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15 28/10

Die Zukunft war früher auch nicht besser - Die kino-zeit.de-Kolumne

Wie heißt es so schön: Man wächst mit den Aufgaben. Vor einiger Zeit habe ich mich bereit erklärt, Mitte November beim Mannheimer Filmsymposium, das sich dieses Jahr zum 30. Mal jährt, einen Vortrag zu halten. Das Thema ist so einfach wie kompliziert - es lautet: Die Zukunft des Kinos. Und je länger ich an diesem Vortrag arbeite, desto sicherer bin ich mir, dass man es sich bei der Wahl der Themen auch hätte einfacher machen können. 

(Das aufgegebene ABC Cinema in Kirkgate, Wakefield, West Yorkshire; Copyright: philld/ CC BY-SA 2.0, via wikicommons)

Andererseits: Kaum ein Thema treibt die Menschen in der Film- und Kinobranche derzeit (wobei dieses "derzeit" schon über einen gefühlten Zeitraum von acht Jahren geht) so sehr um wie die bange Frage nach dem, was in ein, zwei oder drei, vielleicht sogar in fünf oder zehn Jahren mit dem Kino sein wird. Und auch ich stoße immer wieder auf diese grundlegende, elementare Frage, bei der es nicht nur um die Zukunft einer Branche geht, sondern auch um meine ganz eigene. Denn schließlich will ich bis zum geplanten Ruhestand in ca. 40 Jahren noch ein einigermaßen erquickliches Einkommen genießen - und da ist es doof, eine Seite namens kino-zeit.de zu betreiben, wenn das Kino bis dahin vielleicht schon seit vielen Jahren mausetot ist.

Um sich dieses Eindrucks zu erwehren, dazu bedarf es schon starker Nerven und einer Überdosis Optimismus. Denn ohne Unkenrufe, cassandrisches Geraune vom Untergang des Kintopp oder trotzige "Jetzt erst recht"-Bekenntnisse geht heute kaum mehr eine Branchenveranstaltung über die Bühne - sei es vor kurzem der Bundeskongress für kommunale Filmarbeit oder die Keynote von Daniela Kloock beim 42. Filmtheaterkongress 2012 in Baden-Baden. 

Zudem melden sich prominente Filmemacher zu Wort wie etwa Steven Soderbergh im Jahre 2013 mit seiner hörenswerten Rede "What's killing cinema?"  oder James Cameron, der vor einigen Jahren ernsthaft behauptete, die Zukunft des Kinos gehöre einzig und allein dem 3D-Film - eine Behauptung, die mittlerweile ebenso schlau erscheint wie das Statement des früheren IBM-Chefs Thomas Watson im Jahre 1943, der den weltweiten Bedarf für Computer auf rund 5 Stück (insgesamt!) fixierte. Aber klar, hinterher ist man immer klüger ...

Befeuert wird die Wahrnehmungskrise auch durch unzählige Zeitungsartikel, die sich ähnlich lustvoll auf die Untergangsszenarien stürzen und diese manchmal denkfaul, dann wieder scharfsinnig analysieren, wiederkäuen und multiplizieren, bis wirklich jedem Leser/User/Rezipienten die immergleiche Botschaft ins tumbe Hirn gehämmert ist: DAS KINO IST TOT! Oder zumindest riecht es ziemlich streng.

Und nicht zuletzt bemüht sich auch die Branche selbst redlich um Selbstdemontage: Glaubt man den Plänen der großen Hollywood-Studios, sind die vermeintlichen Blockbuster schon bis in die 2020er Jahr durchdesignt und bestehen vor allem aus Comic- und Games-Verfilmungen, von denen etliche Sequels und Prequels abgespalten werden, die dann die Kassen füllen sollen. Aber mal ganz ehrlich: Glaubt wirklich jemand, dass solch ein stupides Vorgehen nicht auf Dauer den Zuschauer abstumpfen lässt, weil selbst der größte Fan solcher Werke irgendwann einmal merkt, wie austauschbar und lieblos heruntergespult diese Filme eigentlich sind.

Vor kurzem las ich im Magazin der Süddeutschen Zeitung eine sehr schöne Einlassung des Philosophen Harald Welzer über den allgemein sehr verbreiteten, durchweg pessimistischen Blick, den wir mittlerweile in die Zukunft werfen. Er beklagt darin das Fehlen positiver Utopien - und legt damit den Finger auf die Wunde auch der Kinobranche. Richtig ist: Der digitale Wandel hat das Kino radikal verändert und wird dies noch weiter tun. Wir stehen zudem vor einem Generationswechsel, weil viele Kinobetreiber in die Jahre gekommen sind und dementsprechend zahlreiche Lichtspielhäuser in der nächsten Dekade zur Disposition stehen. Dabei ist zu befürchten, dass sich innerhalb einer Branche, die dermaßen totgesagt wird, kaum ein neuer Inhaber wird finden lassen. Damit hätte sich dann die düstere Prognose vom (Aus)Sterben des Kinos quasi ganz von allein erfüllt.

Aber - so endet der Text von Welzer und ich bin durchaus geneigt, meine eigene Profession zu adressieren -: "Wollen wir so wirklich leben? Oder sollten wir nicht lieber endlich anfangen, wieder eigene Zukunftswelten zu entwerfen, Welten, wie sie sein sollten - soziale Utopien, die zugleich eine Ästhetik des Widerstands gegen die infantile Konsumhölle entwickeln würden? Und zwar nicht nach den öden Fantasien technischer Machbarkeit, sondern nach den Überraschungen des Entdeckens."


(Die berühmte letzte Szene aus Cinema Paradiso von Giuseppe Tornatore)

Nimmt man diese Sätze von Welzer ernst - und das sollte man wirklich dringend tun - stehen dem Kino vielleicht sogar goldene Zeiten bevor, weil es sich plötzlich wieder jener Kraft besinnen könnte, die es gerade im Moment so leichtfertig aus der Hand gibt: Der Kraft, die Zukunft zu erträumen. 

(Joachim Kurz)