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16 15/01

Feministische Rock-Ikone – Ein Gespräch mit Amy Berg

Nach Cobain – Montage of Heck und Amy ist mit Janis – Little Girl Blue der dritte Dokumentarfilm über eine Musiker_in aus dem "Club der 27er" angelaufen – jener berühmten Künstler, die mit 27 Jahren gestorben sind. Im Gegensatz zu den Filmen über Kurt Cobain und Amy Winehouse konzentriert sich die Filmemacherin Amy Berg jedoch auf das Leben von Janis Joplin und schafft auf diese Weise ein mitreißendes und bewegendes Porträt einer jungen, einsamen Frau mit einem großen Talent. Sonja Hartl traf Amy Berg zum Interview.


(Bild aus Janis: Little Girl Blue von Amy Berg; Copyright: Arsenal Filmverleih GmbH)

Wie war Ihre erste Begegnung mit Janis?

Ich glaube, ich habe das erste Mal als Kind ein Lied von ihr im Radio gehört. Ich weiß gar nicht, warum ich mich ihrem Gesang so verbunden fühlte, bis ich mich mehr mit ihr beschäftigt habe und herausgefunden habe, wie wirklich ihre Lieder für sie waren, sogar, wenn sie das Lied anderer Künstler gesungen hat, wurde es zu ihrem Song. Das ist ungewöhnlich, denn es ist nicht leicht, einen Song zu covern, zumal sie Lieder gewählt hat, die bereits großartig waren. Aber sie brachte etwas Einzigartiges zu allem und das muss mich schon damals angesprochen haben. Als Fan, als jemand, der ihre Musik gehört hat.

Also hören Sie weiterhin ihre Lieder?

Ja, aber zur Zeit nicht mehr so viel (lacht). Ich musste ihre Lieder so oft hören, ich brauche eine kleine Pause. Aber dafür ist es jetzt nett, sich den Film gelegentlich noch einmal anzusehen.  Und ich mag nun andere Songs lieber als vor dem Film. Das ist gut, es zeigt, dass sich in mir etwas verändert hat.

Warum haben Sie sich entschieden, einen Film über Janis Joplin zu drehen?

Janis’ Vermächtnis war bisher mehr über ihren Tod als über ihr Leben. Aber ich denke, ihr Leben ist sehr wichtig – gerade nach der ganzen Recherche, die ich betrieben habe, ich habe sieben Jahre an dem Film gearbeitet. Sie verkörpert Feminismus auf eine Art und Weise, die keinen Mann braucht. Sie war, wie sie war, sie ist einfach so aufgetreten. Sie trug keinen BH, rasierte sich nicht die Achseln, sprach über jedes Thema, über das sie sprechen wollte. Sie war in dieser von Männern dominierten Welt eine Frau, die dasselbe gemacht hat wie die Männer. Sie hat Grenzen für Frauen überwunden. Für mich ist sie eine der wichtigsten Frauen in der Geschichte - und eine der am missverstandesten, basierend auf der Tatsache, dass sie in so jungen Jahren verstorben ist und ein Heroinproblem hatte, das ihr Leben überschattet hat.


(Trailer zu Janis: Little Girl Blue)

Warum hat es sieben Jahre gedauert, diesen Film zu machen?

Die Rechte. Ich dachte, ich hätte bestimmte Rechte, dann stellte sich heraus, dass ich sie nicht habe. Also musste ich wieder mit der Familie und den Nachlassverwaltern verhandeln. Allein bei der Musik gab es viele Verträge, die beachtet werden müssen. Dann musste ich die Musik und das ganze Material zusammenstellen. Es war ein sehr herausforderndes Projekt, ich habe an anderen Sachen gearbeitet, während ich darauf wartete, dass sich manche Dinge klären.

Und wie sind Sie bei Ihren Nachforschungen vorgegangen?

Ich habe alles gelesen, was sie hinterlassen hat, habe das gesamte Archivmaterial gesichtet und versucht zu sammeln, was ich bekommen konnte.

Haben Sie mit Janis’ Geschwistern eng zusammengearbeitet?

Ja, sie haben mir Zugang zu dem Material gewährt und sich dann den fast fertigen Film angesehen, aber während der Produktion hatte ich keinen Kontakt zu ihnen. Sie haben mir sehr viel Freiraum gelassen.

Im Film wirkt es, als hätte sie eine sehr reflektierte Beziehung zu ihrer Schwester.

Ja, ihre Geschwister sind sehr viel jünger als Janis. Ihr Bruder war 17, als sie gestorben ist, sie war zehn Jahre älter als er. Laura ist sechs Jahre jünger als Janis.

Wie haben Sie die Struktur für Ihren Film gefunden?

Ich wollte immer die Briefe als narrativen Rahmen nutzen, denn ich wollte Janis’ eigene Stimme in dem Film haben, so dass sie ihre Geschichte erzählt, dass sie gewissermaßen die Erzählerin dieses Films wird. Diese Briefe sind wichtige persönliche Statements. Außerdem waren mir die Auftritte wichtig. Es sollte so wenig Gespräche wie möglich geben.


(Bild aus Janis: Little Girl Blue)

Und wie sind Sie auf Cat Powers gekommen, um Janis’ Briefe vorlesen zu lassen?

Sie war großartig. Ich hörte ihre Sprechstimme und wusste sofort, dass sie die richtige Person war. Dann habe ich sie angerufen.

Ich mochte sehr, dass sich der Film auf Janis' Leben und nicht ihr Nachwirken konzentriert, das kommt erst im Abspann, wenn viele weibliche Rockstars über sie reden. Warum haben Sie sich entschieden, diese Aussagen im Abspann zu lassen und sie nicht im Film zu verwenden?

Ja, sie hatte großen Einfluss auf viele Rockstars, aber hätte ich diese Statements im Film aufgegriffen, wären wir ständig erinnert worden, dass sie nicht mehr hier ist, wir wären ständig an ihren Tod erinnert worden. Aber mein Film sollte so sein als wäre sie noch am Leben und sei es nur für zwei Stunden.

Vor dem Film kannte ich Lieder von Janis, für mich war sie aber immer der Rockstar, der mit 27 Jahren an einer Überdosis gestorben ist. Nun sehe ich sie als eine sehr einsame, sehr talentierte Person. Wie hat sich Ihre Wahrnehmung von Janis in diesen ganzen sieben Jahren geändert?

Ich freue mich sehr, dass Sie das aus dem Film mitgenommen haben, denn es entspricht genau dem Prozess, den ich hervorrufen wollte, indem ich ihm diese narrative Form gegeben habe. Sie war sehr hart zu sich selbst, sie war sehr zerbrechlich und dachte jedes Mal, wenn sie etwas vermasselt hat, dass alles vorbei ist. Dadurch hat sie sich selbst unter extrem hohen Druck gesetzt und eine Dynamik kreiert, in der sie nur schwer bestehen konnte. Also hat sie sich die ganze Zeit einsam gefühlt.

Sie gehört zum "Club der 27er". Meiner Meinung nach werden die weiblichen Mitglieder immer mehr als Süchtige gesehen, die auch Musik gemacht haben, während die männlichen Mitglieder Musiker sind, sie auch Drogen genommen haben.

Danke, dass Sie das sagen!  Sie sind die erste, die das sagt, und es ist so, so wahr. Es ist zu hundert Prozent der Grund, warum ich meinen Film so gemacht habe wie er ist. Amy Winehouse und Janis Joplin sind die weiblichen Mitglieder, über die genau so gesprochen wird, wie Sie es gerade beschrieben haben. Und ich halte es für wichtig, dass man daran denkt, dass sie ein Leben hatten. So einsam Janis war, sie hatte ein Leben und liebte, was sie tat. Sie liebte es aufzutreten.


(Bild aus Janis: Little Girl Blue)

Nun gibt es Ihren Film, "Amy" und "Cobain - Montage of Heck" und sie scheinen alle zur gleichen Zeit herauszukommen.

Ja, das ist so seltsam.

Ist es ein Zufall?

Nein, wir haben uns zusammengesetzt und geplant, lass uns alle unseren Film zusammen ... (lacht) Nein, es ist einfach Zufall. Ich weiß, dass Brett [Morgen, Regisseur und Autor von Cobain - Montage of Heck] auch sehr lange an seinem Film gearbeitet hat. Und sie kommen heraus, wenn sie fertig sind.

Könnte es sein, dass es ein höheres Interesse an Musikdokumentarfilmen geben?

Es scheint so, vielleicht liegt es an diesem "großen Jahr", aber ja, es scheint momentan an Musikdokumentarfilmen ein sehr großes Interesse zu geben. Das ist großartig, weil es wichtig ist, dass die Künstler, die so viele Menschen inspiriert haben, erinnert werden - und ich glaube, es gibt Dinge, die wir von ihnen lernen können. Aus kreativer Sicht ist es außerdem ein Film, der schon in der Entstehung Spaß macht. Allein durch die Musik hat man so viel Material.

Wie ändert sich die Arbeit am Film, wenn man vor allem mit Archivmaterialien arbeitet?

Man muss die Narration stärker selbst kreieren als sie durch das Material und eine Person bestimmen zu lassen. Außerdem lebt die Person nicht mehr und kann uns deshalb keine Inneneinsichten vermitteln. Aber es war auch eine sehr erfüllende Arbeit. Ich musste wirklich tief in das Material eintauchen, ich konnte nicht einfach jemanden fragen.

Ihre bisherigen Arbeiten haben sich mit Ausbeutung, Missbrauch und sozialen Fragen beschäftigt. Wie passt Janis dort hinein?

Janis ist ein perfektes Beispiel für viele gesellschaftliche Themen. Sie wurde als Kind gemobbt, sie hatte eine schwierige Teenagerzeit und sie wurde von ihren Altersgenossen hart und oft falsch beurteilt und diese Erfahrungen haben sie sehr geprägt.

Was soll das Publikum aus Ihrem Film mitnehmen?

Ich möchte, dass die Zuschauer Janis’ Kampf verstehen und erkennen, dass wir die Frauenbewegung heute haben, weil sie durch diesen Kampf gegangen ist. Wir können etwas davon lernen, dass sie diese Mauern für andere Frauen durchbrechen konnte. Deshalb hoffe ich, dass die Zuschauer verstehen, welche wichtige Rolle sie für heutige Frauen gespielt hat - und wie schmerzhaft es für sie war.