzeitig genau bestimmbar. Erst recht nicht im selben Moment: Gemeinsame Koinzidenzen ergeben sich eben, und bleiben doch fluide-flüchtig. "Ich könnte so leben: nackt - und ganz nah an allem" erklärt Agnes ihrem gefühlstaumelnden Schriftsteller einmal so präzise wie wundersam. Das "Glück mag einfach keine guten Geschichten" hält Walter der ihm hemmungslos verfallen Studentin forsch entgegen. "Ich habe nicht gewusst, wie wirklich es wird" heißt es von ihm darauf an anderer Stelle. Besser lässt sich Schmids stark besetztes Psychogramm einer metaphysischen Liebesliaison gar nicht in Worte fassen: Es ist einfach passiert. Nachhaltig und überwältigend.

(Simon Hauck)