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16 16/02

Club der Komödiantinnen - Über lustige Frauen im Kino

In der Film Awards Season – dem Zeitraum zwischen November und Februar, in dem die wichtigsten Filmpreise verliehen werden – wird stetig über die Hingabe gesprochen, die Preisanwärter_innen gezeigt haben, um in ihren Rollen zu überzeugen. So auch im vergangenen Jahr, als Steve Carell vielfach nominiert war für seine Performance in Foxcatcher, für die er während der Dreharbeiten täglich zwei Stunden maskenbildnerische Vorbereitungen über sich ergehen lassen musste. Bei der Golden-Globes-Verleihung 2015 setzte Co-Moderatorin Tina Fey die Dinge jedoch ins Verhältnis: "It took me three hours today to prepare for my role as 'human woman'", erklärte sie in eleganter Aufmachung bei der Eröffnungsnummer, die sie gemeinsam mit ihrer Kollegin und Freundin Amy Poehler bestritt.


(Bild aus Sisters von Jason Moore; Copyright: Universal Pictures International Germany GmbH)

Zwei Faktoren trafen hier aufeinander: (soziales) Geschlecht und Humor. Es existiert ein haarsträubend-schrecklicher Vanity-Fair-Artikel von Christopher Hitchen mit dem Titel Why Women Aren't Funny (2008), dessen krude Thesen sich gewiss nicht erst mit der unfassbar witzigen Tina Fey widerlegen lassen. Berühmte lustige Frauen gibt es seit jeher – von Mabel Normand und Mae West über Katharine Hepburn und Carol Burnett bis hin zu Kristen Wiig, Anna Kendrick und dem Duo Fey/Poehler. Dennoch lässt sich eine Phase ausmachen, die in den 1980er Jahren begann, in welcher dieser Frauentypus auf der Kinoleinwand erstaunlich selten zu sehen war. Auf die Frage, welcher Film ein ähnliches Frauenbild wie der Überraschungserfolg Brautalarm (2011) transportiere, sei der darin mitwirkenden Melissa McCarthy (wie die Berliner Zeitung seinerzeit berichtete) nur ein Werk in den Sinn gekommen, das bereits 1980 entstand: Warum eigentlich... bringen wir den Chef nicht um? mit Jane Fonda, Lily Tomlin und Dolly Parton. Brautalarm wurde – vielleicht ein bisschen zu euphorisch, aber sicher nicht zu Unrecht – als Genre-Sensation gefeiert, da die Heldinnen der Geschichte ein zuweilen derbes Vokabular und Verhalten an den Tag legten, das sich in der damaligen Filmlandschaft üblicherweise nur männliche Komödienfiguren erlaubten.


(Bild aus Brautalarm von Paul Feig; Copyright: Universal Pictures International Germany GmbH)

Seither hat McCarthy in diversen Filmen, etwa Tammy – Voll abgefahren (2014) oder Spy: Susan Cooper Undercover (2015), die Hauptrolle gespielt und mit Verve von der jahrelang in männlicher Hand befindlichen Unflätigkeit Gebrauch gemacht. Auch Produktionen wie Pitch Perfect (Teil 1: 2012, Teil 2: 2015) oder Dating Queen (2015) stellten weibliche Figuren ins Zentrum, die mehr waren als das hübsche Beiwerk des lustigen Mannes (wie man es in nahezu allen Adam-Sandler- und/oder Kevin-James-Vehikeln entdecken kann) und die zweifelsohne interessantere Wesenszüge aufwiesen als die klassische Romantic-Comedy-Protagonistin, die einst von Meg Ryan perfektioniert und irgendwann von Kate Hudson oder Katherine Heigl zu Grabe getragen wurde.

Natürlich sind nicht alle Filme dieser Art gelungen – doch gerade die fehlgeschlagenen lassen erkennen, was an den übrigen so wunderbar ist. In dem dankenswerterweise völlig vergessenen Fiasko Super süß und super sexy (welches schon im Jahre 2002 das Licht der Leinwand erblickte, aber aus naheliegenden Gründen keinen Trend auslöste, obwohl es über einige Elemente verfügte, die Brautalarm später zum Hit machen sollten) überschritten Cameron Diaz, Christina Applegate und Selma Blair die Grenzen der Schicklichkeit ebenfalls; im Gegensatz zum Brautalarm-Ensemble taten sie das allerdings nicht nur genauso schamlos wie Adam Sandler und Co., sondern auch genauso charmelos. Was die guten bad-taste-Schöpfungen mit weiblicher Hauptbesetzung von den schlechten – sowie von etlichen Vertretern mit männlichem Hauptcast (etwa Kindsköpfe oder dem aktuellen Debakel Dirty Grandpa mit Robert De Niro und Zac Efron) – unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie weder ihre Figuren noch ihr Publikum verachten. Annie (Kristen Wiig), Lillian (Maya Rudolph) und Megan (Melissa McCarthy) aus Brautalarm oder Beca (Anna Kendrick) und "Fat Amy" (Rebel Wilson) aus der Pitch-Perfect-Reihe haben nachvollziehbare Charaktereigenschaften und glaubhafte Hintergrundgeschichten; sie erfüllen nicht nur die Funktion, der Zuschauerschaft Gags zu liefern. Als Betrachter_in hat man wiederum nicht das Gefühl, von den Macher_innen des Films als Person ohne jegliche Empathie und Intelligenz abgestempelt zu werden. Peinlichkeiten, Pech und Pannen sowie wilde Exzesse erlebt man mit diesen Charakteren mit, statt sich ausschließlich über sie zu mokieren.


(Trailer zu Brautalarm von Paul Feig)

Ein paar Entwicklungsstufen stehen indes noch bevor. In Pitch Perfect erklärt "Fat Amy", sie nenne sich selbst so, damit andere es nicht hinter ihrem Rücken täten. Diese Strategie – die mehr als ein cleverer One-liner des Skripts ist, sondern zugleich eine Ahnung davon vermittelt, wie diese Figur ihr Leben meistert – lässt sich wohl ebenso auf die "Fat Amy"-Darstellerin Rebel Wilson beziehen. Die Australierin geht äußerst konfrontativ mit ihrem Körper um; immer wieder wird er in ihren Filmauftritten thematisiert. Vielleicht war dies – zumindest im Hinblick auf einen Teil des Publikums – zu Beginn ihres künstlerischen Durchbruchs tatsächlich sinnvoll; vielleicht sind wir als Zuschauer_innen inzwischen aber kompetent genug, in Wilson nicht mehr die "lustige dicke Frau" zu sehen, sondern das, was sie ist – eine der besten Komödiantinnen des gegenwärtigen Mainstream-Kinos, der doch bitte endlich ein breiteres Rollenspektrum angeboten werden sollte. Das Rüpelhaft-Derbe darf gern bleiben, die Fixierung auf ihre Körperfülle nicht.


(Bild aus Pitch Perfect von Jason Moore; Copyright: Universal Pictures)

Eine weitere Fortentwicklung wäre eine innovativere Bildsprache: Werke wie Brautalarm, Pitch Perfect oder Dating Queen funktionieren dank des Schauspiels sowie der Dialoge, inszenatorisch handelt es sich bei ihnen allerdings lediglich um Routinearbeiten. Dies gilt auch für den kürzlich gestarteten Fey/Poehler-Film Sisters, den der Pitch-Perfect-Regisseur Jason Moore in Szene gesetzt hat. Das Fachblatt Variety bezeichnete die Komödie um ein Schwesternduo, das es mit dem Erwachsenwerden nicht gerade eilig zu haben scheint, als "women-behaving-badly farce". Und durchaus benehmen sich Fey und Poehler in ihren Parts gelegentlich ziemlich badly – sind aber "perfectly good at it" (um einmal die gewiss nicht in allen Belangen zitierfähige Popsängerin Rihanna heranzuziehen). Die stärksten Momente hat Sisters in seinen kleinen Einlagen, wenn Kate (Fey) und Maura (Poehler) etwa versuchen, bei einem Song aus dem Autoradio mitzusingen, dessen Text sie nicht wirklich beherrschen, oder wenn das Xanadu-Filmplakatmotiv nachgestellt wird oder wenn Maura "locker, flockig" zum Auto schlendert, nachdem sie den netten James (Ike Barinholtz) auf ihre Party eingeladen hat. In solchen (Mini-)Passagen erreicht der Film die komische Qualität, die auch die Sitcom 30 Rock (2006-2013, mit Tina Fey) sowie die Mockumentary-Serie Parks and Recreation (2009-2015, mit Amy Poehler) besitzen.


(Ausschnitt aus Sisters)

Die Energie, die Fey in ihren Sarah-Palin-Parodien bei Saturday Night Live oder bei ihrem Auftritt in der Talkshow von David Letterman zeigte, bei dem sie erläuterte, nur aus Respekt vor dem Gastgeber und dem Publikum ein schickes Kleid zu tragen (ehe sie das "conforming to gender norms" aufgab und sich vor der Kamera des Kleides entledigte), konnte bisher weder von Jason Moore noch von einer anderen Person ins Kinematografische übersetzt werden. Womöglich hätte es Blake Edwards geschafft.

In Deutschland gab es mit Traumfrauen von Anika Decker einen trotz bemerkenswerter Besetzung (Hannah Herzsprung, Karoline Herfurth, Palina Rojinski, Iris Berben) leider weithin enttäuschenden Versuch, eine Komödie mit facettenreichen Frauenfiguren im Mittelpunkt zu drehen. Einzig Berben gelang es, ihre Rolle mit dem nötigen Witz auszustatten. Als vielversprechende deutsche Komödiantin muss hingegen Jella Haase genannt werden: Nicht nur in ihrer betont schrillen Verkörperung der Schülerin Chantal in den Fack-ju-Göhte-Filmen, sondern auch in Werken wie Lollipop Monster oder 4 Könige ist sie extrem lustig, ohne dabei dem Ernst der erzählten Geschichten zu schaden.


(Trailer zu Kocan Kadar Konuş von Kıvanç Baruönü)

Das türkische Kino – welches dank der Filmverleihe Kinostar und AF Media auch hierzulande immer präsenter wird – hat indessen zum Beispiel die charismatische Ezgi Mola zu bieten, die in den beiden bisherigen Teilen von Kocan Kadar Konuş demonstrierte, dass die Heldin einer Romantic Comedy nicht auf langweilige Weise niedlich-liebenswürdig sein muss, sondern sehr amüsant dargeboten werden kann; eine tragikomische Gesangseinlage im ersten Teil ist dabei besonders furios geraten. Bei dieser Menge von Talenten steht eigentlich nicht zu befürchten, dass ein erneuter Mangel an Kinofilmen mit humorvollen Frauen im Zentrum entstehen könnte.

(Andreas Köhnemann)