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17 30/10

Männer-Ballett: Einige Gedanken zum Heist-Genre

Eine Vorbemerkung: Es ist dieser Tage weit verbreitet, politisch korrekte Texte über die Ungerechtigkeit von Geschlechterverhältnissen (im Kino) zu schreiben. Die Absicht dieses Textes ist weder jene Filme an den Pranger zu stellen, die es anders machen, denn der einzelne Film ist niemals schuld an einer allgemeinen Tendenz, noch zu vermuten, dass ein numerischer Ausgleich der Verhältnisse die tieferliegenden Ungleichgewichte ausgleicht. Vielmehr geht es darum, ein unerschöpftes Potenzial eines Genres zu betrachten. Einen Ort zu betrachten, an dem sich das Kino selbst beschneidet.


(Bild aus Logan Lucky; Copyright: Studiocanal GmbH Filmverleih)

Rennende Männer, tanzende Männer, kletternde Männer, bohrende Männer, fahrende Männer, schwitzende Männer ... Sie bewegen sich im Rhythmus der Montage, sie verkleiden sich und verstellen sich. Vor allem stehlen sie. Es ist ein Tanz. Dieser Tage bekommt das seit den 1950er Jahren entwickelte Heist-Genre, das von Genretheoretikern eigentlich als Subgenre des Kriminalfilms behandelt wird, einige neue Impulse in Arbeiten wie Good Time von den Gebrüdern Safdie, Logan Lucky von Steven Soderbergh oder auch Masterminds von Jared Hess. Neue Impulse ist allerdings eine Übertreibung.

Was diese Filme und die meisten anderen Heist-Filme eint: Es sind Männer, die rauben. Frauen spielen, wie im Fall von Soderbergh, maximal eine helfende Nebenrolle. Rein statistisch ist es tatsächlich so, dass Überfälle, vor allem auf Institutionen oder Banken, tatsächlich zum Großteil von Männern durchgeführt werden. Aber selbstverständlich nicht ausschließlich. Das FBI geht etwa von 8% weiblicher Bankräuberinnen in den USA aus. Die Zahlen sind steigend. Im Kino gab es mit Set it Off oder Mad Money eher schwache Versuche die raubende Frau salonfähig zu machen. Nächsten Sommer kommt mit Ocean’s Eight ein weiterer Ansatz ins Kino. Am ehesten existiert die weibliche Kinoräuberin in einer Paarkonstellation wie im Klassiker Bonnie und Clyde. Dieses Ungleichgewicht ist vor allem deshalb ein Problem, weil Räuber im Kino etwas ganz anderes sind als in der Gesellschaft.

Oft verhandeln die Filme über ihre Hauptfiguren eine subversive Kritik an gesellschaftlichen und kapitalistischen Ordnungen. Die Räuber widersetzen sich den Regeln. Sie stellen ihre individuelle Lebensweise, häufig ihre Intelligenz, körperliche oder technische Fähigkeiten und ihre Unangepasstheit gegen die Macht von Institutionen, Staaten oder einzelnen Personen. Es entsteht eine Liebe zum Außenseiter in Heist-Filmen. Wenn der Protagonist in Martin Scorseses Goodfellas über seinen Freund sagt, dass dieser in den Filmen immer zu den Gangstern gehalten habe, kann das wohl jeder Kinofreund nachempfinden. Gangster haben mehr Fantasie. Sie stellen sich etwas vor, sie träumen. Das Heist-Genre gehört zur Romantik des Kinos. Ein Film wie They Live By Night von Nicholas Ray zeigt das besonders eindrücklich. Insbesondere am Kino von Ray kann man sehen, dass die Räuber immer auch die sensibelsten Menschen sind. Es gibt oft eine Unschuld in ihren Verbrechen.


(Trailer zu They Live By Night)

Seit etwa zwei Jahrzehnten, auch beeinflusst von Steven Soderberghs Arbeiten an den Ocean’s-Filmen, ist die Erfolgswahrscheinlichkeit von Raubzügen im Kino immens gestiegen. Insbesondere in Zeiten des Production Codes war das natürlich undenkbar. Aus moralischen Gründen hatten Verbrecher im Kino zu scheitern. Ein besonderes Element des Heist-Films ist, dass die Kollaboration im Vordergrund steht. Es sind zwar Außenseiter und oft sehr schwierige Persönlichkeiten, aber sie raffen sich zu einer Gruppe zusammen und antworten der gefühlten oder tatsächlichen Ungerechtigkeit ihrer Existenz. Sie antworten auch ihren Träumen. Wenn man sich die Entwicklungen in Superheldenfilmen ansieht, dann kann man eine gewisse Parallelität zu diesem Teambuilding unter Einzelgängern erkennen. Die wiederkehrende Einstellung einer Gruppe von Superhelden im Halbkreis könnte so auch in Heist-Filmen vorkommen.

Es kann sich um minutiös geplante Träume oder amateurhafte, verzweifelte Aktionen handeln. Zu erster Kategorie zählen mit Sicherheit die Filme von Jean-Pierre Melville und Michael Mann. In ihnen geht es auch um die Eleganz von Professionalität, die abgeklärte Coolness der Räuber, ihre Bewegungen, die gleich der Struktur der Filme hin zu der Durchführung eines Plans führen (unabhängig davon, ob dieser scheitert oder gelingt). Am spannendsten werden ihre Filme immer dann, wenn diese Professionalität von menschlichen Schwächen durchbrochen wird. Man denke etwa an das Alkoholproblem der Figur von Yves Montand in Le cercle rouge. Etwas droht aus dem Uhrwerk zu kippen und man bangt, weil man will, dass es immer geschmeidig weiterlaufen wird. Die Traummaschinen drehen ein Ding. Dieses Ding ist ein Film und ein Überfall. Man identifiziert sich mit den Uhrwerken und das Kino ist deshalb so sehr für den geplanten Überfall geeignet, weil sich beides in einer räumlichen und zeitlichen Dimension durch Relationen von Körpern und Bewegungen erzählen lässt. Die Parallelmontage ist das genuine Mittel des Heist-Films, weil sie die gleichzeitige, spannungserzeugende Vorwärtsbewegung am effektivsten erzählt. Oft sind die Räuber auch klüger als das Kino. Soderbergh arbeitet oft mit späten Flashbacks, die eine überraschende Wende einleiten, einen Coup hinter dem Coup, der dann entblößt wird, wenn eigentlich schon alles vorbei zu sein scheint. Insbesondere in Ocean’s Eleven zeigt er, wie viel dieses Vorgehen mit Mechanismen des Kinos zu tun hat, als er den Coup in einer manipulierten Kamera geschehen lässt. Es ist als könnten sich die Räuber selbst vor unserem Blick verstecken. Ein begehrenswerter Heist-Film wäre vielleicht auch etwas wie Western unter Bankräubern. Die erträumten Coups der Männer sind oft auch erträumte Rollen. Sie spielen das Kino nach mit ihren Waffen in der Hand, den Sonnenbrillen und der existenziellen Abgeklärtheit. Was dem Genre deutlich mehr fehlt als weibliche Protagonistinnen ist ein weiblicher Blick auf diese raubenden Männer.

Bei den weniger professionellen Kinoräubern geht es hektischer zu. Wie in Good Time ist hier Adrenalin oder Komik ein Mittel zur Identifikation. Einer der wenigen Heist-Filme, der all das verbindet und zugleich auch eine spannende Position gegenüber dem Ungleichgewicht der Geschlechter einnimmt, ist Sidney Lumets Dog Day Afternoon. Darin raubt ein Mann eine Bank aus, um die genitalangleichende Operation seiner Frau zu bezahlen. Im Film ist es nicht weit her mit der Eleganz der Räuber. In der Hitze des Sommers scheint alles zu ersticken. Dennoch tanzen auch hier Männer Ballett. Es ist ein Ballett der panischen Angst, des Drucks und der Verzweiflung. Heist-Filme berichten immer auch vom Scheitern der erträumten Welten, selbst wenn sie letztlich von erfolgreichen Unternehmungen erzählen. Denn es gibt immer jenen Moment, in dem der Schritt in die imaginierte Freiheit plötzlich zum Gefängnis wird, weil der Weg zurück länger scheint als jener ans Ziel.


(Bild aus Good Time; Copyright: Temperclayfilm)

Die Protagonisten haben die Hoffnung auf ein besseres Leben oder sie wollen noch einen letzten Job durchführen, um all dem zu entkommen. Was ist „all das“? Und warum scheint es im Kino fast ausschließlich für Männer zu existieren? Es ist spannend, dass Genrekonventionen eben nicht nur Narrationen, Settings, filmische Stilmittel und moralische Haltungen zu betreffen scheinen, sondern auch Geschlechterrollen. Bliebe noch zu klären, was für Rollen Frauen denn dann in Heist-Movies übernehmen. Die traurige Wahrheit, die letztlich auch erklärt, warum sie vom Genre als so ungeeignet zum Träumen angesehen werden, ist: Sie sind Teil der männlichen Träume. Sie warten an den entfernten Stränden, schlafen in Betten aus Geld in anderen Ländern und verlieben sich, weil der Mann halt so ein gerissener Räuber ist. Es ist nicht verwerflich von einer Zweisamkeit zu träumen, aber es wäre gut, wenn es ein geteilter Traum wäre. Man muss allerdings auch beachten, dass die besten Heist-Filme von Einsamkeit erzählen. In diesem Sinn wäre der subjektive Traum dann ein notwendiges Stilmittel. Die Antwort wäre aber auch darauf eine Frage: Sind Frauen denn nicht einsam?

(Patrick Holzapfel)