Red Amnesia von Wang Xiaoshuai - Filmfest München 2015 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
15 03/07

Red Amnesia von Wang Xiaoshuai

Meijuan Deng (Lü Zhong) hat nur noch ihren Mann als Zuhörer, wenn sie die Ereignisse des Tages besprechen will. Aber er sitzt der 70-Jährigen am Esstisch nur stumm gegenüber oder lässt sich gar nicht blicken. Denn Frau Deng ist in Wirklichkeit Witwe.


(Trailer zu Red Amnesia von Wang Xiaoshuai)

Rastlos zieht es sie jeden Tag hinaus in den Trubel Pekings, zu ihren erwachsenen Söhnen, die sie bekocht und in ihrem Alltag stört. Oder zu ihrer Mutter im Altenheim, um ihr den Löffel zum Mund zu führen. In letzter Zeit bekommt sie anonyme Schweigeanrufe. Auf dem Polizeirevier glaubt man, Frau Deng käme nicht mehr allein zurecht und rät dem älteren Sohn Jun (Feng Yuanzheng), sie zu sich zu nehmen. Es bleibt aber nicht beim Telefonterror, jemand verfolgt Frau Deng und verwickelt sie in ein Detektivspiel, das in eine lang verdrängte Vergangenheit führt.

Der chinesische Regisseur Wang Xiaoshuai vollendet mit Red Amnesia eine Trilogie über die Kulturrevolution, zu der auch die Filme Shanghai Dreams und 11 Flowers gehören. Er geht der Frage nach, was die Kulturrevolution in den Köpfen der jungen Akteure angerichtet hat, die heute in den Siebzigern sind. Seiner Meinung nach aber ist die kollektive Verdrängung auch ein Problem der ganzen Gesellschaft. Es sei an der Zeit, findet der Filmemacher, sich mit dem Leid, das sich die Menschen im Namen der Partei gegenseitig zufügten, den grausamen Richtungsänderungen innerhalb des Machtsystems auseinanderzusetzen. Diesen an die Landsleute gerichteten Appell zur kritischen Bewusstwerdung verpackt er in eine sehr spannend konstruierte Geschichte, die zwischen Altersdrama und Krimi changiert. Es gibt einen jungen Mann (Shi Liu), eigentlich ist er noch ein halbes Kind, der Frau Deng immer näher umkreist. Aber reell sind auch Frau Dengs Unsicherheit und ihre Stimmungswechsel. Und in der Familie schwelen Spannungen: Frau Deng versteht sich weder mit Juns Frau (Amanda Qin), noch akzeptiert sie das Schwulsein des jüngeren Sohnes Bing (Qin Hao).


(Filmbild aus Red Amnesia von Wang Xiaoshuai; Courtesy: Filmfest München 2015)

Der Wechsel zwischen den inhaltlichen Ebenen, sowie zwischen Realität und Einbildung oder Erinnerung dient systematisch dazu, den Fall als Rätsel aufzubauen. So wie Frau Deng ihren Ehemann beim Essen sieht, könnte sie sich auch andere Bilder herbeiträumen, sich in Erinnerungen verlieren, die Zeiten und Räume im Geist vermischen. Der Filmemacher legt die Fährten ganz gezielt in verschiedene Richtungen. Häuser einer verlassenen Arbeitersiedlung, die nicht ins Hier und Jetzt passt, besetzen unvermittelt die Leinwand, oder kurze Aufnahmen aus Wohnungen, die jemand ins Chaos stürzt, und eines Toten, der in seinem Blut liegt. Später verbreitet eine Schnittfolge Konfusion, in der Frau Deng im Schlaf erst die Hand des Jungen hält und er dann plötzlich vor ihrem Bett steht und sie mit einem Küchenbeil attackieren will. Was davon hat sie nun geträumt, was gehört zur Realität des Jungen? Alle diese Puzzlestückchen finden erst nach und nach zusammen, überraschende Volten inbegriffen.

Ein sirrender Ton wie aus einer Zahnarztpraxis macht sich bemerkbar, Frau Deng wirkt getrieben von einer alten Schuld, die ins Bewusstsein drängt. Lü Zhong spielt die Hauptfigur sehr eindringlich, schwankend zwischen einem Gefühl der Schwäche und zielstrebiger Tatkraft. Wenn sie sich eilig auf den Weg macht, weiß man nicht, ob sie vorankommen oder davonlaufen will. Der packende Film bietet auch interessante Einblicke in die Lebensumstände der Chinesen, die nachbarschaftliche Gemeinschaft, die Konsumorientierung, und er findet Zeugnisse einer Ära, die nur scheinbar verschwunden ist. Mit seiner gelungenen Dramaturgie gelingt ihm der Beweis, wie lohnend es sein kann, sich für die Dinge hinter der Oberfläche zu interessieren.

(Bianka Piringer)

 

 

 

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