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17 26/01

Filmfestival Max Ophüls Preis 2017 - "Ohne diese Welt" von Nora Fingscheidt

Vor genau 10057 Jahren begann das Leben auf der Erde, seitdem gibt es die Menschheit. Das glauben zumindest etwa 700 Altkolonier-Mennoniten, eine weltabgewandt lebende und den technologisch-modernen Fortschritt überwiegend ablehnende Glaubensgemeinde im staubigen Nirgendwo des argentinischen Urwaldnordens. Sie sagen Sätze wie "Wollte ich mich hier im Wald tot weinen", "Trauern ist besser als lachen" oder "Seit etwa 18 Jahren bin ich hier, aber ich bin mir nicht sicher."


(Filmstill aus Ohne diese Welt; Courtesy: Filmfestival Max Ophüls Preis 2017)

Was in seiner kruden Semantik nach einem Dialogfetzen aus den Filmen des polnischen Regieberserkers Andrzej Żuławski klingen könnte, ist in Nora Fingscheidts starkem Abschlussfilm schlichtweg real - und mitunter an manchen Stellen derart verstörend, dass man seinen eigenen Augen und Ohren nicht recht trauen mag. 

Weder Facebook-Freunde noch WhatsApp-Gruppen werden hier gezählt, sondern einzig die Sterne am hell leuchtenden Abendfirmament. Von iPhones oder Flatrates haben sie noch nie etwas gehört, ebenso wenig von Reisefreiheit oder Selbstverwirklichung. Nein: Hier zählt einzig die religiöse Gemeinde und mit ihr nur noch einer: kein US-Präsident, kein Papst und kein Pop-Star, sondern allein der liebe Gott regiert hier - und im übertragenen Sinne auch dort unten auf diesem von Land- und Weidewirtschaft geprägten Stück Argentiniens, das die Mennoniten seit den späten 1970ern relativ autark bewohnen. 

Zwischen Kühe melken und Schweine schlachten spielt sich wenig ab im Tagesritus jener evangelischen Freikirchenmitglieder, deren Vorfahren und Vorvorfahren - analog etwa zu den Hutterern oder Amischen - vielfach die Länder wechseln mussten. Nach den Ur-Stationen Preußen, Friesland und Russland wanderten speziell im 18. und frühen 19. Jahrhundert tausende Mennoniten weiter in Richtung Osteuropa oder gleich nach Nord- und Südamerika (z.B. nach Bolivien, Honduras oder Mexiko) aus. 

Nora Fingscheidt, die mit Ohne diese Welt ihr Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg abschloss, ist nun das filmmacherische Kabinettstückchen gelungen, zum ersten Mal überhaupt in einem Fleckchen Erde zu drehen, wo Autos oder Telefone noch absolut verboten sind. Zwei Monate am Stück durfte sie mitsamt Technik, Mini-Team und dem eigenen Nachwuchs an Ort und Stelle leben - und aufgrund des überraschenden Segens des Gemeindeobersten tatsächlich drehen. 


(Filmstill aus Ohne diese Welt; Courtesy: Filmfestival Max Ophüls Preis 2017)

Noch nie zuvor hatten sich nämlich "Weltmenschen", also Nicht-Mennoniten, so lange innerhalb der Gemeinde bewegen dürfen. Trotzdem sei ihr dort von manchen Familien während der gesamten Zeit zeitweise immer noch offene Ablehnung bis zum Schluss der Dreharbeiten entgegengebracht worden, erklärte die 34-Jährige bei der Saarbrücker Uraufführung, und beileibe wollten nur wenige Mennoniten tatsächlich vor die Linse von Yunus Roy Imer treten. "Ich saß anfangs manchmal eine halbe Stunde mit einigen von ihnen zusammen - und es fiel kein einziges Wort, obwohl wir noch nicht einmal die Kamera eingeschaltet hatten."

Selbst ihre guten Spanischkenntnisse brachten Fingscheidt in diesem Teil Argentiniens nur bedingt etwas, weil die Mennoniten bis heute mehrheitlich eine Frühform des Plattdeutsch sprechen, das etwas nach Holländisch wie nach Saarfränkisch - in jedem Falle erst einmal extrem exotisch - klingt. Und so muss sich auch der gewillte Zuschauer dieses absolut sehenswerten Dokumentarfilmbeitrags im diesjährigen Wettbewerb zunächst einmal - ähnlich wie in Edgar Reitz' Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht (2013) - eine gewisse Zeit einhören, um nicht ständig auf die hochdeutschen Untertitel achten zu müssen. 

Ab dann kann er sich vollends einlassen auf diese mitunter regelrecht bizarre Welt, in der Kinder - auf Anweisung der Väter - von ihren eigenen Müttern bei Ungehorsam mit Riemen geschlagen werden oder sich die männlichen Jungspunde wie selbstverständlich das andere Geschlecht - und keineswegs anders herum - zum Heiraten aussuchen können. Ab und zu erreicht einmal ein Paket von außen, gefüllt mit Süßigkeiten, Bürsten oder Luftballons, die zweitweise außerirdisch wirkende "Kolonie Durango". 

Ansonsten existiert hier unglaublicherweise so gut wie keine Unterhaltung: Weder wird hier beim Essen ausgiebig gesprochen noch andauernd gebetet. Es wird in erster Linie geschwiegen oder gebrüllt: Seien es Bibelverse oder Plattdeutsch-ABC-Stafetten. Alle Männer tragen dieselben Latzhosen, alle Frauen dieselben - selbstverständlich langen - Kleider. Jeder Strähne verschwindet hier in aufwendigen Zöpfen, jeder Scheitel wird mehrfach am Tag nachgekämmt. Und trotzdem finden es die meisten hier einfach nur schön: Das ist dann doch wirklich zum Gruseln. 

 

(Simon Hauck)