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Härte

Meinungen
1

3 Sterne aus 19 Bewertungen

Kinostart: 23.04.2015
FSK: 16
Genre: Biographie
Tags: Gefängnis, Krimineller, Zuhälter, Berlinale 2015, Berlinale 2015 Panorama

Ein dunkles Tal von Blut und Tränen

Rosa von Praunheim hat seinen ganz eigenen Stil entwickelt; zumal er sich so eine Art Sammlung interessanter Menschen anzulegen scheint, die er filmisch porträtiert. Diesmal, abendfüllend und nicht als Kurzdoku, sondern in einem Mix aus Interview- und Spielfilm: Andreas Marquardt. Mehrfacher Europa-, Asien- und Weltmeister in Karate, der beste in seinem Stil von 1974 bis 1989 – aber dieser Aspekt interessiert weniger. Denn Marquardt war Zuhälter, ein ganz übler Bursche, brutal, gefühllos, frauenverachtend. War über acht Jahre im Gefängnis. Ein eiskalter Typ, das sagt er über sich selbst, einer, der keine Emotionen hat. Und warum? Auch das spart von Praunheim nicht aus.

Und schaltet vom Interview aus dem Karatezentrum in die Vergangenheit, 1955, in schwarz-weiß, nachgespielt direkt in die Kamera, die den kleinen Andreas darstellt: Der Vater, der ihm die Hand zerquetscht aus lauter Spaß daran; die Mutter, die ihn nach dem Baden abrubbelt, auch untenrum, das Schwänzli und das Säckli. Missbrauch in zweifacher Hinsicht, körperlich und sexuell – wobei die körperliche Seite in Härte weitgehend außen vor gelassen wird, nur als Sprungbrett hin zu Karate – um sich zu stählen – und von dort aus hin ins Rotlichtmilieu – weil ihn zwei Zuhälter haben kämpfen sehen – dient. Die psychisch-sexuelle Seite: Das ist das eigentliche Thema, das von Praunheim krass darstellt: Gabi Karrenbacher in ostentativer Nacktheit, die sich vor der Kamera – vor dem Kind – räkelt. "Los, steck deine Finger rein, wenn´s feucht wird, hast du’s richtig gemacht… Und wenn du’s nicht tust, dann ist der Spaß vorbei, dann wirst du weggeholt…"

Klar, dass man davon einen Knacks bekommt. Ein Frauen-Hass-Programm ablaufen lässt. Und sieben, acht Frauen für sich anschaffen lässt, sie mit Zuckerbrot und Peitsche – sprich: mit Geschenken und Versprechungen, mit Beschimpfungen und Schlägen – bei der Stange und in emotionaler und finanzieller Abhängigkeit hält. Hanno Koffler spielt diese Version von Andreas Marquardt hart und kalt, und der Film erreicht hier eine wirklich erschütternde emotionale Qualität.

Was erstaunlich ist: Denn zu Rosa von Praunheims Stil gehört auch eine radikale Stilisierung, weit weg von Realismus, geschweige denn Naturalismus: Ein ständiges Darstellen nicht von Authentischem, sondern von Chiffren, von symbolischen "Das wäre jetzt"-Verweisen. Die Lockenperücke von Karrenbauer steht für die 50er Jahre, die bunten Hemden (in schwarz-weiß!) für die 70er; ansonsten hat die Ausstattung keine Angst vor Anachronismen. Die Räume des Films sind Stellwände, auf die die Zimmereinrichtung projiziert wird – dies nicht auffällig, als wirkliches Stilmittel, sondern teils wohl auch einfach der Budget-Not geschuldet und als Tugend der Stilisierung eingebracht. Und das wirkt: Die Reduzierung der Mittel schärft den Focus für den Inhalt, für die Härte der Geschichte.

Insbesondere, als Zuhälter Andy Marion kennenlernt: Auch dies wieder so eine Chiffre-Sache, ein Spiel mit den schon zu oft gesehenen Klischees, wenn die Kamera an ihrem Körper herabgleitet unter der Dusche im Freibad – das ist eben effizient, jeder weiß, was es bedeuten soll. Und Marquardt drückt es heftig aus: Ein Sechser im Lotto, so eine Frau, die bringt jeden Tag einen Tausender. Sie ist erst 16, er muss warten, bis er sie einsetzen kann, er erzieht sie zur Nutte, und sie macht willig mit – auch Marion Erdmann kommt im Interviewteil zu Wort, man ahnt hier schon, dass es so etwas wie ein Happy End geben wird: Die beiden sind inzwischen zusammen, inzwischen: das bedeutet nach der Haft, nach Therapie, nach Beschimpfung der Mutter. Nachdem dieses ganze dunkle Tal von Blut und Tränen durchschritten war, nachdem sie in unerschütterlicher – und unendlich naiver – Liebe immer zu ihm gehalten hat, und nachdem er sie missbraucht hat auf vielfältige Weise. So, wie seine Mutter ihn missbraucht hat.

Irgendwo im Film steckt vielleicht eine allzu einfache Küchenpsychologie. Aber Rosa von Praunheim weiß auch dies. Und macht daher klar: Auch Marion war als Kind missbraucht worden. Ist aber kein unzurechnungsfähiger Brutalo-Schläger geworden. Auch eine traumatische Vergangenheit bedeutet keine Entlassung aus der Verantwortung.

(Harald Mühlbeyer)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2015
Länge: 92 (Min.)
Verleih: missingFILMs
Kinostart: 23.04.2015

Cast & Crew

Regie: Rosa von Praunheim
Drehbuch: Rosa von Praunheim, Nico Woche, Jürgen Lemke
Kamera: Nicolai Zörn, Elfi Mikesch
Schnitt: Rosa von Praunheim
Musik: Andreas M. Wolter
Hauptdarsteller: Hanno Koffler, Luise Heyer, Katy Karrenbauer, Andreas Marquardt, Marion Erdmann, Rüdiger Götze

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(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Klasse statt Masse am: 18.02.15
In der Stadt der Engel wird mir die Haut abgezogen, sie wollen wissen, was darunter ist und finden wie bei einem gewöhnlichen Menschen Muskeln Sehnen Knochen Adern Blut Herz Magen Leber Milz. Sie sind enttäuscht, sie hatten auf die Innereien eines Monsters gehofft. (Christa Wolf) Hat von Praunheim eine Blindheit gegenüber Schrecken, ist er ein Sadist, oder beherrscht er nicht die gängigen Schutzmechanismen gegen selbstzerstörerisches Mitgefühl für den Täter? Was treibt die verstörten Frauen an, sich an den Soziopathen zu binden? Was ist da passiert? In meiner psychotherapeutischen Arbeit im Rahmen eines 6-monatigen Pflichtpraktikums meines Studiums begegneten mir im Frauenhaus vielerorts affektive bis psychopathische Persönlichkeitsprofile von Partnern (ich nenne sie auch behindert, weil Gewaltausübung physisch oder psychisch eine Form von Behinderung ist oder auch Verhinderung vom Leben, deren frühkindlichen Traumata exakt denen der Ehefrau/Freundin entsprachen. Ohne Euphemismus stelle ich fest, dass Frauen über ein karthatisches Bewusstsein verfügen, das sie über ein Tal der Tränen die selbstgesuchte Konfrontation mit der eigenen Geschichte hinweglächeln lässt, nicht ohne Schweiß und Blut. Opfer und Täter gegen sich selbst berichtet eine zutiefst gedemütigte Frau, sie habe etwas geteilt und etwas empfangen, verblüffend ihre Strategie ihre kognitive Kondition auf den Kopf zu stellen und als geläutert aus der Situation raus zu gehen, sie nahm die beiden Kinder, verließ den Mann und lebt unter anderem Namen in anderer Stadt, mit cleanem Partner. Nimm dein Verhängnis an oder lass es unbereut und scheitere.

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