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13 02/10

Gewalt? Passt schon. Bin ein harter Hund: Monster, Gewalt und gute Laune - die Genrefilm-Kolumne

Was habe ich früher, also zu VHS-Zeiten, für Wege und Martyrien auf mich genommen, um Filme "unkutt" (O-Ton jede Filmbörse) sehen zu können. Die FSK war der Feind und Pilgerreisen nach Amsterdam mein Freund. Scheiß auf epische holländische Untertitel, Vollbild und flackernde Laufstreifen, bei Minute 64 sieht man das Kopfabreißen noch zwei Sekunden länger. Blut war mein Gemüse, das "huntern und collectorn" meine Berufung. Ich war ein harter Hund.

(Screenshot aus The Great Train Robbery von Edwin S. Porter aus dem Jahre 1903, Commons.Wikimedia)

Und bin wohl noch immer ein harter Hund, vor allem was das filmische Bauchgefühl angeht. Räudige Genrefilme als extreme Ausprägung mainstreamiger Genrefilme stecken ein Terrain ab, auf dem man immer wieder wunderbar einsortieren und gleichzeitig entspannt beobachten kann. Wie sich z.B. die FSK -Stichwort: Index-Streichungen- verändert, wie sich sowohl die Darstellung als auch Rezeption von Gewalt verändert, und wie sich immer wieder neue Diskussionen zu dem Thema finden. Die mir zumindest soweit sinnlos erscheinen, als sie mit Verboten zu tun haben und damit einer mündigen Filmauswahl zuvorkommen wollen.

Der Umgang mit Gewalt kann ausschließlich über die Wahrnehmung derselbigen passieren. Gewalt ist immer subjektiv und immer im Fluß, sowohl was die Aufnahme als auch die Darstellung angeht. Zu meiner Holland-Zeit hätte ich sowas wie Hatchet 3 wahrscheinlich abgefeiert, weil der Film ja wirklich knietief im roten Saft steht, doch heutzutage läuft sowas unter verzweifelter Fan-Bedienung. Wenn Victor Crowley seinen Opfern die Wirbelsäule herausreißt und irgendwann nur noch eine Hauthülle hinterlässt, bleibt bei mir der Thrill-Ofen kalt. Eigentlich eine seltsame Schere: Filme wie Hatchet 3 oder die ganze El-Torture-Schiene grätschen immer tiefer im "body horror"-Morast...und wirklich ankommen tut beim Zuschauer immer weniger.

Oder, besser: bei mir, dem harten Hund. Der Gewalt nur dann aufnehmen kann, wenn sie direkt in die Fresse poliert oder auf zumindest halbwegs intelligente Weise mit Spaß verbunden ist. Und dabei in einem Kontext steht, der zu der Art von Gewalt passt. Was ein Zuviel an Gewalt praktisch unmöglich macht, sondern den Fokus auf richtige oder eben falsche Gewalt schiebt. "Richtig", wie z.B. in dem Evil Dead-Remake, das einfach nur erfrischend direkt auf die exzessive Omme gibt, und "falsch", wie z.B. in Kick-Ass 2, der aus dem Nichts ein Tabu-Fass aufmacht, dazu die größtmögliche Pauke auspackt und dann auf Schenkelklopfer wartet. Irgendeiner der mal eben vorbeiklickenden YouTube-Jünger wird's schon voll fett teilen.

Gewalt als schmerzbefreite Spaß-Sause, als entkleidetes Mittel zur Aufmerksamkeit. Wenn man sich mal anschaut, was auf YouTube so alles Erfolg hat, kommt man ganz schnell auf den Trichter, dass z.B. NosTeraFu TV, die sich spätestens mit ihren miesen gamescom-Beiträgen als zynische Deppen entpuppt haben, genau der Basis-Tenor für sowas wie Kick-Ass 2 ist. Coolness als behaupteter Schienbeintritt, Extremitäten als A4-Blatt mit möglichst vielen Haken, vorgetragen von hyperaktiven Klassenclowns, die nicht mal ansatzweise wissen, was sie da veranstalten. Ich könnte kotzen.

Gewalt kann nach wie vor ein mächtiges Argument sein, aber dazu müssen halt dahinter und davor Leute stehen, die sie auch begreifen. Wenn jemand sich z.B. echauffiert, dass in Django Unchained übermäßig viel Blut fließt, geht das viel weiter an einem greifbaren Thema vorbei, als eben diese scheinbar punkigen YouTube-Späße oder auch die immens populären Comic-Verfilmungen aus den Häusern DC und Marvel. Die sich mit Vorliebe pompöser Ernsthaftigkeit bedienen und darüber dann z.B. massive Kollateralschäden als plausible Heldentat hinstellen. Solange es nur die Bösen auch erwischt. Und die Guten dank unüberwindlicher Superkräfte keinerlei (körperliche) Konsequenzen fürchten müssen.

Bei mir z.B. kommt The Avengers auch deswegen nicht an, weil sich hier ständig eine Schere aus "furchtbar wichtig" und "Comic-Figuren in Spandex-Hosen" auftut, die der durchaus gewalttätigen Dramatik jeden greifbaren Unterbau entzieht. Am anderen Ende der Skala dagegen lässt mich z.B. The Crime jubeln, weil hier die ruppige Gewalt perfekt zu Ray Winstones haarigem Bierbauch passt, und bei sowas wie Conjuring wird der harte Hund ganz schnell zu einem bleichen Stoßatmer. Ein paar Streichhölzer und "Klapp klapp", das reicht bereits für einen jaulenden Schrei, der ganz ohne Gewalt auskommt und trotzdem besser funktioniert als Hatchet 1-3 am Stück. Es ist eben alles eine Frage des Kontextes; ein Kopfschuss kann sowohl tief ins Mark dringen, wie z.B. gesehen bei Breaking Bad/ Ozymandias, oder aber, siehe z.B. White House Down, in torfnasigem Patriotismus-Gedöhns ertrinken.

Ich glaube nicht, dass der harte Hund immun gegen filmische Härte ist. Er ist nur immun gegen falsche filmische Härte.

Martin Beck

(Martin Beck ist freier Journalist und Übersetzer. Des weiteren leitet er reihesieben.de, wo ein guter Teil von den Filmen bestritten wird, die auch Thema dieser Kolumne sein werden.)