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16 23/12

Gegen das Empire: "Rogue One", Fan-Kultur und Kapitalismus

"Den Luxus einer politischen Meinung hatte ich nie." Mit dieser Haltung beginnt die junge Heroine Jyn Erso ihre Reise im neuen Star-Wars-Film Rogue One. Von ihrem Vater als Kind in die Hände eines politischen Aktivisten gegeben, hat sie augenscheinlich irgendwann die Lust daran verloren, sich überhaupt mit der Gesamtsituation ihrer Welt auseinanderzusetzen, die unter dem Joch eines galaktischen Imperiums leidet. Stattdessen ist sie zu einer typischen Drifterin geworden, die sich an den Rändern der Legalität und oft darüber hinaus herumtreibt und vor allem an ihr eigenes Überleben denkt.


(Bild aus Rogue One: A Star Wars Story; Copyright Lucasfilm Ltd)

Es ist kein Spoiler, zu verraten, dass das Drehbuch von Rogue One dafür sorgt, dass Jyn sich ihre politische Haltung anders überlegt. Im letzten Drittel des Films wird sie zur Anführerin eines Stoßtrupps, der in das Herz des Imperiums vordringt und dort versucht, die Pläne für dessen gigantische Kampfstation zu stehlen. Aus der selbstgenügsamen Opportunistin ist eine Kämpferin für die gute Sache geworden. 

Warum genau die Sache gut ist, definiert Rogue One nicht. Die Rebellenallianz steht mindestens mal für Freiheit von Unterdrückung und - das macht auch das Casting klar - Diversität von Hautfarben und Spezies. Was sie darüber hinaus für eine politische Agenda verfolgt, erfahren die Menschen im Kino nicht. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Disney-Chef Robert Iger in einem Interview mit dem Hollywood Reporter behauptet hat, der Film sei "in keiner Weise politisch" und enthalte "keinerlei politische Meinungen", nachdem Drehbuchautor Chris Weitz getwittert hatte, das galaktische Imperium sei nach seinem Verständnis eine "white supremacist organisation".

Dass Igers Satz Schwachsinn ist, darüber muss man kaum streiten. Im Zweifelsfall kann man David Sims' Artikel in The Atlantic lesen, in dem er aufzählt, wie schon George Lucas immer klar vor sich hergetragen habe, dass das Imperium stellvertretend für politische Ermächtigungsstrategien von Nazideutschland bis George W. Bush steht. Dass Iger sich aber überhaupt dazu hinreißen ließ, Rogue One die Politik abzusprechen, lässt tief blicken. Augenscheinlich ist ihm die Kaufkraft jenes Teils der amerikanischen Bevölkerung, der auch vor kurzem Donald Trump zum Wahlsieg verholfen hat, zu wichtig, um zuzugeben, dass sich die Rebellion in Rogue One und den anderen Star-Wars-Filmen auch gegen Figuren wie Trump richtet. Vielleicht richtet sie sich, in einem Fanfarenstoß historischer Ironie, sogar gegen Konzerne wie Disney.

"Empire" heißt das galaktische Imperium von Star Wars im englischen Original. Empire ist auch der Titel des 2000 erschienenen Buchs von Michael Hardt und Antonio Negri und der gewählte Begriff der Autoren für den Zustand der globalisierten, spätkapitalistischen Weltordnung. Entgegen der Anfang des 20. Jahrhunderts noch üblichen Ausbreitung einzelner Nationalstaaten oder politischer Überzeugungen, die gegeneinander kämpften, hat sich die Welt Anfang des 21. Jahrhunderts nach Hardts und Negris Ansicht in ein Netzwerk supranationaler Institutionen und Konzerne verwandelt, das nur noch gegen abstrakte Bedrohungen kämpft. Das Empire hat kein "außen", in dem man sich befinden kann. Es umspannt längst die ganze Welt.

Der in Utrecht lehrende Kulturwissenschaftler Dan Hassler-Forest hat dieses Jahr in seinem Buch Science Fiction, Fantasy and Politics versucht, Hardts und Negris Ansätze aus Empire und seinem etwas optimistischerem Nachfolger Multitude (2004) auf die Welt von fantastischen Transmedia-Franchises zu übertragen und die Widersprüche zu untersuchen, die nun auch am Beispiel von Rogue One aufscheinen: Wie geht es zusammen, dass fantastische Erzählungen mit Vorliebe von der Rebellion gegen totalitäre Systeme erzählen, während sie selbst mit den gleichen Mitteln operieren?

Denn machen wir uns nichts vor: die kapitalistische Marktmacht eines globalen Konzerns wie The Walt Disney Company hat totalitäre Züge. Das Mouse House steht nicht umsonst seit Jahrzehnten stellvertretend für genau jene Form des amerikanischen Empire, das alles, was ihm im Weg steht, in einer uniformen brand identity glattgeschliffener, plastikhafter Familienunterhaltung verschlingt. Hardt und Negri schreiben in Multitude, die positive Seite des globalen Empire bestehe in der "Schöpfung neuer Schaltkreise für Kooperation und Zusammenarbeit, die sich über Nationen und Kontinente erstreckt und eine unendliche Anzahl an Begegnungen erlaubt", doch wie Hassler-Forest aufzeigt, wird selbst diese Seite der Globalisierung von kulturindustriellen Institutionen zunehmend vereinnahmt.


Trailer zu Star Wars: Episode VII - Das Erwachen der Macht

Rogue One ist dafür das perfekte Beispiel. Anders als sein Vorgänger Star Wars: Episode VII - Das Erwachen der Macht erzählt der Film nicht die Familiensaga der Skywalkers, sondern atmet eher den Geist der Geschichten, die Fans sich seit Ende der Original-Trilogie im Star Wars Expanded Universe erzählen. Dort dient die "weit entfernte Galaxie" von Star Wars in Comics, Büchern und Videospielen als Grundstein für kleinere Geschichten abseits der Hauptstränge, die entsprechend auch größere Freiheiten in der Ausgestaltung der Welt zulassen. Zielgruppe und Produzenten dieser Geschichten, die auch selbst dann, wenn sie offiziell verkauft wurden, nie den Lucas-Stempel oberster Kanonizität hatten, waren immer vor allem Fans. 

Die Ankündigung des Disney-Konzerns, künftig regelmäßig solche Star Wars Stories auch mit neunstelligem Budget ins Kino zu bringen, adelt zwar einerseits die Fan-Nische, sie beendet aber auch die Ära des freien Expanded Universe. Stattdessen gibt es Filme wie Rogue One, der sich hart (und äußerst geschickt) am Kanon bewegt, nicht ohne die zombiehaften CGI-Auftritte bekannter Charaktere aus der Hauptsaga auskommt und trotz eines ethnisch vielfältigen Casts und einer weiblichen Hauptfigur nicht ernsthaft irgendwo aneckt. Ein Film, dem manche Kritiker nicht umsonst vorgeworfen haben, verfilmte Fan Fiction zu sein - für den Disney aber, im Gegensatz zu echter Fan Fiction, eine globale Merchandising-Welle ausrollen kann.

Wenn Fans sich also freuen, dass ihre Schöpfungskraft wahrgenommen wird, ist Hassler-Forest vorsichtig: "Der Triumph der Geek-Kultur (...) hat in den letzten Jahren die verführerische Illusion geschaffen, dass Fans von reinem Konsum zu vollständiger Teilhabe an der Medienproduktion aufgestiegen sind. Ihre eigentliche Handlungsfähigkeit ähnelt allerdings oft eher den recht begrenzten Bewegungen, die ein Spieler in einem Videospiel zur Verfügung hat: Obwohl er das Gefühl hat, einen Avatar frei in einer immersiven und detaillierten Umgebung steuern zu können, ist seine Kontrolle in Wahrheit durch das Design des Spiels eingeschränkt." Fans werden von Konzernen gerne eingesetzt, um deren Botschaft in die Welt zu tragen. Wenn sie aber selbst transformativ tätig werden wollen, haben sie schnell auch seine Rechtsabteilung am Hals, wie der zurzeit laufende Prozess gegen einen Star-Trek-Fanfilm beweist.

Star Wars erzählt also vom Kampf gegen das Empire, während es selbst ein Phänotyp des Empire ist. Kapitalismuskritik wird man in seinen Geschichten deswegen lange suchen. Selbst wenn man sie finden würde, hat das Empire aber längst bewiesen, dass es über solche Kritik erhaben ist. In The Lego Movie, der aufgrund seines großen Erfolges an den Kinokassen im Februar 2017 seinen ersten Spin-off in Form des Lego Batman Movie bekommt, drehen sich große Teile der Handlung um Widerstand gegen Konformismus und Konsumterror, während der Film gleichzeitig ein 100-minütiger Werbeblock für eine Spielzeugmarke ist. Die Herr-der-Ringe-Filme wettern gegen die Industrialisierung und erzählen von mythischen vergangenen Zeiten einfachen Lebens im Einklang mit der Natur, sind aber maßgeblich mitverantwortlich für die große Bewegung des modernen Blockbuster-Kinos hin zu unwirklichen und zügellosen Bildern. Das milliardenschwere Hunger-Games-Franchise handelt vom Aufstand gegen ein System, in dem junge Menschen in einem bizarren Medienspektakel verheizt werden, ist aber selbst ein bizarres, künstlich in die Länge gezogenes Medienspektakel, das etwa seine Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence auf eine Art und Weise der Öffentlichkeit preisgegeben hat, die gelegentlich selbst den "Hunger Games" glich (bisher zum Glück noch ohne einen grausamen Tod). 


Trailer zu Rogue One: A Star Wars Story

Erstaunlicherweise gelingt es Fans, sich größtenteils erfolgreich innerhalb dieses widersprüchlichen Systems zu bewegen. Wer sich auf Veranstaltungen wie den inzwischen auch in Deutschland regelmäßig stattfindenden Comic-Cons bewegt, sieht, dass in beeindruckender Handarbeit selbst gestaltete Kostüme - oft als radikale, beispielsweise Gender-Grenzen aufhebenden Ideen umgesetzt - problemlos existieren können neben Schlangen, in denen die Träger dieser Kostüme anstehen, um 30 Euro für ein Foto mit einem Schauspieler zu bezahlen. Gruppen wie die Harry Potter Alliance beweisen, dass Fans mehr sind als kaufkräftige Zombies, die alles fressen, was ihnen vorgesetzt wird, und nutzen die weltweite Vernetzung des Empire für aktivistische Zwecke.

Dennoch: Hassler-Forest hat recht, wenn er sagt, dass die fantastischen Welten, in denen Franchises wie Fans sich bewegen, ihr radikales Potenzial nicht ausschöpfen. Obwohl sie Widerstandsgeschichten erzählen, sind sie gefangen in Fredric Jamesons berüchtigtem Zitat, dass es für die meisten Menschen leichter ist, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Selten handeln die Heldenfiguren als Teil einer unterdrückten Klasse, meist sind sie radikale Individualisten in einem schicksalshaften "Auserwählten"-Narrativ. Auch in Rogue One ist die Hauptfigur durch familiäre Bande mit dem Imperium verknüpft und handelt, wie der Titel verrät, schließlich "rogue" (abtrünnig) zunächst gegen den Willen des politischen Arms der Rebellenallianz.

In diesen Tagen dreht mal wieder ein Meme in den sozialen Netzwerken die Runde, auf dem ein Mann ein Schild hält mit den Worten "Wenn du jemals gesagt hast, dass du in Dumbledores Armee kämpfen würdest, dem Spotttölpel folgen oder gegen das Imperium kämpfen würdest, jetzt ist die Zeit dafür." Es ruft die Fans dazu auf, sich den Luxus einer politischen Meinung zu gönnen. Wohin und wogegen sich diese richtet, wie die Fans ihr Empire definieren wollen, das lässt er offen.

(Alexander Matzkeit)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Virtual Private Servers am: 30.06.17
In den kommenden Jahren sollen parallel zur Hauptreihe, die mit "Episode VII" fortgefuhrt wurde, einzelne Anthologie-Filme wie "Rogue One" entstehen, deren Personal und Handlung sich nicht mit den Hauptakteuren uberkreuzen sollen.