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Manifesto

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Kinostart: 23.11.2017
FSK: o.Al.
Genre: Drama, Experimentalfilm
Tags: Monolog, Cate Blanchett, Arthouse-Filme, Installation, Futurismus, Sundance 2017, Pop Art

Kunst zwischen Kino und Museum

Eine Raketenzündschnur brennt in Zeitlupe ab, Funken sprühen in alle Richtungen. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie den Knallkörper der Rakete erreicht, gleicht der Film Manifesto der gleichnamigen Videoinstallation von Julian Rosefeldt wie ein Ei dem anderen. Seit 2015 wurde sie mehrfach gezeigt und viel diskutiert: im Hamburger Bahnhof in Berlin oder im Rahmen der Ruhrtriennale, sogar in Australien. Installation und Film bestehen aus zwölf einzelnen Kurzfilmen, gedreht an verschiedenen Orten in Berlin, mit Cate Blanchett in allen Hauptrollen: als Grundschullehrerin und zugedröhnte Punkfrau, als Wissenschaftlerin und als obdachloser Mann. In all diesen Rollen spricht sie keine gewöhnlichen Dialoge. Ihr Text ist ein Mosaik verschiedener Manifeste aus Kunst und Wirtschaft: vom Kommunistischen Manifest über Merz bis hin zu Dogma 95.

Betritt man Julian Rosefeldts Installation, steht man nach dem einführenden Clip mit der abbrennenden Raketenzündschnur in einem mit bespielten Leinwänden randvollen Raum. Eine verwirrende Gleichzeitigkeit von Reizen und Eindrücken ergibt sich, von Worten, Stimmlagen, Dialekten. Man muss in diesem Durcheinander handeln: sich für eine Reihenfolge entscheiden, in der man die einzelnen Kurzfilme systematisch hintereinander ansieht. Oder abwechselnd mal hier, mal da reinschauen. Oder sich in die Mitte des Raumes stellen und von den Stimmfetzen ummanteln lassen. Mit der Art der Wahrnehmung, für die man sich in der Installation entscheidet, folgt man automatisch so etwas wie seinem eigenen Konsumentenmanifest. Der Film nimmt einem diese Entscheidung ab und offeriert den Mittelweg: Ein kurzes Intro wirft Weiß auf Schwarz die Namen aller zitierten Manifestautor_Innen an die Wand. Dann folgen die Kurzfilme, die Rosefeldt in Häppchen aufgeteilt hat, zwischen denen er hin und her schneidet. Diese neue Linearität ist der wohl größte Unterschied zwischen Film und Installation, und sie ermöglicht es, sich mehr auf die Machart der einzelnen Episoden zu fokussieren.

Als Erstes fallen die telegenen Settings von Manifesto ins Auge. Nicht nur touristisch bekannte Orte wie die alte Abhörstation auf dem Teufelsberg oder der Friedrichstadtpalast. Manche Episoden spielen auch auf dem Gelände einer verlassenen Düngerfabrik, auf dem Friedhof in Stahnsdorf, in einer Müllsortierungsanlage. Die in Pink und Grün gestrichene Wendeltreppe der Universitätsbibliothek in Cottbus sieht aus der Vogelperspektive aus wie ein modernes Fossil, und das Atrium des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums, in Reih und Glied vollgestellt mit Schreibtischen, wird bei Rosefeldt zu einem anonymen Großraumbüro. Zur sparsam eingesetzten Musik von Nils Frahm erschließen lange Einstellungen, langsame Schwenks und Zeitlupen das jeweilige Milieu. Im Mittelpunkt von Manifesto steht aber unangefochten Cate Blanchett. Wer sie als Bob Dylan in Todd Haynes’ I’m Not There mochte, wird diesen Film allein schon wegen ihrer Wandelbarkeit lieben. Blanchett kann als Nachrichtensprecherin im Fernsehen unglaublich posh wirken und als Reden haltende CEO bei einer High-Society-Party wie mit Desinfektionsmittel eingesprüht. Dann wieder kann sie in der Rolle einer Arbeiterin und alleinerziehenden Mutter ihr Gesicht auch ohne aufwändige Maske so schlaff hängen lassen, dass darin Müdigkeit und Ausgezehrtheit zu lesen sind, die weit über den Kontext der gezeigten Situationen hinausweisen.

Für Julian Rosefeldts Grundidee in Manifesto ist dieses wandelbare Gesicht selbst die beste Leinwand. Der Künstler kontrastiert viel, legt die Texte Figuren in den Mund, die kaum weniger mit den jeweiligen Verfassern zu tun haben könnten. Ausgerechnet der Obdachlose rezitiert das Kommunistische Manifest. Eine schmallippige Choreografin mit schwarzem Turban dressiert als glitzernde Aliens verkleidete Ensembletänzer im Friedrichstadtpalast und sagt dabei Mierle Laderman Ukeles' Manifesto for Maintenance Art auf, eine endlose Aufzählung alltäglicher Hausarbeiten der Mutter eines Neugeborenen. Sie schließt mit den Worten: „Alles was ich tue ist Kunst.“ Eine konservativ gekleidete Hausfrau betet vor dem Mittagessen am Tisch Claes Oldenburgs Pop-Art-Manifest herunter und ihre Söhne fangen sich ermahnende Blicke ein, als sie bei dem Satz anlangt: „Ich bin für eine majestätische Kunst der Hundehaufen, die aufragen wie Kathedralen.“

Eine der zwölf Episoden hebt sich Rosefeldt aber in ihrer Gänze bis zum Schluss auf. Cate Blanchett spielt darin eine Grundschullehrerin, die ihrer Klasse die Manifeste der Filmwelt näherbringt: Dogma 95, Jim Jarmuschs Goldene Regeln des Filmemachens, Werner Herzogs berühmter Satz aus der Minnesota Declaration: „Im Film liegt die Wahrheit tiefer und es gibt so etwas wie poetische, ekstatische Wahrheit.“ So eine ekstatische Wahrheit hatte Julian Rosefeldt in seiner Installation zu schaffen verstanden. Erst wenn man sich eine Weile in ihr aufhält, entfaltet sich ihre ganze Wirkung: dann synchronisieren sich Blanchetts verschiedene Stimmen plötzlich zu einer harmonischen Polyphonie, einem den Zuhörer regelrecht ummantelnden Gleichklang. Dieser Moment der das Chaos transzendierenden Erhabenheit wird vom Kino-Dispositiv verunmöglicht, Rosefeldt lässt sich lediglich auf einen müden Kompromiss ein: ganz am Ende lässt er in einem Splitscreen sekundenlang die Vielstimmigkeit zu, würdigt seine Grundidee zu einem effekthascherischen Gimmick herab. Dabei hatte es eine halbe Stunde zuvor in Claes Oldenburgs Manifest noch geheißen: „Ich bin für eine Kunst, die etwas anderes tut als in einem Museum auf ihrem Arsch zu sitzen.“ Netter Versuch – aber für Manifesto ist ein Museum tatsächlich der bessere Ort.

(Katrin Doerksen)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland, Australien
Produktionsjahr: 2015
Länge: 98 (Min.)
Verleih: DCM
Kinostart: 23.11.2017

Cast & Crew

Regie: Julian Rosefeldt
Drehbuch: Julian Rosefeldt
Kamera: Christoph Krauss
Schnitt: Bobby Good
Hauptdarsteller: Cate Blanchett

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