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17 11/02

Die Puppen tanzen lassen - Stop-Motion-Puppenanimationen im Wandel der Zeit

Wenn am 16. Februar 2016 der französisch-schweizerische Film Mein Leben als Zucchini / Ma vie de courgette von Claude Barras in den deutschen Kinos startet, der auch zehn Tage später bei der Verleihung der Academy Awards in der Kategorie Bester Animationsfilm antritt, dann ist das nicht nur ein selten gewordener Glücksfall im Bereich der animierten Spielfilme, sondern auch eine Erinnerung an die Anfänge des Kinos im Allgemeinen und des animierten Kinos im Besonderen.


(Trailer zu Mein Leben als Zucchini)

Denn Stop-Motion-Werke wie dieser und insbesondere Puppentrickfilme gehören zu den frühesten Formen des Kinos überhaupt und sind von gelegentlichen Ausnahmen einmal abgesehen häufig aus dem Blickfeld des Publikums geraten. Zeit also, diesen ganz besonderen Werken und ihrer wechselvollen Geschichte mal ein wenig Aufmerksamkeit zu widmen.

Bereits kurze Zeit, nachdem der erste Film über eine Leinwand flimmerte, bekam das ohnehin schon staunende Publikum mit dem heute leider verschollenen The Humpty Dumpty’s Circus (nur ein Standbild existiert noch) von Albert E. Smith und J. Stuart Blackton den ersten Puppentrickfilm vorgeführt. Die beiden Herren hatten zur Realisierung des filmhistorisch bedeutsamen, weil ersten Werkes mit Stop-Motion-Animation von Puppen, schlicht die Spielsachen ihrer Töchter verwendet.

Smith und Blackton gehörten zu den Pionieren des frühen Kinos; die beiden aus England eingewanderten Männer erwarben 1896 ein Edison Vitascope und produzierten fortan kleine eigene Werke, mit denen sie über die Lande zogen. Erst 1925 veräußerte Smith das Unternehmen an Warner Brothers und setzte sich zur Ruhe.


The Haunted Hotel
von J. Stuart Blackton

Der Puppenanimationsfilm blieb aber nicht allein auf die USA beschränkt, auch Georges Méliès erkannte früh die Möglichkeiten dieser leicht zu realisierenden Technik und wandte sie schon früh an, hier allerdings zumeist gemischt mit Realfilm-Anteilen.


Georges Meliès, La lune à un metre

Ein weiterer Meister des frühen Animationsfilms war Arthur Melbourne-Cooper, dessen Dreams of Toyland beispielhaft für die zu jener Zeit entstehenden kurzen Werke ist.

Ebenso wie bei den anderen Beispielen fällt auf, dass die Geschichten kaum je wirklich ausgereift waren, sondern dass die Filme vor allem als Showcases dienten, bei denen insbesondere die Technik selbst, das wie durch Geisterhand sich scheinbar von selbst Bewegende im Mittelpunkt stand. Ein Charakteristikum, das sich aber auch durchaus in fast allen Werken dieser frühen Tage wiederfand, als Kintopp vor allem ein Jahrmarktsvergnügen war, das sich auf Staunen und Sensationen, Illusionismus und Gaukelei beschränkte.

Erst die Zäsur des Ersten Weltkrieges, die Professionalisierung der Filmproduktion und -auswertung sowie die künstlerischen Avantgarden der 1910er und 1920er Jahre sollten hier Fortschritte bringen, die inhaltlich wie formal stilbildend wirkten.

Einer der wichtigsten Innovatoren der Stop-Motion-Technik und des Puppenanimationsfilms war der aus Polen stammende russische Filmregisseur Wladyslaw Starewicz (später Ladislas Starewitch), der nach der Oktoberrevolution in Frankreich arbeitete. Nach ersten Gehversuchen mit animierten Dokumentarfilmen für natur- und völkerkundliche Museen wandte er sich schließlich immer mehr dem erzählenden Puppentrickfilm zu, wie eines seiner frühen Werke illustriert:


Die Rache des Kameramanns

In den Jahren 1931 und 1932 produzierte er in Paris seinen ersten Langfilm Reineke Fuchs / Le roman de Renard, der aber erst 1937 seine Uraufführung in Berlin erlebte und 1941 auf der Kinoleinwand erschien.

Gleichzeitig mit diesen ersten Höhepunkten der Puppentrickanimationen als Stand-Alone-Werke begann auch die zweite Karriere dieser Technik als Special Effects in Realfilmen. So erblickte 1933 mit King Kong und die weiße Frau / King Kong (Regie: Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack) eines der bekanntesten Filmmonster aller Zeiten das Licht der Welt bzw. der Leinwand – und ohne die Stop-Motion Tricks von Willis O’Brien wäre dies niemals so eindrücklich möglich gewesen.


King Kong und die weiße Frau

Rund zehn Jahre später begann die Karriere von Ray Harryhausen, über dessen eindrucksvolles Schaffen im Bereich der Tricktechnik die folgende Zusammenstellung Auskunft gibt.


The Ray Harryhausen Creature List


Jason and the Argonauts - Skeleton Fight Scene

Jenseits der Eisernen Mauer nahm der Puppentrickfilm in dieser Zeit einen anderen Weg – und es werden später vor allem diese beiden Linien sein, die die weitere Entwicklung der Animationstechnik prägen: Vor allem in der Tschechoslowakei, aber auch in anderen Ländern des Warschauer Pakts werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten ausgefeilte Kinderfilme und kürzere Werke für die kleinen und kleinsten Zuschauer entstehen, von denen eines bis heute aktiv ist – das Sandmännchen.

Bisweilen entstanden aber auch unter dem Deckmäntelchen des Kinderfilms avantgardistische Werke wie etwa die des großen Animationskünstlers Kurt Weiler, der nach wie vor insbesondere ausgewiesenen Kennern des Puppentrickfilms bekannt sein dürfte.

Avantgardistisch sind auch zwei Kurzfilme, die beide in den 1990er Jahren im nun wiedervereinigten Deutschland für Furore sorgen – beide stammen bezeichnenderweise aus dem akademischen Kontext der Filmhochschulen.

Im Jahr 1989 entstand Balance von Christoph und Wolfgang Lauenstein, der den Oscar für den besten animierten Kurzfilm erhielt – eine Ehrung, die Quest von Tyrone Montgomery noch einmal wiederholen konnte.


Ausschnitt aus Quest

Es fällt auf, dass der Puppentrickfilm nicht nur ein Schattendasein im Bereich des Kinderfilms führte, sondern dass zudem kaum ein Film in dieser Technik den Sprung auf die große Leinwand schaffte. Das ändert sich erst, als der Kinomagier Tim Burton mit A Nightmare before Christmas sehr wohl beweist, dass Puppentrick, Märchenhaftes und Grusel gerade auf der großen Kinoleinwand wunderschöne wie auch kommerziell erfolgreiche Filme hervorbringen können


A Nightmare before Christmas

Später wird mit Corpse Bride noch einmal ein ganz ähnlicher Film folgen.


Corpse Bride

Burtons Filme erweisen sich als Türöffner, die der wahrscheinlich ältesten Animationstechnik überhaupt, zum Teil sogar ergänzt durch neueste Errungenschaften wie 3D-Verfahren, neue Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen. Das verdeutlichen u.a. zwei Werke des Animationsstudios Laika: Coraline (Regie: Henry Selick; 2009) und ParaNorman (Regie: Sam Fell und Chris Butler; 2012) vermischen wie schon die Filme Tim Burtons Motive aus Kinderfilmen mit Horror-Elementen und erschaffen so ein Hybrid aus verschiedenen Zielgruppen, dem der Erfolg an den Kinokassen gewiss ist.

Eine ähnliche Schlüsselposition nimmt auch Wes Andersons Der fantastische Mr. Fox (2009) ein, der – sicherlich durch den Erfolg von Tim Burtons Experimenten ermutigt – in eine ähnliche Richtung schritt.


Der fantastische Mr. Fox

Konsequenter experimentell arbeiten seit vielen Jahren die in Großbritannien wirkenden, aber in den USA geborenen Zwillingsbrüder Stephen und Timothy Quay, deren Koninck Studios seit vielen Jahren überaus sehenswerte Puppenanimationen produzieren, die zwar ein eher kleines Publikum finden, aber viel Kritikerlob und etliche Auszeichnungen verbuchen können


Quay Brothers Impressions

Zugleich entstand mit den Filmen der britischen Aardman Animations, die Puppentrick- und Knetanimation mischen, ein Werkkorpus, der die bislang eher ernsten bis düsteren Animationsfilme um eine humorvolle und vergnügliche Stimme bereichert. Ebenso bemerkenswert ist dabei auch, wie mühelos der Wechsel zwischen Kurz- und Langfilmen, Produktionen fürs Fernsehen wie auch fürs Kino gelingt und wie sehr das Studio ein Universe Building betreibt, wie man es später von den Blockbuster Produktionen des Marvel Cinematic Universe kennt.


Aardmag's Aardman Animations Tribute Video

Mit Mein Leben als Zucchini schließt sich nun der Kreis. Stilistisch wie technisch am ehesten mit den Filmen aus dem Hause Aardman zu vergleichen, geht der Film erzählerisch neue Wege – weg vom Phantastischen und Märchenhaften, das Puppentrickfilmen lange anhaftete, hin zu einer sehr berührenden Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor, kindgerechtem Realismus und verträumten Sequenzen, die kleine wie große Zuschauer gleichermaßen ansprechen, die sich den Problemen der (Kinder)Welt annehmen und dennoch einen verzaubernden Optimismus ausstrahlen. Und so würde es uns kaum wundern, wenn wir von diesem Kleinod spätestens bei der Verleihung der Academy Awards noch einiges hören werden.

(Joachim Kurz)