Locarno 2017 - Logbuch, Tag 3 - B-Roll Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
17 09/08

Locarno 2017 - Logbuch, Tag 3

Es donnert über dem Lago Maggiore. Tiefe Wolkendecken hängen im umliegenden Gebirge. Die Vögel in meinem Hotel sind heute ruhiger, sie haben sich versteckt. Nur gelegentlich höre ich einen Ruf. Ich will mit dem Hotelpersonal darüber sprechen, aber sie sind beschäftigt. Eine Bedienstete sagt mir: „Später, später.“. Mit ihren gelb-schwarzen Taschen rennen die Festivalbesucher durch den Regen. Manche stolpern auf dem unebenen Steinpflaster, andere rutschen. Unter den Arkaden, durch die man geschickt von Kino zu Kino wandern kann, merkt man davon nichts. Dort ist es warm. Das Plätschern und das Donnern klingen wie ein entfernter Traum.


(Bild aus Night of the Demon; Courtesy: Locarno Festival)

Ich sehe eine Katze, die sich unter einem Hauseingang versteckt und putzt. Sie sieht mich an und ich denke daran, dass Jacques Tourneur nach einem Besuch bei einer alten Zauberin ehrfürchtig von der magischen Kraft des Katzenblicks erzählt. Das Interview, in dem er diese Geschichte erzählt, findet sich im wunderbaren Katalog zur Retrospektive, den ich zwischen den Vorführungen lese. Die Katze sieht mich an. Später am Abend sehe ich nach einer Einführung von Dario Argento Tourneurs Night of the Demon. Dort schneidet der Filmemacher in die Nahaufnahme einer starrenden Katze, die sich sogleich, ich hatte es befürchtet, in einen Leoparden verwandelt.

Nach dem Film eile ich durch den strömenden Regen zurück zu der Stelle, an der ich die Katze, ein eigentlich unschuldiges Wesen mit gräulichem Fell und blassen Augen, am Nachmittag sehen konnte. Vielleicht führt sie mich zu den Leoparden, die ich hier seit dem ersten Tag suche, immer wieder erahne, spüre, aber noch nicht wirklich sehen konnte. Zuerst sieht es so aus, als wäre dort keine Spur des Tiers. Eine Pfütze spiegelt das Licht eines Hotels gegenüber des Eingangs, durch ein geöffnetes Fenster höre ich einen Fernseher. Es ist äußerst ruhig in diesen schmalen, oft steilen Nebengassen, ich frage mich, was die Bewohner vom Festival halten. Es ist kein unauffälliges Festival. Überall markiert es sich mit Werbungen, Zelten oder dem symbolischen Leopardenfell. Nachdem ich schon enttäuscht abdrehen will, höre ich ein merkwürdiges Kratzen auf Blech. Ich blicke nach oben und sehe wie sich die Katze, ja, es muss dieselbe Katze sein, durch die Regenrinne bewegt. Ich muss einfach in ihre Augen sehen.

Zugegeben, bei Tourneur gibt es weit mehr als Leoparden. Allein am heutigen Tag habe ich in seinen Filmen gesehen: Einen Kakadu, einen Papagei, eine Schlange, Tigerfische, Krokodile, Löwinnen, künstliche Ameisen, künstliche Dämonen, Hunde, einen Moskitoschwarm. Was mich außer der offensichtlichen Verbindung des Festivals so sehr auf den Leoparden gebracht hat, kann ich mir eigentlich nicht erklären. Vielleicht war es das erste, das ich gesehen habe, vielleicht sollte ich nicht weiter danach graben. Die Katze macht mir Angst. Wie bei Tourneur gleitet sie in der Dunkelheit, man kann sie mehr spüren als tatsächlich sehen. Sogleich ist sie verschwunden. Ich muss morgen zurückkehren. Morgen um 23:00 Uhr wird allerdings auch The Leopard Man gezeigt.


(Bild aus The Leopard Man; Copyright: Locarno Festival / Beta Film / Deutsches Filminstitut Frankfurt-KINEOS Collection)

Glaubt man oder glaubt man nicht? Diese Frage stellt nicht nur Argento in den Kinosaal. Sie scheint mir äußerst wichtig für das Kino. Eine Frau sitzt neben mir bei Appointment in Honduras von Jacques Tourneur. Sie springt bei jeder Einstellung eines Krokodils aus ihrem Sitz. Sie schreit auf. Zuerst empfinde ich es als sehr unpassend und störend. Dann fällt mir auf, dass ich meine Fantasie verloren habe. Ich sehe dort nur das Kino.

(Patrick Holzapfel)