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17 01/02

Lob der tapferen Gesellen - Die Vorzüge von Journeyman-Regisseuren - Die kino-zeit-Kolumne

Es kommt selten vor, dass der Audiokommentar eines Films bei mir mehr Begeisterung auslöst als der Film selbst. Captain America: Civil War war so ein Fall. Im Gegensatz zu manch anderen Geeks fand ich die emotionalen Momente des Films überwiegend schal. Sein Versprechen, einen kritischen Höhepunkt innerhalb des Marvel Cinematic Universe zu beschreiben, bei dem es zur Abwechslung um etwas Substantielles geht, konnte Civil War bei mir nicht einlösen.


(Die Brüder Joe und Anthony Russo; Copyright: Elen Nivrae / CC BY 2.0)

Im Audiokommentar des Regisseur-Brüderpaars Joe und Anthony Russo (mit den Drehbuchautoren Stephen Marcus und Christopher McFeely) wurde auch klar warum. Ein Eintrag in Marvels Kinouniversum, besonders einer, der so sehr auf Vergangenes aufbaut wie Civil War, ist ein gigantisches Puzzle mit tausenden Teilen, von denen viele sich regelmäßig auch noch während des Produktionsprozesses verändern. Hier müssen nicht nur eine erstaunliche Menge Schauspieler und Schauplätze koordiniert werden wie in jedem All-Star-Film mit großen Actionsequenzen. Der Film bewegt sich auch noch in ständiger Abhängigkeit zu einem halben Dutzend anderer Filme, die parallel in Vorbereitung oder Produktion sind. Civil War führt die Figur Black Panther neu ein, deren Film erst 2018 im Kino landet, und dem man natürlich nicht zu viel vorwegnehmen sollte. Er greift Figuren nicht nur aus den vorangegangenen zwei Captain-America-Filmen wieder auf, sondern auch aus Avengers: Age of Ultron, The Incredible Hulk und Ant-Man. Während der Pre-Production des Films schloss Marvel einen Deal mit Sony, so dass schließlich auch noch Spider-Man eine kleine Rolle bekam. All das, während die Produktion mit großer Geschwindigkeit auf einen festgelegten Erscheinungstermin zufuhr.

Dafür, so war mein Eindruck, ist Civil War eigentlich noch richtig gut geworden. Das lag nicht zuletzt an der nonchalanten Art, mit der Joe und Anthony Russo über den Film redeten. Sie jammerten nicht darüber, unter solchen Bedingungen arbeiten zu müssen. Sie erweckten nicht den Eindruck, als seien sie der Meinung, inmitten dieses Verschiebebahnhofs große Kunst geschaffen zu haben. Sie sind die Jungs, die dafür da sind, dass alles funktioniert und zusammenhält. Dieser Rolle sind sie sich bewusst und – so scheint es – zufrieden damit. Hollywood hat einen Namen für diese Art Regisseur: Journeyman.


(Trailer zu Captain America: Civil War)

Die Journeyman-Russos kommen aus dem Fernsehen, und das ist sicher kein Zufall. Bevor sie den ersten Film für das Marvel Cinematic Universe inszenierten, drehten die Brüder Folgen für Serien wie Community und Arrested Development. Dort sind die Zeitpläne für Autor*innen und Regisseur*innen ähnlich brutal wie bei modernen Blockbustern. Insbesondere bei Serien, die auf den klassischen Networks laufen, müssen 24 Folgen pro Staffel hergestellt werden. Das bedeutet auch, dass das Team auf einem Zug fährt, dessen Schienen erst noch gelegt werden, weil die ersten Folgen einer Staffel bereits ausgestrahlt werden, während spätere Folgen noch produziert werden. Doch auch viele moderne Pay-TV-Prestigeserien mit weniger Folgen pro Staffel sind logistische Meisterwerke. Game of Thrones dreht 120 Tage im Jahr an drei verschiedenen Drehorten gleichzeitig. Wenn diese Maschine erst einmal läuft, ist für einen komplizierten Findungsprozess keine Zeit mehr.

Die Journeymen, dem Wortsinn nach eigentlich Handwerksgesellen auf der Walz, sind dafür bekannt, dass sie in der Lage sind, sich solchen Prozessen unterzuordnen und auf Zuruf wie Söldner solide Arbeit abzuliefern. Schon in der klassischen Phase des Hollywood-Kinos in den 1930er und 1940er Jahren gab es einige Regisseure, die routiniert einen 60-minütigen Western nach dem anderen herunterkurbelten und damit die schwierigen Prestigeproduktionen ihrer Studios querfinanzierten. Manchmal sprangen sie auch ein, wenn ihre künstlerisch ambitionierteren Kollegen sich zu sehr mit den Produzenten stritten, etwa Sam Wood, der bei Vom Winde Verweht zeitweilig das Steuer von George Cukor und Victor Fleming übernahm. Journeymen und -women nehmen in Kauf, dass sie nicht der oberste Kreative ihrer Produktion sind. Diese Rolle überlassen sie kreativen Produzentenfiguren wie David O. Selznick, Albert Broccoli und – im Fall der Russos – Kevin Feige oder den Showrunnern ihrer Fernsehserien.

Gerade diese Fähigkeit, mit der zweiten Geige zufrieden zu sein, macht Journeymen so wertvoll. Sie sind für die Filmindustrie das, was erfahrene Session-Musiker im Musikgeschäft sind. Irvin Kershner, der den allgemein als besten Star-Wars-Film geltenden Das Imperium schlägt zurück inszenierte, hatte im Fernsehen und bei B-Produzent Roger Corman gelernt, und war anscheinend der einzige, der aus George Lucas’ Visionen etwas Handfestes destillieren konnte. Martin Campbell, in dessen Filmografie sich neben vielen Fernsehproduktionen vor allem vergessenswerte Filme wie Die Maske des Zorro und Green Lantern finden, gelang es gleich zweimal, den James-Bond-Karren aus dem Dreck zu ziehen. GoldenEye und Casino Royale, die beide jeweils einen neuen Bond-Darsteller einführten, gehören zu den besten und solidesten Einträgen der Reihe.


(Trailer zu Casino Royale)

Der Autor Neil Gaiman hat in einer Graduierten-Rede an der University of the Arts im Jahr 2012 mal beschrieben, dass es drei Schlüsselqualifikationen gibt, um es in der Kreativwelt zu etwas zu bringen: Gute Arbeit, angenehmer Umgang und Pünktlichkeit. Der Clou ist aber, sagt Gaiman, dass man gar nicht alle drei brauche. Wer sehr gute Arbeit pünktlich abgibt, dem wird verziehen, wenn er etwas kauzig ist. Wer seine gute Arbeit mit verlässlicher Freundlichkeit produziert, darf auch mal eine Deadline reißen. Und wer regelmäßig und pünktlich abliefert und außerdem ein Mensch ist, mit dem jeder gerne zusammenarbeitet, muss nicht so gut sein wie die Besten.

Immer wieder liest man über die hier beschriebenen Regisseur*innen, dass es angenehm ist, mit ihnen zu arbeiten. Von David Yates etwa, der ab Film fünf die Regie der Harry-Potter-Serie übernahm, hieß es, er sei besonders gut darin, dass die jungen Darsteller*innen sich wohlfühlten – während man von Alfonso Cuarón, der mit Harry Potter und der Gefangene von Azkaban eindeutig den visuell interessanteren Film ablieferte, immer wieder hört, dass er am Set einen Alles-oder-Nichts-Absolutismus vertritt.

Es mag vielleicht so wirken, als wäre mein Ziel mit dieser Kolumne, eine Lanze für das Mittelmaß zu brechen, böse Zungen würden behaupten, um damit für meine eigene Mittelmäßigkeit Abbitte zu leisten. Sind Regisseure wie Joe und Anthony Russo nicht auch die Erfüllungsgehilfen der Maschine Hollywood, die uns immer wieder den gleichen Brei in leicht anderen Zusammensetzungen aber mit identischem Geschmack vorsetzt? Gibt es für reibungslose Abläufe und solides Handwerk nicht Regieassistenten und Line Producer, die den Auteurs den Rücken frei halten?

Da Film nicht nur eine Kunst, sondern auch eine Industrie, auch ein Handwerk ist, darf man die mittelbare Wirkung von Menschen wie Journeyman-Regisseur*innen nicht unterschätzen. Vielleicht helfen sie einer unerfahrenen Schauspielerin dabei, ihren Stil zu finden, den sie später in anderen Filmen ausformen kann. Vielleicht ermöglichen sie einem Drehbuchautor, der selbst nicht zum Regisseur taugt, seine Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Vielleicht sind sie so gut organisiert, dass diejenigen, die mit ihnen arbeiten, zur Abwechslung mal in der Lage sind, ihre Work-Life-Balance aufrechtzuerhalten.

Ganz abgesehen davon haben Dinge, die einfach gut funktionieren, ihren ganz eigenen ästhetischen Reiz. Es macht Spaß, Joe und Anthony Russo, die auch das erste große Finale des Marvel Cinematic Universe, Infinity War, inszenieren werden, beim Reden über ihre Arbeit zuzuhören. In einem Interview für das Smithsonian Institute im vergangenen Mai reflektieren sie darüber, wie sich ihre gesamte Branche verändert, und man merkt, dass sie deutlich klüger sind als die Filme, die sie drehen, die sie aber trotzdem mit Begeisterung planen. Vielleicht reicht es manchmal, dass ein Film entsteht, der nur okay ist, wenn wir dafür einen richtig guten Audiokommentar bekommen.

(Alexander Matzkeit)

Alexander Matzkeit schreibt über Film, Medien und Zukunft unter anderem für epd film, das Techniktagebuch und sein Blog Real Virtuality.