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16 10/03

Diagonale 2016: "Maikäfer flieg!" von Mirjam Unger

Neben der offensichtlich außergewöhnlichen Verwendung sprachlicher Verknappung und Nüchternheit ist eines der Geheimnisse von Christine Nöstlingers Romanen und auch ihrer 1973 veröffentlichten Kindheitserinnerungen Maikäfer flieg! die Erzählperspektive. Durch die Augen eines Kindes, wenn man so will, wird vieles zur Kunst. Natürlich bietet sich Nöstlingers Werk nicht zuletzt aufgrund dieser Verlockungen, unbestreitbaren Qualitäten und spezieller Perspektiven auf ein historisch wichtiges Ereignis für eine Verfilmung an. Maikäfer flieg! von Mirjam Unger leidet indes sowohl an seiner Perspektive als auch an seiner filmischen Sprache.


(Filmstill aus Maikäfer flieg! von Mirjam Unger; Copyright: Filmladen/KGP)

Die Geschichte ist gegen Ende des Zweiten Weltkrieges am Rand von Wien angesiedelt. Es geht um die Erfahrungen einer Familie rund um die achtjährige Christine (Zita Gaier). Bombenangriffe, der heimkehrende Vater (Gerald Votava) und schließlich die Ankunft und das Leben mit den Russen. Es ist eine ereignisreiche Zeit, die für das Kind sowohl Verzweiflung als auch Abenteuer bereithält. Immer wieder muss ihre Mutter (Ursula Strauss) das kleine Mädchen einfangen. Es entfaltet sich eine Dynamik zwischen der Gefahr und Brutalität und der kindlichen Aufregung, die Christine nicht immer richtig einschätzen kann, die aber gerade dadurch auch das Potenzial für ein Miteinander statt Gegeneinander freilegt. Leider überzieht Unger diese Dynamik mit dem Anstrich einer historischen Wärme, die von sich aus zu weit über dem Geschehen steht, um noch als Kindererinnerung durchzugehen.

Es zeigt sich, dass zu einer Erzählperspektive mehr gehört als subjektive Einstellungen. Zudem verlässt der Film immer wieder die Perspektive des Kindes, um allgemeingültige Statement und Wahrheiten sowie Klischees und menschliche Dramen zu inszenieren. Wie zu oft in solchen Filmen wird die einzelne Familie als Mikrokosmos vieler kriegsrelevanten Thematiken verstanden, sodass sich oft keine Figuren, sondern Drehbuchideen über die Leinwand bewegen. In wenigen Sequenzen bricht diese äußerst konventionelle Erzählhaltung auf und der Film vermag es wirklich, die Perspektive des jungen Mädchens einzunehmen. Vor allem in einer rauschenden Nacht des 1. Mai, in der die Kamera Christine folgt und ihre fiebrigen Blicke auf die Betrunkenen, feiernden Russen einfängt, ist dies der Fall, wobei die wiederkehrenden Einstellungen einer Schaukel und roter Schuhe zumindest den Hauch eines Erinnerungszustands versprühen, wenn auch mit Überzeichnung.


(Filmstill aus Maikäfer flieg! von Mirjam Unger; Copyright: Filmladen/KGP)

Überzeichnung ist auch ein gutes Stichwort, wenn man das Tondesign des Films betrachtet. Der Film versucht gar nicht erst, auch mit dem Ton an der Perspektive eines Kindes zu arbeiten, sondern schielt vielmehr auf eine möglichst hohe Effektivität, die nichts mit der anvisierten Subjektivität der Bilder gemein hat. So läuft der liebenswerte Koch Cohn (Konstantin Khabensky) einmal rückwärts gegen eine Wand neben der ein Fahrrad steht und man hört vor lauter Schreck die Klingel des Rades. Auch im sonst souveränen, an den Normen aus Film und Fernsehen orientierten Historienbild gibt es einige unbeholfene Momente, so wie jene merkwürdige gestellte Trümmerfrauensequenz, in der eine Kranfahrt entlang von Menschen, die sich Steine reichen, in ein Bild der Zerstörung übergeht und alles wirkt, als wäre es nur für diese drei Sekunden Leinwandruhm dorthin gestellt worden.

Schließlich scheitert der Film auch am Grauen des Krieges. Man hat weniger das Gefühl, dass hier eine Perspektive auf dieses Grauen geschildert wird, als dass dieses Grauen tatsächlich relativ harmlos war. Es gibt keine Diskrepanz, keine körperliche, sinnliche, filmische Energie zwischen den beiden Polen, es bleibt lediglich die narrative Idee der Vorlage. In dieser Hinsicht traut sich der Film nicht genug, er ist viel zu nett für Erwachsene und auch für Kinder. Ein zugegeben etwas unfairer Vergleich, der hier dennoch als Hinweis nicht fehlen darf, ist Hou Hsiao-hsiens A Summer at Grandpa`s, der zeigt, wie man filmisch die Perspektive eines Kindes einfangen kann.

(Patrick Holzapfel) 

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Klaus Klausner am: 21.03.16
Ich finde den Film SUPER. Er hat die Erzälungen meiner Mutter um eindringliche Bilder erganzt. Auch die Spannung zwischen der Angst / Verzweiflung / Hoffnung der Erwachsenen und der Unbekümmertheit / Neugier / Sehnsucht der Kinder hat sich mit den ruhigen Bildern und den wenigen Worten tief in meinem Herzen eingenistet. Von mir eine Empfehlung für diesen, leider viel zu schwach besuchten, Film.