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17 13/12

Advent, Advent – Rajko Burchardt über die fragwürdige Verleihpolitik von Disney

Auf dem Weg zur totalen Marktbeherrschung arbeitet der Disney-Konzern nicht nur an einer Übernahme des Medienriesen 21st Century Fox sowie einem eigenen Streaming Portal. Sondern er setzt auch Kinobetreiber mit Abgabeerhöhungen und speziellen Vertragsklauseln unter Druck. Eine Unverschämtheit.


Trailer zu Star Wars: Die letzten Jedi

Wenn es überhaupt etwas Gutes zu sagen gibt über jene Superheldenfilme, Sternenkriegsgeschichten und Neuauflagen eigener Katalogtitel, mit denen die Walt Disney Company kontinuierlich Leinwände blockiert, dann vielleicht folgendes: Sie bringen die Menschen vor die Tür und weg von Netflix, sorgen für gut besuchte Häuser und zufriedene Kinobetreiber. Weltweit über siebeneinhalb Milliarden Dollar setzte der Konzern im vergangenen Jahr an den Kinokassen um, so viel wie kein Studio zuvor. In den USA lag der Marktanteil seiner Produktionen bei 26 Prozent, fast zehn Prozentprozente vor dem Zweitplatzierten Warner.

Natürlich sollte man meinen, dass ein Riese, der nicht nur das größte Stück vom Kuchen wegnascht, sondern längst auch die Zutaten seiner Herstellung festlegt, gut genährt ist. Mehr als Rekordeinnahmen durch die Verwaltung der erfolgreichsten Marken des Kinos, nämlich durch Marvel, Pixar und Lucasfilm, kann ein Filmstudio kaum erreichen. Andererseits sind 26 eben keine 100 Prozent, zur totalen Marktdominanz müsste Disney also noch ein paar Schritte gehen. Während sich die Arbeiten am hauseigenen Streaming-Dienst und die geplante Übernahme des Medienunternehmens 21st Century Fox hinziehen, schaut der Konzern deshalb einmal mehr, was es bei Kinobetreibern zu holen gibt.

Zwar drücken die bereits kräftig ab, zwischen 55 und 60 Prozent vom Nettoticketerlös beispielsweise am heimischen Kinomarkt. Wer aber Star Wars: Die letzten Jedi ins Programm nehmen will, soll nun sogar 65 Prozent abdrücken. Zu den Auflagen gehören außerdem eine vierwöchige Mindestspielzeit sowie die Bereitstellung des jeweils größten Saals, andernfalls drohen Betreibern gleich Rückzahlungen in Höhe von 70 Prozent der Ticketeinnahmen. Wer das erpresserische Spiel mit der Verlängerungsklausel, den Abgabeerhöhungen und Strafgebühren nicht mitspielen will, hat schlicht und ergreifend Pech gehabt. 

Die Regelungen stellt Disney nämlich im komfortablen Wissen auf, dass sich besonders regionale und unabhängige Kinos einen Verzicht auf Star Wars schwerlich erlauben können. Es würde einen höheren Verlust bedeuten, den Film aus Protest nicht zu spielen, als den unverschämten Forderungen nachzukommen. Vor zwei Jahren gab es hierzulande eine ähnliche Situation, als rund 200 Kinos die Disney-Produktion The Avengers 2: Age of Ultron boykottierten, weil der Konzern den Mietsatz ohne vorherige Absprache von 47,7 auf 53 Prozent anhob. Ferner beschloss er sogenannte Mindestverleihanteile und den Wegfall der Werbekostenpauschale. Die Zuschüsse für 3D-Brillen wurden ebenfalls gestrichen.

Der Hauptverband Deutscher Filmtheater kritisierte Disneys Vorgehen damals scharf. Es sei "für diejenigen Kinos eine besondere Belastung, die ihr Investment in die Digitalisierung noch nicht amortisieren konnten", hieß es in einer Pressemitteilung. Mit Kinoketten wie Cinestar, UCI Kinowelt oder Cinemaxx handeln Disney und andere Verleiher ihre Rahmenbedingungen üblicherweise auf Augenhöhe aus, kleine Betreiber bekommen sie hingegen kommentarlos vorgesetzt. Der Streit um die Filmmieten entbrannte erneut, als Star Wars: Das Erwachen der Macht in die Kinos kam, aber auch in diesem Fall nützten die Klagen nichts. Disney hielt an den Forderungen fest.

So schreibt der Konzern die besten Zahlen seiner Firmengeschichte und leistet zugleich einen widersprüchlichen Beitrag zum Kinosterben. 121 Millionen Besucher verzeichneten deutsche Filmtheater im letzten Jahr. Es war der niedrigste Wert seit 1992. 

(Rajko Burchardt)