Die fabelhafte Welt der Amélie

Ein kleines, großes Meisterwerk

In jenen Tagen, als sich in Deutschland und anderswo die erste Wolken am Horizont auftauchten, die anzeigten, dass sich die golden funkelnden Tage der New Economy dem Ende näherten, brachte ein Märchen aus Frankreich die Menschen zum Lächeln. In Frankreich sahen rund neun Millionen Zuschauer diesen Film und auch in Deutschland wurde Amélie zu einem veritablen Arthouse-Hit. Die Fabelhafte Welt der Amélie des Regisseurs Jean-Pierre Jeunet traf anscheinend genau den Nerv der anbrechenden trüben Zeiten und seine Hauptdarstellerin Audrey Tautou würde zum neuen Role-model und Gegenentwurf der allgegenwärtigen Businessfrauen. Mit Doc Martens, Blumenröcken und Rehaugen nahm Amélie die Zuschauer mit auf eine märchenhafte Reise durch Paris, das nie so traumhaft, versponnen und kindlich wirkte wie in diesem Film.

Amélie ist eine junge Frau, die ein scheinbar ganz normales Leben als Kellnerin in einem Café am Montmartre führt. Doch eine kleine Blechdose, die ein kleiner Junge vor Jahrzehnten in ihrer Wohnung versteckt hat, verändert ihr Leben. Denn nachdem sie den mittlerweile ergrauten Mann ausfindig gemacht und mit ihrem Fund zu Tränen gerührt hat, beschließt sie, fortan Schicksal zu spielen und ihre Umwelt glücklich zu machen oder – wenn erforderlich – rächend einzugreifen. Doch erst als sich ihre Wege immer wieder mit denen des gut aussehenden, aber schüchternen Nino (Mathieu Kassovitz) kreuzen, scheint auch sie ihr Glück gefunden zu haben. Doch bevor der Film zu seinem (selbstverständlich guten) Ende kommt, gilt es erst noch, hypochondrische Kolleginnen, eifersüchtigen Männern, selbstgefährdeten Zierfischen und anderen Unwägbarkeiten des Lebens zu begegnen.

Mit einem scheinbar unerschöpflichen Fundus an Geschichten, Anekdoten, skurrilen Figuren und visuellen Extravaganzen versteht es Jean-Pierre Jeunet, der sein Talent bereits mit Delicatessen und Die Stadt der Verlorenen Kinder unter Beweis stellte, eine Atmosphäre voller Wärme und Witz zu schaffen, von der man sich nichts mehr wünscht, als dass sie wahr wäre. Ein magisches Panoptikum, bei dem man bei jedem Zusehen ein neues Detail, eine neue überraschende Wendung entdeckt, eine Hymne an das Leben und die Liebe, ein ganz großes Meisterwerk.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/die-fabelhafte-welt-der-amelie