Crawl (2019)

Alligatoren im Keller

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Entgegen aller Vernunft begibt sich die Leistungsschwimmerin Haley (Kaya Scodelario) während eines aufziehenden Hurrikans in Florida auf die Suche nach ihrem Vater Dave (Barry Pepper), der nicht mehr an sein Handy geht. Als sie an einer Polizeisperre halten muss, nimmt sie einfach eine Seitenstraße und dringt schließlich tief in das evakuierte Sturmgebiet vor. An Daves aktueller Adresse trifft Haley bloß auf den Hund Sugar, mit dem sie durch das immer stärker werdende Unwetter kurzerhand zu ihrem alten Familienhaus düst, das seit der Scheidung ihrer Eltern zum Verkauf steht. Im Kriechkeller unter dem Gebäude entdeckt sie nur wenig später ihren bewusstlosen Vater, der von gefräßigen Alligatoren übel zugerichtet wurde.

Crawl erfindet das Rad gewiss nicht neu, hebt sich mit seinem kammerspielartigen Szenario und seiner grimmig-kompromisslosen Marschroute aber positiv von den vielen pseudocoolen Monster-Schundfilmen ab, die in den letzten Jahren das Licht der Welt erblickten. Obwohl die Prämisse durchaus absurd anmutet, servieren Aja und seine Drehbuchautoren Michael und Shawn Rasmussen dem Publikum einen nervenaufreibenden, garstigen, handwerklich überzeugenden Survival-Thriller. Die aggressiven Krokodile bekommt der Zuschauer schon früh in ihrer ganzen Pracht zu sehen. Anders als in vielen artverwandten Reißern wirken die aus dem Computer stammenden Angreifer in ihren Bewegungen allerdings nur selten künstlich – was den Terrorfaktor zwangsläufig erhöht.

Gelungen sind – gerade im Hinblick auf das recht überschaubare Budget von rund 13,5 Millionen Dollar – auch die Umsetzung des Sturms und die Gestaltung des ungemütlichen, kontinuierlich mit Wasser volllaufenden Kriechkellers, in dem sich ein Großteil der Handlung abspielt. Immer mal wieder streut der Regisseur einen routinierten Schockeffekt ein und schafft es, innerhalb des beengten Raumes die Spannung auf einem konstanten Level zu halten. Die aus Steven Spielbergs Der weiße Hai bekannten Unterwasserperspektiven haben nichts von ihrer beunruhigenden Wirkung eingebüßt und funktionieren gerade deshalb, weil Aja sie nicht inflationär einsetzt.

Dass Crawl trotz seines simpel gestrickten Plots kurzweilig und packend unterhält, liegt nicht zuletzt an Hauptdarstellerin Kaya Scodelario, die sich mit Verve und glaubhaftem Überlebenseifer in ihre herausfordernde Rolle schmeißt. Haley ist definitiv kein Beispiel für das im Genre leider viel oft vertretene himmelschreiend dämliche Kanonenfutter, sondern eine zupackende, nach Lösungswegen suchende Kämpferin, der dennoch Momente des Zweifelns und der Panik zugestanden werden. Die bodenständig gezeichnete Protagonistin und Scodelarios robuste, erfrischend natürliche Interpretation sichern das Interesse des Zuschauers für das Geschehen auf der Leinwand.

Punktabzüge handelt sich der knackige, mit ein paar blutigen Gemeinheiten aufwartende Alligatoren-Thriller durch einige holzschnittartige Melodrama-Momente ein, die es in dieser Form nicht gebraucht hätte, um mit Haley und ihrem Vater mitzufiebern. Im Finale wird zudem die Glaubwürdigkeit ein wenig über Gebühr strapaziert. Vor allem dann, wenn Dave ungeachtet seiner schwerwiegenden Verletzungen erstaunlich bewegungsfähig bleibt. Den Unterhaltungswert beeinträchtigen diese Schwächen allerdings nur in geringem Maße.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/crawl-2019