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15 07/10

Eine Frage der Geschwindigkeit - Die kino-zeit.de-Kolumne

Manchmal sind es ja so kleine Bemerkungen, die mich nicht mehr richtig loslassen. In meiner Besprechung des neuen Films Rettet Raffi! von Arend Agthe hatte ich auf ein Interview verwiesen, das der Autor und Regisseur anlässlich der Premiere der Süddeutschen Zeitung gegeben hatte. Agthe erklärt darin, warum er vor zwei Jahren eine um zwanzig Minuten gekürzte Fassung seines Klassikers Flussfahrt mit Huhn herausgebracht hat: "Der Film war ursprünglich viel elegischer. Wir haben mehr Tempo hineingebracht. Denn die Kinder heute haben eine andere Wahrnehmung als früher, sie sind schnellere Schnitte gewöhnt."


(Bild aus Rettet Raffi! von Arend Agthe; Copyright: MFA+ FilmDistribution)

Ich bin immer skeptisch, wenn irgendetwas generell anders sein soll als früher – aber in gewisser Hinsicht hat Agthe selbstverständlich Recht: Schon Kinder sind durch die Erzählweise des zeitgenössischen Kinos und vor allem Fernsehens Handlungssprünge gewohnt, die sie (aber auch Erwachsene) früher womöglich nicht verstanden hätten, und der Regisseur hat natürlich auch Recht, wenn er konstatiert: "da muss ich gar nicht erzählen, was zwischendurch passiert ist".

Agthe nimmt hier eine Trope der Kulturkritik auf und wendet sie wenigstens ins Produktive, wenn nicht gar Positive: Früher war es, wenn nicht besser, so doch wenigstens ruhiger. Und ich bekenne mich dieses konservativen Impulses selbst für schuldig, wenn ich ins Fernsehprogramm schaue – was ich, das macht mich natürlich noch verdächtiger, eh nur noch selten tue – und lauter schnell geschnittene Kinderprogramme minderer Qualität zu finden meine: Ist das einfach so, wollen die Kinder das so?


(Ausschnitt aus Rettet Raffi! von Arend Agthe)

Oder ist das einfach Kindheit? In seinem Buch When The Shooting Stops... The Cutting Begins erinnert sich Ende der 1970er Jahre Regisseur und Cutter Ralph Rosenblum an seine ersten Filmerfahrungen und schreibt: "I realize in retrospect that children are great fans of fast editing: The films that were breaking new ground in editing at this time were gangster pictures like Little Caesar (1930), The Public Enemy (1931), and Scarface (1932), and we kids loved them as much for their malevolent content as the pace with which it poured over us." Aber damit ist für mich die Frage noch nicht beantwortet, ob es wirklich notwendig oder sinnvoll ist, einen über dreißig Jahre alten Film noch einmal neu zu schneiden. Sowenig wie jeder Film ein Remake bräuchte. Bin ich auch da altmodisch bzw. bricht sich mein innerer Archivar bahn, der alles am liebsten so erhalten möchte, wie es nun einmal ist? Doch Konservierung um jeden Preis kann's ja nun auch nicht sein, oder?

Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, den japanischen Film Hachi-Ko – Ein Hundeleben (Hachikô monogatari) zu sehen, für den gerade eine deutsche Neuausgabe bevorsteht. Das ist eine ausgesprochen ruhige Erzählung von einem Hund, der seinem Besitzer noch nach dessen Tod treu ergeben bleibt – erzählt nach einer wahren Begebenheit, an die ein Denkmal vor einem Bahnhof in Tokyo erinnert. (Mit Richard Gere gab es 2009 ein wesentlich rührseligeres amerikanisches Remake.) Durch seine ruhige Erzählweise und das langsame Voranschreiten der Geschichte wirkte der Film auf mich zunächst wesentlich älter, auch wenn er aus dem Jahr 1987 stammt, also sogar ein paar Jahre jünger ist als der ähnlich "elegische" Flussfahrt mit Huhn. Und wenn man diese beiden Filme nun mit Rettet Raffi! vergleicht – ebenfalls mit einem Tier als nicht so heimlichem Protagonisten – wird dann auch schnell klar, was neben dem Tempo der Schnitte der entscheidende Unterschied zwischen den Filmen ist: der Gestus ihrer Erzählung, das Tempo auch ihres Voranschreitens.


(Ausschnitt aus Hachi-Ko – Ein Hundeleben von Seijirô Kôyama)

Hachi-Ko umfasst ein Hundeleben, Flussfahrt mit Huhn eine Reise – Rettet Raffi! hingegen ist Abenteuergeschichte, Verfolgungs- und Rettungsgeschichte. Die Diskussion auf die Debatte zwischen Alt und Neu zu verkürzen, greift nicht nur zu kurz, sondern völlig daneben – denn wie im "Kino für Erwachsene" sollten auch Kinderfilme (deren beste Beispiele ja sowieso auch für Nicht-Kinder geeignet sind) schlichtweg ein Tempo haben, das zu ihrer Geschichte und ihrem ästhetischen Entwurf passt.

Kindern ist nämlich im Grunde das Schnelle wie das Geruhsame willkommen: Die meinen zumindest haben mit großem Vergnügen Rasmus und der Vagabund gesehen und sich einige Wochen später über Die Pinguine aus Madagascar schlapp gelacht. Bei letzterem haben hingegen wir Eltern uns doch anstrengen müssen, um der Handlung quer durch die rasanten Actionsequenzen und Schnitte folgen zu können.


(Trailer zu Die Pinguine von Madagascar von Eric Darnell und Simon J. Smith)

Wer sich also beschwert, die Kinder "heutzutage" würden nur noch so furchtbar schnell geschnittene Filme sehen, sollte ihnen vielleicht erst einmal einen wirklich guten, spannenden und langsam voranschreitenden Streifen zeigen. Kinder heute wie früher wollen im Kino zuallererst nämlich nicht gelangweilt werden. Das unterscheidet sie nicht wesentlich von ihren Eltern, würde ich meinen.

(Rochus Wolff)

Rochus Wolff sucht in seinem Kinderfilmblog, wenn seine Zeit es ihm erlaubt, nach dem guten, schönen, wahren Kinderkino.