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16 10/08

Locarno 2016: "Le ciel attendra" von Marie-Castille Mention-Schaar

Von jungen Männern, die sich vom IS in Europa anwerben lassen, hört man immer wieder. Die Rekrutierung beschränkt sich aber nicht nur auf Männer, sondern auch junge Frauen werden angeworben. Marie-Castille Mention-Schaar (Die Schüler der Madame Anne) erzählt in ihrem Film Le ciel attendra (Heaven can wait) von dem Hergang und den Folgen dieser Rekrutierung aus verschiedenen Perspektiven.


(Bild aus Le ciel attendra von Marie-Castille Mention-Schaar; Courtesy: Festival del film Locarno 2016)

Die 16-jährige Mélanie (Naomi Amarger) lebt mit ihrer Mutter zusammen, liebt das Cello spielen und ihre Großmutter, hat Freundinnen und will mit Sammlungen und Aktionen die Welt verbessern. Dann lernt sie im Internet einen Jungen kennen; er findet die richtigen Worte, schickt ihr Links zu Videos, die gleichermaßen ihren Kummer über den Tod der Großmutter als auch ihren Weltverbesserungsdrang ansprechen. Bald kommen sie auf das Thema Religion – und er macht sie mit dem Islam bekannt. Immer mehr verändert sie sich, beginnt, überall Verschwörungszeichen zu sehen, versucht ihre Freundinnen und Freunde zu belehren und bekehren, ehe sie sich zusehends von ihnen abwendet und einzig nach den Regeln ihres Online-Freundes lebt, der ihr unzählige Nachrichten schickt. Die 17-jährige Sonia (Noémie Merlant) ist hingegen auf dem Sprung. Ihre Tasche hat sie schon gepackt, als mitten in der Nacht eine Spezialeinheit ihr Elternhaus stürmt und sie festnimmt. Es gibt Hinweise, dass sie einen Anschlag in Frankreich geplant hat. Ihre Eltern (Sandrine Bonnaire, Zinedine Soualem) sind erschüttert, sie wussten nichts davon und nehmen es in der Folge auf sich, die Indoktrination ihrer Tochter rückgängig zu machen, indem sie sie vorerst bewachen und von jeglichem Kontakt zur Außenwelt abschneiden. Die Entwicklungen dieser Mädchen verlaufen im Film gegenläufig: Während Mélanie immer mehr indoktriniert wird, kommt Sonia schrittweise zurück in ihr altes Leben. Daneben gibt es noch die Perspektive der Eltern: Sylvie (Clotilde Courau) hat ihr Kind bereits verloren. Es ist in Syrien, sie weiß nicht wo – und verzweifelt zusehends an der Ungewissheit und dem Verlust. Unterstützung findet sie wie Sonias Eltern in der Gruppe von Dounia Bouzar (sie selbst), die sich um Eltern und junge Mädchen kümmert, die vom IS angeworben wurden oder werden sollten. Sie macht die Mechanismen kenntlich, versucht zu ergründen, ob Mädchen schlichtweg religiös werden oder indoktriniert werden, sie differenziert und begleitet Eltern sowie Zuschauer durch diese Geschichte.


(Bild aus Le ciel attendra von Marie-Castille Mention-Schaar; Courtesy: Festival del film Locarno 2016)

Das Bemühen um Differenzierung und Aufklärung ist Le ciel attendra sehr anzumerken. Der Film und das Drehbuch von Emilie Frèche und Marie-Castille Mention-Schaar verweigert sich einfachen Erklärungen und legt viel Wert auf eine möglichst vielschichtige Ausgangslage und vielseitige Erklärungen, die sehr auf die Mitarbeit von Dounia Bouzar zurückzuführen sind, die tatsächlich ein Präventionszentrum gegründet hat und leitet. Dadurch gibt es in diesem Film keine Schuldzuweisungen, sondern zwei Mädchen aus durchschnittlichen Familien, die dennoch anfällig für die Indoktrination sind.

Mélanie wächst mit vielen Freiheiten bei ihrer lebenslustigen Mutter auf, sie erscheint intelligent und interessiert, ganz anders als ein einsames, verhuschtes Mädchen, das einfach so auf die Komplimente eines Jungen hereinfallen würden. Aber mit 16 Jahren hört sie gerne, dass sie die einzige für diesen jungen Mann ist, der ihr noch dazu scheinbar die Möglichkeit bietet, die Welt zu verändern. Sonias Elternhaus ist ebenfalls aufgeklärt, die Familie ihres Vaters ist zwar muslimisch, aber die Religion wird nicht praktiziert. Sie hat zu ihren Eltern und insbesondere ihrer Mutter ein enges Verhältnis, alles scheint bestens. Allerdings erweist sich genau diese Liebe als Anknüpfungspunkt: Sie glaubt, dass sie mit ihrem Märtyrertod ihre ungläubige Familie retten kann. Daneben werden die Hilflosigkeit und der Unglauben der Eltern deutlich, die die Entwicklung ihrer Töchter nicht sehen wollen, teilweise aber auch gar nicht können. Der Rückzug in das eigene Zimmer, das ständige Online-Sein, patzig-trotzige Antworten lassen sich allzu leicht auf die Pubertät schieben.


(Bild aus Le ciel attendra von Marie-Castille Mention-Schaar; Courtesy: Festival del film Locarno 2016)

Glaubwürdig gespielt und empathisch inszeniert, will Le ciel attendra vor allem Verständnis und Verstehen vermitteln – in einer Zeit, in der Frankreich und der Rest von Europa immer mehr droht, Vorurteilen und Hysterie anheimzufallen.

(Sonja Hartl)