Tage, die bleiben

Kinostart: 26.01.2012
FSK: 12
Leserbewertung:
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Mit Herzblut und Humor

So einen Sarg gibt es wirklich: Er ist knallrot, rund wie ein Ei und sieht, kurz gesagt, wie ein UFO aus. Hätte sich die Verstorbene so etwas gewünscht? Eine schwierige Frage. Und Anlass für einen ausgewachsenen Streit in Pia Strietmanns tragikomischem Familiendrama, das beim Saarbrücker Max-Ophüls-Festvial zu Recht mit einer lobenden Erwähnung ausgezeichnet wurde.

Die kleine Szene beim Bestatter gibt den Ton des Films vor. Die Tage der Trauer, wenn ein Familienmitglied plötzlich aus dem Leben gerissen wird, sind voll von Entscheidungen, die getroffen werden müssen, für die man aber eigentlich überhaupt keinen Nerv hat. So steht man besinnungslos neben sich, funktioniert irgendwie, begreift gar nicht, wie einem geschieht. Schaut man von außen auf diese Situation, kommt sie einem skurril bis absurd vor. Den Betroffenen ist also gar nicht zum Lachen zumute, dem Zuschauer aber schon.

Regisseurin Pia Strietmann hat in ihrem Spielfilmdebüt ein Thema gewählt, das eine Menge Fingerspitzengefühl erfordert. Hier ein Tick Klamauk zu viel, dort ein wenig zu sehr zugespitzt - schon könnte die Tragikomödie kippen in eine bloße Farce. Aber die junge Filmemacherin steckt in das Drehbuch so viel Herzblut und eigene Erfahrungen, dass die Balance zwischen realistischer Innenperspektive und unterhaltsamem Blick von außen über weite Strecken gelingt.

Es beginnt mit einem schockartig in Szene gesetzten Autounfall, bei dem die Mutter einer vierköpfigen Familie stirbt. Zurück bleiben Vater Christian (Götz Schubert), dessen notorische Untreue an dem Unfall nicht ganz unschuldig ist, Sohn Lars (Max Riemelt), der den provinziellen Mief seiner Heimatstadt verachtet, und die pubertierende Tochter Elaine (Mathilde Bundschuh), für die ein Tattoo wichtiger zu sein scheint als alles andere. Schon seit einiger Zeit haben sich die Hinterbliebenen untereinander überworfen, der Vater mit dem Sohn und die Schwester mit dem Bruder.

Wie also soll man nun gemeinsam trauern, einander trösten, wichtige Entscheidungen treffen und all die Formalitäten bewältigen, die nun mal mit einer bevorstehenden Beerdigung verbunden sind. Mit einfühlsamem Blick auf die Figuren zeigt Pia Strietmann, wie es wirklich ist, aber eigentlich nicht sein "dürfte": Die Streits gehen genauso weiter wie die Fluchtbewegungen. Der Vater will mit seiner Freundin abhauen. Der Sohn lebt seine Arroganz gegenüber der Provinz an einem ehemaligen Freund aus, der heute Bestatter ist. Und die Tochter macht sich mit ihrer Freundin einen Spaß daraus, Männer sexuell zu provozieren, die ihre Väter sein könnten. Erst die Begegnung mit Menschen, die gar nicht zur Familie gehören, aber ehrlich um die Verstorbene trauern, öffnet dem Vater und den Kindern die Augen.

Die Stärke von Tage die bleiben liegt in der sensiblen und realistischen Entfaltung eines Beziehungsgeflechts, das sich durch kleine Erfahrungen entscheidend verändert. Der Film besticht durch die genaue Beobachtung von Wechselwirkungen und Widersprüchen. Pia Strietmann schickt ihre Figuren auf den Abgrenzungstrip und erkundet gerade dadurch, was die Familie noch zusammenhält.

Zusätzlich zu den eh’ schon absurden Momenten der bürokratischen Bewältigung eines Todesfalls nutzt Pia Strietmann die Ausflüge ihrer Figuren zu humoristischen Seitenhieben, die das unterhaltsame Anliegen des Films ein wenig übertreiben. Aber das sind kleine Einwände gegenüber dem Verdienst, ein schweres Thema mit einer verblüffenden Leichtigkeit zu meistern.

(Peter Gutting)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Tage, die bleiben
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2011
Länge: 103 (Min.)
Verleih: alpha medienkontor

VERÖFFENTLICHUNGEN

Kinostart: 26.01.2012

Trailer

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FILMBEWERTUNG

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Bisherige Kommentare (Anzeige: 5 von insgesamt 16)
Von: Tim am: 11.02.12
Warum steht der Film hier eigentlich auf Platz 1 (wo er auch unbedingt hingehört) und läuft in München gar nicht mehr? Nirgendwo! Nicht einmal am Wochenende! Wollte heute nochmal reingehen und hab aber keinen Termin mehr gefunden! Echt richtig richtig schade! Eine Schande!
Von: Jona am: 06.02.12
Habe gestern endlich den Film gesehen. Tolle Schauspieler, ausgezeichnete Figurenzeichnungen, wirklich absurd-lustige Szenen und Momente. War die ganze Zeit zwischen Lachen und Weinen unterwegs. Super. Dieser Film ist auf jeden Fall um einiges gehaltvoller, bewegender, ehrlicher und auch stärker als The Descendents. Schade, dass dieser Film offenbar kein Geld für Werbung hat. Deswegen kann ich nur sagen: "Tage die bleiben" ist echt ein GEHEIMTIPP.
Von: ben ji am: 03.02.12
hat mir sehr gut gefallen und mich stellenweise tief berührt. Überraschend gute Schauspielleistung, besonders von Bundschuh und Kranz. Ansonsten ist mir neben dem Buch und der Regie auch der Schnitt und die Filmmusik besonders positiv und außergewöhnlich in Erinnerung geblieben. schön, dass es wieder mehr off-filme mit dieser Qualität in Deutschland zu sehen gibt.
Von: Sesam am: 02.02.12
@ abhijay: Genau das ist es, was TAGE DIE BLEIBEN so einzigartig und wunderbar macht, weil er im Gegensatz zu Halt auf freier Strecke eben nicht erschlägt. Das Thema an sich ist schon so schwer, dass es die zusätzliche Schwere in der Erzählweise gar nicht braucht! TAGE DIE BLEIBEN hat eben diese unerwartete Leichtigkeit, ohne in irgendeiner Form "albern" zu sein. Und das finde ich so wunderbar an TAGE DIE BLEIBEN!!
Von: abhijay am: 02.02.12
@DORian ich lasse dir gerne deine meinung, aber muss es sein, dass du mich beleidigst? was ist daran oberflächlich, wenn mir dieser film einfach nur "gewollt" und konstruiert vorkommt? hast du kürzlich "halt auf freier strecke" gesehen? ein großartiger deutscher film und ein wunderbares beispiel, wie man ein schweres thema so angehen kann, dass man als zuschauer nur noch mit offenem mund da sitzt.
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