Locarno 2017 - Logbuch, Tag 1 - B-Roll Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
17 07/08

Locarno 2017 - Logbuch, Tag 1

Zunächst folge ich mit dem Tempo, das die drückende Schwüle mir erlaubt, einem kleinen Jungen. Er schiebt seinen Kickroller klackend hinter sich her, über das Kopfsteinpflaster, sein Nacken neigt sich zu einer Frau, die seine Mutter sein muss. Sie trägt ein genervtes Gesicht, aber geht lange nicht so schnell wie ich das aus anderen Orten kenne. 


(Copyright: Locarno Festival / Massimo Pedrazzini)

Irgendwo nahe müsste der See sein. Man hört ihn nicht, man riecht ihn nicht. Es donnert, jeden Moment könnte es regnen. Der Junge, der gelangweilt lange Schritte geht, sagt seiner Mutter: "Hier ist es wie in Opatija." Ich verstehe, denn Locarno atmet den gleichen Geist wie Opatija, Osteende oder auch das Venedig von Thomas Mann. Das Gefühl vergänglicher Heilung. Krankheiten, die vor Jahrzehnten durch die Luft aufgefangen wurden, andere, die in der Luft verharren. Marienbad-Figuren aus einer anderen Zeit sitzen unter Decken auf Stühlen und starren mit Sonnenbrillen auf den See, den ich nicht sehen kann. In der Hoffnung noch einige Jahre länger unter den Lebenden zu weilen, obwohl sie schon lange tot sind. Sie werfen ihr Geld in den See und sehen zu, wie es davon treibt. Welch ein Ort für ein Filmfestival, denke ich mir, als der Junge und seine Mutter um die Ecke biegen. 

Ich höre vielleicht entfernt das Fauchen eines Leoparden. Vielleicht war es nur das Bettelweib von Locarno. Im Regen. Der Sommerregen in Locarno hat die interessante Eigenschaft, auch von unten zu bekommen. Man spürt ihn nicht, weil die Luft sowieso voller Wasser ist. Man sieht ihn nur. Überall blicken einen die majestätischen Wildkatzen an, ihr Fell ziert die Straßen, Schaufenster, Fahrräder und bald auch meinen Hals. Ich habe davon geträumt, dass ich mich in einen Leoparden verwandle, wenn ich den gelb-schwarzen Anhänger des Festivals um den Hals trage. Ich sehe so viele gelbe Anhänger zwischen den Kranken und Toten auf den Terrassen sitzen, dass die Vorstellung, sie alle würden Leoparden sein mich entzückt. Meine Nackenhaare stellen sich auf, The Leopard Man. Es ist mein erstes Mal auf diesem Festival, das aus der Ferne wie eine Insel unter den großen internationalen Festivals wirkt, weil es sich den Luxus erlaubt, modernes, politisches, experimentelles und mutiges Kino jenseits von Nebenschienen zu platzieren. 


Trailer zu Stars in My Crown

Locarno, so merke ich gleich, ist nicht wirklich Locarno. Mein Hotel ist nicht in Locarno, manche Kinos auch nicht. Himmelblau gestrichen ist es, mein Hotel. Dort zwitschern Vögel so laut, als würden sie im Gebäude leben. Ich habe nach ihnen gesucht, sie aber nicht gefunden. Sogar eine bläuliche Feder liegt in meinem Zimmer. Ich hoffe, dass ich in den nächsten Tage das Nest finden kann. Irgendwo bei Locarno, womöglich sogar in Locarno sehe ich meinen ersten Locarno-Film. Es ist Stars in my Crown von Jacques Tourneur, jenem lange Zeit unterschätzten Meister der Atmosphäre, dem die diesjährige Retrospektive gewidmet ist. Der Film ist einer, der Wunder zwischen einem Priester und einem Arzt in einem Ort beschreibt, beobachtet und möglich macht. Als zum ersten Mal ein solches Wunder - passenderweise in Form einer Heilung der durch Typhus Todgeweihten - eintritt, höre ich plötzlich das Tropfen von Wasser. Ich bemerke, dass es aus einer undichten Stelle an der Decke auf den leeren Sitz vor mir tropft. Als würde die Decke dem Druck des Films nachgeben. Ein paar andere setzen sich weiter weg. Es tropft immer heftiger bis zum Ende des Films. Es hat begonnen, denke ich mir. 

Um den Sitz wurde später eine Sperre eingerichtet. Auf allen anderen Sitzen warten Leoparden auf das Licht. 

(Patrick Holzapfel)