Zurück zur Übersicht

Sommerfest

Meinungen
0

Noch nicht genügend Bewertungen

Kinostart: 29.06.2017
FSK: o.Al.
Genre: Komödie
Tags: Ruhrgebiet, Literaturverfilmung, Frank Goosen

Ruhrpottnostalgie

Es ist eine Krux mit den Romanen von Frank Goosen. Eigentlich rufen sie doch gerade nach einer Verfilmung, sie haben Plot, sie haben Charme, sie sind witzig. Aber schon 2003 blieb Liegen lernen im Mittelmaß, dann mutete 2016 Radio Heimat steif und episodisch an, es fehlte eine durchgängige Geschichte, eine Erzählung, die den Kurzgeschichtencharakter der Vorlage für den Film verändert. Aber nun kommt mit Sommerfest eine weitere Verfilmung ins Kino – und auf dem Papier sehen die Bedingungen ideal aus. Denn machen wir uns nichts vor: Frank Goosen ist insbesondere für Leser_innen und Zuschauer_innen interessant, die das Ruhrgebiet zumindest kennen und mit dem dortigen Humor etwas anfangen können. Sönke Wortmann wurde in Marl geboren, also im Kreis Recklinghausen im nördlichen Ruhrgebiet. Er ist der Sohn eines Bergmanns und wollte mal Fußballprofi werden – und das sind allein schon biographisch ausgezeichnete Bedingungen für die Geschichte, die in Sommerfest erzählt wird.

Stefans (Lucas Gregorowicz) Vater ist gestorben, also reist der schauspielernde Sohn von München nach Bochum, um sich um die Beerdigung und das kleine Bergarbeiterreihenhaus zu kümmern, das sein Vater bewohnt hat. Aber am Montag muss er wieder zurück in München sein, um zu dem Vorsprechen für eine Rolle in einer Soap zu gehen, das seine Freundin und Agentin organisiert hat. Ein Wochenende für die Beerdigung, Gespräche mit Maklern und natürlich eine lange Reihe von Wiedersehen mit alten Freunden. Da sind seine alten Freunde Toto (Nicholas Bodeux), der mit ihm mal schnell einen Schrank aus Gladbach abholen will, und Frank (Peter Jordan), der sich vom Bergarbeiter-Erbe der Familie nicht recht lösen kann. Er lernt Murat (Görkem Saglam) kennen, der einen Vertrag beim VfL Bochum unterschrieben hat und dessen Vater eine Imbissbude betreibt und nicht nur Döner, sondern auch Currywurst kann. Und es gibt natürlich Charlie (Anna Bederke), seine Jugendliebe, nach der ihn alle fragen.

Bergarbeiterstolz und Industriebrachen, Fußballverrückheit und Bodenständigkeit, Currywurst und Döner – in Sommerfest ist eigentlich alles zu finden, was Heimatverbundene und Liebhaber des Ruhrgebiets ansprechen könnte. Und doch stellen sich nur selten tatsächlich Witz und Charme ein, zu viel wirkt gewollt und aufgesagt. Im Grunde genommen kreist der Film um Stefan, der vom Kiosk zum Kleingartenverein, vom Fußball-Sommer-Grillfest zum Zechen-Abend tingelt und dort Leuten begegnet. Bei Goosen werden diese Charaktere über Dialoge entwickelt und letztlich zu Typen, in der Realität verhaftet sind. Im Film hingegen bleiben ein Großteil der Nebenfiguren Ruhrgebietsstereotype, die allzu betont schräg in ihrer überbetonten Sprechweise und überzogenen Kostümen sind. Hier wird Heimatverbundenheit zur klischeeverbundenen Folklore. Daher ist es eigentlich bezeichnend, dass das Gedicht über die B1, Entschuldigung, die A40 zu den lustigsten Momenten des Films gehört – Stefan sagt es auf, im Auto, es ist der Text von Frank Goosen.

Hinzu kommt, dass sich das Drehbuch von Sönke Wortmann nicht für eine Geschichte entscheiden kann: Mal geht es um die Beziehung von Stefan und seinem Vater, um Abschiednehmen und Trauer, aber bevor davon mehr zu erfahren ist, wird der Film zu einem nostalgischen Heimattrip für Stefan, um dann in eine Liebesgeschichte und schließlich einen Selbstfindungstrip zu münden. Im Abspann heißt es dann, der Film sei „allen Jugendlieben“ gewidmet – aber die Bilder, die man zuvor gesehen hat, waren am ehesten noch ein Abgesang auf das Ruhrgebiet. Doch selbst hierfür wäre eine stärkere Akzentuierung nötig gewesen. Natürlich finden sich Kioske und stillgelegte Zechen in diesem Film, natürlich wird gegrillt, geprollt und gepoltert, aber all das reicht nicht.

Und das ist umso bedauerlicher, da der Film in einigen Momenten durchaus sein Potential zu entfalten versteht. In der Gesangsnummer von Jasna Fritzi Bauer oder auch mit dem gar nicht mal unlustigen running gag, ob man Stefan von irgendwo her kennen würde. Allein der Anfang ist vielversprechend, wenn Stefan auf der Bühne eines Münchener Theaters in der Aufführung von Schillers Die Räuber gezeigt wird, sie dann verlässt und den Anruf erhält, dass sein Vater gestorben sei und noch in Kostüm und Maske in den Zug steigt. Oder als Stefans Jugendliebe Charlie einem Mädchen hilft, das geschlagen wurde. Hier wird die berühmte raue Herzlichkeit des Ruhrgebiets in Bilder gefasst, statt in gestelzte Sätze.

„Woanders weißt Du, wer Du bist. In der Heimat wissen die Anderen, wer Du bist“, sagt Stefan einmal. In diesem Satz steckt so viel, was der Film versucht zu zeigen, was ihm aber letztlich nicht gelingt. Und damit bleibt einzig ein wenig Ruhrpott-Nostalgie – und ein Gedicht auf eine Autobahn, die doch irgendwie immer eine Bundesstraße bleiben wird.

(Sonja Hartl)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2017
Länge: 92 (Min.)
Verleih: X-Verleih / Warner Bros
Kinostart: 29.06.2017

Cast & Crew

Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Sönke Wortmann
Kamera: Michael Wiesweg
Hauptdarsteller: Lucas Gregorowicz, Peter Jordan, Jasna Fritzi Bauer, Anna Bederke, Nicolas Bodeux

MEINUNGEN

Ihre Meinung zu diesem Film (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)

Partner

  • Deutsche Film- und Medienbewertung
  • Arthaus Filme
  • Filmförderung Baden-Württemberg
  • Filmfest München
  • Festival Scope