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17 07/12

Advent, Advent – Rochus Wolff über goldene Zeiten im Animationsfilm

Vielleicht war es der Moment, als die Gruppe Waisenkinder beim Winterausflug plötzlich stehenblieb. Alle blickten der Mutter nach, die mit ihrem Kind spricht, und in ihren großen Augen spiegelt sich Sehnsucht und Traurigkeit und Verzweiflung und Hoffnung. Vielleicht war es das aufregende Erlebnis, als sich Kubos Origami-Papierchen, von seiner Musik getrieben, zu Figuren falten und eine Geschichte ausagieren, vom tapferen Kämpfer und gefährlichen Monstren.


(Bild aus Mein Leben als Zucchini; Copyright: polyband Medien GmbH)

Diese zwei Szenen aus Mein Leben als Zucchini und Kubo – Der tapfere Samurai gehören zu den größten Augenblicken im Animationskino der vergangenen Monate. Und die beiden Filme stehen exemplarisch für die Pole, zwischen denen Animationsfilme pulsieren könne: Der eine ein ruhiges Drama, so melancholisch und ernsthaft wie lebensbejahend, der andere ein actionreiches Abenteuer mit phantastischen Figuren, Magie und Schwertkämpfen. Beide erzählen in wunderschönen, poetischen Bildern komplexe Geschichten mit Stop-Motion-Animation auf dem Stand der Zeit.

Dass die Filme bei ihren Kinostarts kaum wahrgenommen wurden – genau wie ein Jahr zuvor die zwei Meisterwerke Der Junge und die Welt und Die Melodie des Meeres – hat viel damit zu tun, dass Animationsfilme, die sich in vielen Fällen zumindest auch an ein junges Publikum richten, in der großen Öffentlichkeit immer noch nicht als vollwertige Kunstwerke angesehen werden.

Dabei leben wir eigentlich in einem goldenen Zeitalter des Animationsfilms. Das gilt allein schon für die schiere Masse an Filmen: Vom Computer erzeugte Bilder machen Animation so einfach und vor allem kostengünstig, dass heutzutage jedes Jahr eine große Zahl an neuen Trickfilmen ins Kino kommt. Dazu gehört viel Vollschrott, etwa (nur in diesem Jahr) Barbie – Die Magie der Delfine oder Die Häschenschule – Jagd nach dem goldenen Ei, und vor allem ohne Ende aggressives Mittelmaß (das schließt die meisten amerikanischen Großproduktionen ein).

Dadurch, dass die Bilder aus dem Computer wesentlich preiswerter sind als die aufwändigen Stop-Motion-Techniken, ist es insbesondere für junge Filmemacher_innen wesentlich einfacher geworden, erste Erfahrungen im Trickfilm zu machen; Fehler sind nicht mehr so teuer, aber nach wie vor der beste Weg, um schnell dazuzulernen. Und das führt, möchte ich behaupten, auf lange Sicht zu mehr Filmen, die nicht nur in klaren Bildern sprechen, sondern diese auch für vielschichtige Geschichten verwenden.

Jenseits der (an und für sich ganz wunderbaren und unterhaltsamen) Familiengroßfilme aus dem Hause Disney/Pixar gab es in den vergangenen Wochen deshalb eine wagemutige Parabel fast ohne Worte zu sehen (Die rote Schildkröte), eine völlig bekloppte Superheldengeschichte voller Pupshumor (Captain Underpants – Der supertolle erste Film) und aus Skandinavien noch ein weiteres Beispiel dafür, dass man nicht nur im britischen Hause Aardman versteht, mit Knetfiguren umzugehen (Louis & Luca – das große Käserennen).


(Trailer zu La Jeune Fille Sans Mains)

Es ist an der Zeit, in diesen außergewöhnlichen, einzigartigen Filmen nicht mehr ausschließlich Kinderfilme zu sehen, die dem Feuilleton oft keine tiefergehende Betrachtung wert sind. Sonst könnte es uns noch passieren, dass eines Tages La Jeune Fille Sans Mains von Sébastien Laudenbach in Deutschland doch noch das Licht der Leinwände erblickt – und dann weiß niemand, wie man mit diesem Meisterwerk umgehen soll, denn für Kinder ist die Märchenverfilmung jedenfalls nicht primär gedacht.
Es genügt halt nicht, in einem Goldenen Zeitalter zu leben; man muss es auch zu schätzen wissen.

(Rochus Wolff)