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17 07/12

Advent, Advent – Alex Matzkeit über die nervige Nostalgiewelle und den einzigen Film, der das begriffen hat

Die zweite Staffel von Stranger Things habe ich schon gar nicht mehr geschaut. Ich kann sie nicht mehr sehen, diese elende Nostalgie in vergangenen Perioden bewegter Bilder. Egal, ob es die Sehnsucht nach der eigenen Kindheit und ihrer Steven-Spielberg-Magie wie in der Serie der Duffer-Brüder oder nach der Zeit der vertikalen Integration von Hollywood wie in La La Land ist. Egal, ob die Nostalgie als geradliniger Geldmacher-Reboot wie Baywatch oder als halb ironisches, halb sehnsüchtiges Spiel mit einer vergangenen Ästhetik wie in Guardians of the Galaxy Vol. 2 daherkommt.


(Bild aus T2 Trainspotting; Copyright: Sony Pictures Releasing)

Und egal, ob die Bevölkerung des Internets, gefügig gemacht mit einer Unzahl von Listicles mit Gegenständen, die man nur versteht, wenn man die 1980er erlebt hat, danach verlangt und das Resultat abfeiert: Nostalgie kann nicht für sich alleine stehen. Wer sich von ihr einlullen lässt und das Heute vergisst, läuft Gefahr (in der Terminologie von Literaturwissenschaftlerin Svetlana Boym) von der „reflektiven“ in die „restaurative“ Nostalgie zu wechseln. Er oder sie ruft plötzlich nicht mehr „Hach, früher war auch schön“ sondern „Make America Great Again“.

Der einzige Film, der das 2017 so richtig begriffen hat, ist Danny Boyles T2 Trainspotting. Eine Fortsetzung, zwanzig Jahre nach dem Ursprungsfilm, mit Wiedervereinigung des kompletten Originalteams, hätte alle Vorzeichen gehabt, um entweder ein schamloses Bad im Retropudding wie Es oder eine ästhetisch ambitionierte, aber letztendlich hohle Hülle wie Blade Runner 2049 zu werden. Doch stattdessen geht es in T2 um die Nostalgie selbst. Es geht um das Zurückblicken auf eine vermeintlich geile Zeit, die bei genauerem Hinsehen gar nicht so geil war. Um die Reflektion dessen, was seither passiert ist und was es mit einem gemacht hat.

In T2 Trainspotting gibt es keinen klassischen Sequel-Moment, in dem plötzlich wieder alles wie beim ersten Mal ist, obwohl der Ursprungsfilm sogar materiell mit seinen Originalbildern immer wieder auftaucht, wie ein alter Sample in einem elektronischen Musiktrack. Renton, Spud und Sick Boy fahren zwar gemeinsam an den Ort in den Highlands, an den sie ihr toter Freund Tommy damals geführt hatte, stellen aber sehr schnell fest, dass es dort vor allem ungemütlich ist und der nächste Zug zurück erst in zwei Stunden fährt. Als Renton gegen den Frust anmahnt, dass sie ja wegen Tommy hier sind, widerspricht Sick Boy: „Nostalgia! That’s why you’re here! You’re a tourist in your own youth!“


(Trailer zu T2 Trainspotting)

Nur in kleinen Momenten blitzt die Freundschaft zwischen Ewan McGregors Renton und Jonny Lee Millers Sick Boy wieder auf – doch kurz darauf stellen beide wieder fest, dass sie 20 Jahre älter sind. Als lebende Erinnerung an diese Tatsache spielt Anjela Nedyalkova die rund 20 Jahre jüngere Veronika, die aber nicht wie sonst oft auf der Suche nach einer Vaterfigur ist, die ihr zeigt, dass es das alte Schrot und Korn noch draufhat. Stattdessen hat sie ihre ganz eigenen Probleme und kann mit den Ritualen der Jungs wenig anfangen.

In der Schlüsselszene des Films fragt Veronika Renton, was „Choose life“, wahrscheinlich das mächtigste Mem des Originalfilms, eigentlich bedeutet. Renton beginnt mit einer einfachen Erklärung – ein gutgemeinter Antidrogen-Slogan aus den 80ern – aber dann aktualisiert er seinen berühmten Monolog aus dem Film von 1997 zu einer ätzenden Tirade auf die Konsum- und Medienkultur von 2017. Die Vergangenheit wird uns sicher nicht retten, scheint die Szene zu sagen. Aber es gibt Haltungen, die zeitlos sind.

(Alex Matzkeit)