• Blogs
  • )
  • B-Roll
  • )
  • Advent, Advent - Urs Spörri über Heinz Badewitz
16 22/12

Advent, Advent - Urs Spörri über Heinz Badewitz

50 Jahre Internationale Hofer Filmtage. Schon beim Anlegen meines Jahreskalenders war klar: Das wird ein Höhepunkt 2016. Ich wusste: Auch Heinz Badewitz, Gründer und Festivalleiter, war verständlicherweise aufgeregt. Das merkte man ihm, der von allen liebevoll einfach nur "der Heinz" genannt wurde, schon bei der kleinen Hommage-Veranstaltung im Februar an, als ihm die Berlinale eine Sondervorstellung mit einem Wunschfilm einräumte. Da schwärmte er von vielen Partys und rief "Um Himmels willen", als ihm angekündigt wurde, dass alle Besucher der ausverkauften Vorstellung ebenfalls anreisen würden (Link: https://www.youtube.com/watch?v=qWbA7qXElNM&t=10s, das Video stammt von mir). Heinz war gerührt. Dass es sein letzter Auftritt auf einer Bühne sein würde, konnte damals noch niemand ahnen.

 

Im März traf ich ihn ein letztes Mal auf der Diagonale in Graz, wo er seine geliebten österreichischen Filme sichtete. Er gab mir, dem Neuling beim dortigen Festival, noch Tipps: "Das musst du sehen." Heinz, der Leidenschaftliche. Und stellte mich beim gemeinsamen Warten auf den Bus zur Eröffnungsfeier gleich mehreren umstehenden Personen vor. Das machte er immer. Egal ob Heinz einen kannte oder nicht. Wobei ich immer noch glaube, dass ich mir seit meinem Ausharren beim traditionellen Hofer Fußballspiel mit Schnee und bei eisigen Temperaturen vor einigen Jahren seinen Respekt verschafft habe. Heinz war Netzwerker, ohne das Wort zu mögen und vermutlich ohne es zu kennen. Ein Menschenverbinder. Er verband Jung und Alt, Stars und Debütanten. Bei ihm waren alle gleich herzlich willkommen. "Wir brauchen keine Stars, wir machen welche", war sein vielzitiertes Credo.

Dass Heinz bei seiner Leidenschaft verstarb, dem Filmesichten für sein Festival, das war zumindest ein kleiner Trost. Die passionierte Rede von Tom Tykwer, der einst (wie so viele Filmemacher hierzulande) von Heinz entdeckt und für Hof ausgewählt wurde, rührte bei der Trauerfeier in München zu Tränen. Der Begrüßungssatz, den Heinz für den ersten Festivalauftritt Tykwers von der Bühne aus in tiefstem Fränkisch sagte, ist für den Regisseur bis heute unvergessen: "Bitte begrüßen Sie Dom Dykwer!" Natürlich mit hartem D. Überhaupt, die kleinen Sätze vor der Vorführung lösen bei mir mit dem Gedanken an den Unterton von Heinz immer noch ein wohliges Kinogefühl aus: "Bidde schalden Sie jedzd Ihre Mobildelefone aus" oder "Ich wünsche eine gude Prrrojegdion" mit dem rollenden R in der Mitte. Hof wurde nicht durch Wim Wenders zum "Home Of Films", sondern durch Heinz. Ein Familienfestival. Das Festival der Filmfamilie.

Ende Oktober stand nun Rainer Hübsch, sein Kompagnon hinter den Kulissen seit 46 Jahren, zur Eröffnung im altehrwürdigen Scala auf der Bühne vor dem roten Vorhang, in dem sich Heinz so oft verheddert hatte. "Es fällt mir schwer hier zu stehen. Ich sollte hier nicht stehen." Aber wie bei allen technischen Problemen gelte für ihn auch nun Heinz' Motto: "The Show must go on." SPIO-Chef Alfred Holighaus, der als Sprecher des eingesetzten Auswahl-Kuratoriums für das Jubiläumsfestival fungierte, sprach das aus, was alle dachten: "Wir wollten unten sitzen und gucken, wie Heinz es schafft, hinter dem Vorhang vorzukommen." Gemeinsam mit Linda Söffker (Sektionsleiterin der Berlinale) und Thorsten Schaumann (Sky Deutschland) gelang dem Kuratorium die Einhaltung des "kuratorischen Imperativs" - denn ausgewählt haben die drei nach eigener Aussage ausschließlich Filme, von denen sie glaubten, dass sie Heinz gefallen hätten.

Eröffnungsregisseur Chris Kraus vermisste Heinz: "Ich stelle mir jeden Heinz auf der Welt so vor wie dich", denn Filme schimmerten bei Heinz immer golden. Mal wurde gesungen, mal wurde ein selbstgeschriebenes Gedicht rezitiert. Jeder zweite Filmemacher wandte sich vor dem Film mit einer persönlichen Note zu Heinz an das Hofer Publikum. Und auch in den Filmen der 50. Hofer Filmtage entdeckte ich plötzlich versteckte Botschaften. Beispiele gefällig?

 

  • "Geburtstage sind meistens schön. Außer es fehlt jemand." (Im Nesseltal)

 

  • Buddistische Mönche am Smartphone, zu denen Werner Herzog als Erzähler im Off fragt: "Did they stop meditating?" (Lo and Behold)

 

  • "Mir fallen 5 Enden ein, wie das enden könnte. Und alle sind schlecht." (Eva Mattes als Klara Blum im "Fassbinder-Tatort" Was am Ende zählt)

 

  • "In der Kunst werden die schönsten Treffer eh aus dem Abseits geschossen." (Blockbuster)

 

  • "Der Kuchen war noch vom Leichenschmaus übrig. Mit den Kerzen merkt's aber keiner." (Zwischentitel aus Das unmögliche Bild, der den Förderpreis Neues Deutsches Kino gewann.)

 

Kann es Zufall sein, dass kurz vor meiner Abreise aus Hof in der Fußgängerzone neben dem Bratwurststand der Leierkastenmann Lilian Harveys Klassiker spielte: "Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder"?

(Urs Spörri)

 

Urs Spörri kuratiert und moderiert deutschsprachige Kinoreihen im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt/M., vor allem in Kooperation mit der Fachzeitschrift epd film die Filmreihe "Was tut sich - im deutschen Film?" samt ausführlichen Werkstattgesprächen mit den Filmemachern. Seine regelmäßigen Festivalstationen sind das Filmfest München, der Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken, die Berlinale, das Festival des deutschen Films in Ludwigshafen sowie die Hofer Filmtage. Außerdem hat er selbst jahrelang das FILMZ Festival in Mainz in führender Position mitverantwortet.