17 11/08

Locarno 2017 - Logbuch, Tag 5

Auf der großen Leinwand am Piazza Grande sieht man in einer extremen Naheinstellung das atmende Fell eines Leoparden. Gleichmäßig und beruhigend aus der Projektionskabine kommend. Ich klopfe an die viereckige Box am Ende des großen Platzes, auf dem die vom Regen beeinträchtigten Open-Air-Vorstellungen des Festivals stattfinden. Hier definiert die künstlerische Leistung ihre Vorstellung von Publikumskino. Man könnte auch sagen, dass hier verschiedene Verleiher glücklich gemacht werden.


(Bild aus Sicilia!; Courtesy: Locarno Festival)

Erschreckend ist das, wenn man jemanden wie Jean-Marie Straub einen Ehrenleoparden überreicht und Sicilia! von ihm und Danièle Huillet zusammen mit Atomic Blonde gezeigt wird. Angeblich hat man sich das absegnen lassen von Straub. Respektlos ist es trotzdem. Niemand öffnet mir. Es bleibt dabei, ich kann den Leoparden nicht finden, von dem ich sicher bin, dass es ihn irgendwo in Locarno geben muss.

Man merkt, dass man auf einem „wichtigen“ Festival ist, wenn in einem Kinosaal unmittelbar vor einem Screening mehr Blicke zur Seite und durch den Kinosaal wandern, als sie erwartungsfroh die Leinwand fixieren. Wer könnte denn noch da sein, ein kurzer Wink hier, eine Begrüßung dort und ach ja, da kommt ja gleich ein Film. Es ist ein beständiges Netzwerken, Austauschen und der Smalltalk besteht im Regelfall aus den Hinweisen auf all das, was man womöglich verpasst hat. Wie jedes Festival ist Locarno natürlich auch ein Festival, auf dem man mehr verpasst, als man sieht.

Das gilt in meinem Fall zum Beispiel für den recht anregend diskutierten türkischen Meteor, Serge Bozons Madame Hyde oder John Carrol Lynchs Lucky, die hier aus verschiedenen Ecken positiv begrüßt werden. Man hat mich gebeten, weniger über die Tourneur-Retrospektive zu schreiben und mehr über „neue“ Filme zu berichten. Wenn ich mich am Abend hinsetze, fällt mir das aber schwer. Es ist Tourneur, der sich in meinen Gedanken und Gefühlen festhält, wogegen viele aktuelle Filme in mir verschwinden nachdem ich sie gesehen habe. Die Filme arbeiten auch an ihrer eigenen Flüchtigkeit wie La telenovela errante des legendären Chilenen Raúl Ruiz, der von Valeria Sarmiento fertiggestellt wurde. Es ist ein wirrer Blumenstrauß aus komödiantischen Vignetten, die immer mit Meta-Prinzipien von Telenovelas arbeiten und sich viel im Niemandsland einer willkürlichen und pseudo-politischen Absurdität bewegen. Niemandsland ist ein gutes Stichwort, nicht nur für den Wettbewerb an sich, sondern auch für einen anderen Film dort, den Pastiche-Noir 9 Doigts von F.J. Ossang. Eingetaucht in die visuellen Muster des Noirfilms erzählt der Film vom Nichts einer Gruppe von Gangstern rund um einen Coup und einen Aufenthalt auf einem Cargo-Schiff. Der Film kippt irgendwann in eine spirituelle Reise vorbei am Nihilismus einer Insel namens Nowhereland und bietet damit die perfekte Metapher für vieles im zeitgenössischen Kino des Festivals.


(Trailer zu 9 Doigts)

Und so bleibt doch wieder Tourneur. Sein I Walked with a Zombie beginnt auf der Piazza gegen Mitternacht. Es blitzt und donnert. Da ist es wieder, dieses unheimliche Gefühl, dass mich vom ersten Tag in Locarno begleitet hat. Doch nach einigen Minuten des Films beginnt der Regen. Die wenigen Verbliebenen retten sich unter die Arkaden. Ich schließe mich ihnen an und nehme zwischen den architektonischen Wölbungen und den nach Luft hechelnden Öffnungen der Gebäude die bewegende Melodie, die den Film begleitet wie ein Geist. Es ist dieses Gefühl mit dem man schlafen geht. Lange nachdem sich all die Aufregung um angeblich wichtige, neue Filme gelegt hat.

(Patrick Holzapfel)