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16 11/03

Diagonale 2016: Wilde Stiere, Surf Nazis und ein Roadmovie ohne Bewegung

Sich einen persönlichen Festivalplan zusammenzustellen, in den alle Filme hineinpassen, die man unbedingt sehen will, ist nicht gerade eine einfache Angelegenheit. Zum einen stellt sich bei jedem Festivalbesuch automatisch eine Seh-Gier ein, weil man ja nichts verpassen will. Immerhin befindet man sich im cineastischen Paradies und der Sehnsuchtsstoff Film ist hier quasi unbegrenzt vorhanden.


(Copyright: Diagonale/Stelzl)

Außerdem kommen zu den sowieso schon fest eingeplanten Filmen andere hinzu, auf die man dank verschiedener Gespräche erst aufmerksam gemacht wird und die dann auch noch versorgt werden müssen. Und zum anderen ist da noch die verdammte Logistik. Die überwiegend festen Programmschienen disziplinieren dazu, auch den Faktor Weg in die Überlegungen mit einzubauen. Was oftmals bedeutet, dass es dann doch nicht so hinhaut, wie man sich das wünscht. Aber das hat auch einen ganz entschiedenen Vorteil: Weil man so den einen oder anderen Film einflicht, den man eigentlich nicht auf dem Plan hatte. Und das ist vielleicht das schönste - wenn einen ein Film unerwartet erwischt. 

Gestern ist mir das gleich zweimal passiert - und das hängt auch ein wenig mit dem Reservierungssystem bei der Diagonale zusammen: Man kann sich als Akkreditierter zwar Karten online reservieren (jeweils für den gleichen Tag und für den darauf folgenden), aber die sind meistens schnell aus, wenn man sich nicht sputet. Und dann muss man eben das nehmen, was übrig bleibt. Doch wie gesagt, das hält nicht nur auf Trab, sondern bietet auch Raum für Überraschendes.


(Filmstill aus Korida von Siniša Vidović, Copyright: Golden Girls Filmproduktion)

Eine dieser Überraschungen war beispielsweise Korida von Siniša Vidović: ein Film über eine spezielle Form des Stierkampfes, bei dem es nicht um die Auseinandersetzung Mensch gegen Tier geht, sondern um ein Aufeinandertreffen zweier Kolosse. In Bosnien-Herzegowina hat diese Form des Wettkampfs eine lange Tradition und eine wichtige soziale Funktion. Denn bei den Kämpfen, die gigantischen Volksfesten gleichen, kommen Bosnier unterschiedlicher Herkunft und Religion unterschiedlos zusammen und feiern gemeinsam die siegreichen Stiere, denen nicht selten von ihren stolzen Besitzern kleine Denkmäler errichtet werden. 

Der Regisseur, dessen Familie selbst aus einer Gegend in Bosnien stammt, wo die Koridas gepflegt werden, folgt den Wettkämpfen und den Menschen, die für sie leben, mit großer Sympathie und viel Gespür für Zwischentöne und Bruchlinien. Denn noch immer sind die Verwerfungen und tiefen Gräben zu spüren, die der verheerende Bürgerkrieg hinterlassen hat. Aber es gibt darüber hinaus auch den Wunsch, dass man die Schatten der Vergangenheit endlich hinter sich lassen kann. Und die kleinen Stellvertreter-Kriege, bei denen Tiere statt Menschen in die Arena steigen, leisten da einen gewaltigen Beitrag. 


(Filmstill aus Korida von Siniša Vidović, Copyright: Golden Girls Filmproduktion)

Mit gutem Gespür für Rhythmus, einer exzellenten Kamera und einem tollen Soundtrack ist Korida ein Film, der das Publikum begeistert hat - und der gleichzeitig für den wohl schönsten und merkwürdigsten Dialogsatz des Festivals sorgte: "Du musst ihn an den Hoden streicheln, nicht ihn schlagen", brüllt die blondierte Renata, die ungekrönte Königin des Korida, einen der Männer an, als ein Stier randaliert. Und siehe da - kaum folgt der Mann ihren Anweisungen, ist das Kraftpaket plötzlich lammfromm. Ach, denkt man da bei sich, wenn es doch bei den Menschen ähnlich einfach wäre, für Ruhe, Gelassenheit und Friedfertigkeit zu sorgen - um wieviel einfacher wäre doch die Welt ...


(Filmstill aus Los feliz von Edgar Honetschläger; Copyright: Edoko Institute Film Production)

Weil dem aber nicht so ist, müssen eben - zumindest bei der Diagonale in Graz - Filme für Ausgeglichenheit und Freude sorgen. Und Edgar Honetschlägers Roadmovie Los feliz ist sicherlich einer der Kandidaten, der trotz (oder gerade wegen) seiner enormen Komplexität für ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit sorgt: Weil hier eine Fabulier- und Experimentierlust, ein Gestaltungswille und ein grimmiger Witz zu spüren sind, die über vieles hinwegtrösten. 

Im Kern geht es um eine merkwürdige Reisegesellschaft, die hier an sieben Tagen die Welt bzw. Amerika durchquert: Eine französische Museumsführerin mit Ambitionen zur Schauspielerei, eine japanische Shinto-Göttin auf der Suche nach der Liebe ("Ich weiß nichts über dieses Konzept") und der Teufel, der im Auftrag des Vatikan die Vorherrschaft der katholischen Kirche über die Macht der Bilder sichern soll. Und so durchquert diese denkbar bunt zusammengewürfelte Reisegesellschaft die USA in einem herrlichen alten Mercedes aus den 1950er Jahren. Der Witz dabei: Eigentlich bewegt sich das Auto keinen Meter, vielmehr bewegt sich die Landschaft, denn diese ist auf Leinwand aufgemalt und wird von drei Kardinälen mittels eines Kurbelmechanismus bewegt - und das ist nur einer von unzähligen irrwitzigen Einfällen, die Los feliz bereithält. Ein herrlicher Spaß, völlig absurd und zugleich tief philosophisch, durchdrungen vom Geist der Musik und der bildenden Kunst, eine Odyssee durch ein wahres Labyrinth an Verweisen, Zitaten, Motiven und Extravaganzen, die unendlich viel Stoff zum Nachdenken bieten.


(Trailer zu Surf Nazis Must Die)

Und dann gab es zum Abschluss eines fast perfekten Festivaltages Tromas berühmt-berüchtigten Burner Surf Nazis Must Die, den ich all die Jahre tatsächlich erfolgreich gemieden habe - vielleicht ist dieser Film gar nicht der schlechteste der Welt, wie vielfach behauptet, aber viel fehlt definitiv nicht dazu: Diese "Darsteller"! Die "Geschichte"! Die "Effekte"! Überhaupt: Dieser ganze "Film"! Mehr gibt es darüber eigentlich kaum zu sagen - außer vielleicht, dass mich die Reaktionen des "Publikums" weitaus besser unterhalten haben als der "Film" selbst. Wenn man's recht bedenkt, ist das schon wieder ganz schön "Meta" - und die Dichte an Anführungszeichen zum Schluss dieses "Textes" erst recht.

Vielleicht sollte ich besser wieder ins Kinos gehen...

(Joachim Kurz)