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16 02/12

Advent, Advent – Alexander Matzkeit über "Spotlight"

Deutsche Filmveröffentlichungs-Politik kann grausam sein. Oft beginnt schon im September das leise Summen um besondere Award-Season-Filme, die dann am Ende des Jahres bei vielen Kolleginnen und Kollegen, insbesondere aus den USA, auf den Top-10-Listen landen, deren Kinostart in Deutschland aber noch weit entfernt ist. Spotlight war so ein Fall. Als ich das Drama um die Recherche des Bosten Globe zu systemischem sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche endlich zu sehen bekam, hatte es sogar gerade ein paar Tage zuvor den Oscar als bester Film gewonnen. Alles, was es an Hype zu diesem Film geben konnte, war bereits entfacht worden.

Ich wurde trotzdem nicht enttäuscht. Mehr noch, Spotlight entfachte in mir seinen eigenen Hype. Als jemand, der seine berufliche Laufbahn als Journalist begonnen hat und dann aus ganz unterschiedlichen Gründen in anderen Regionen der Medienblase gelandet ist – mit nur gelegentlichen journalistischen Gastauftritten wie hier auf kino-zeit.de –, kam ich aus dem Kino und wäre am liebsten sofort wieder hauptberuflich in den Journalismus zurückgekehrt. Nicht um große Skandale aufzudecken, wie das Spotlight-Team im Film, sondern einfach nur um das Privileg zu genießen, genau dann Fragen zu stellen, wenn so viele glauben, dass sie die Antwort schon kennen. Wie sehr es im Journalismus genau nicht um Ruhm und Glamour und mediale Eitelkeit geht, sondern um das beharrliche Nachhaken in Situationen, in denen sich alle bereits auf eine Haltung geeinigt zu haben scheinen, das macht Tom McCarthy in Spotlight nicht zuletzt durch seine ebenso beharrliche und unglamouröse Inszenierung deutlich.


(Bild aus Spotlight; Copyright: Paramount Pictures Germany)

Das Jahr, das auf Spotlight gefolgt ist, schien mir an diese Erkenntnis eine endlose Reihe an Ausrufezeichen anzuhängen. Wenn ganze Bevölkerungsgruppen anscheinend beschließen, dass unabhängiger Journalismus abgeschafft gehört, sich lieber in ihre eigene Echokammer zurückziehen, die ihre unmenschlichsten Überzeugungen zum Vorschein bringt, und diese Überzeugungen anschließend in politischen Entscheidungen zum Ausdruck bringen, die genau jene an die Macht bringt, die unabhängigen Medien am liebsten den Garaus machen würden, erscheint Spotlight plötzlich wie ein Mahnmal. Vor allem, weil auch auf der Gegenseite spätestens nach der US-Wahl die Frage laut wurde, warum man sich eigentlich so sehr auf seine eigene Wohlfühl-Peer-Group verlassen und eben nicht rechtzeitig die "Was können wir tun, um das Schlimmste zu verhindern?"-Frage gestellt hatte. Insofern war ein Kinostart im Jahr 2016 für Spotlight vielleicht doch genau richtig.

(Alexander Matzkeit)

 

Alexander Matzkeit schreibt über Film, Medien und Zukunft unter anderem für "epd film", das "Techniktagebuch" und sein Blog Real Virtuality.