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Das Piano

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FSK: 12
Genre: Drama
Tags: 19. Jahrhundert, Liebesbeziehung, Klavier, Neuseeland, Auswanderer, Stumm

Eine Frau, zwei Männer, ein Mädchen und ein Klavier

Als dieser Film 1993 bei den Filmfestspielen von Cannes mit der begehrten Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, ging dieser Preis nach beinahe 50jähriger Tradition ausschließlich männlicher Gewinner das erste Mal an eine Frau. Bis heute ist die neuseeländische Filmemacherin Jane Campion die einzige weibliche Person, die in dieser Männerdomäne des Regiefachs für einen femininen Leuchtpunkt sorgte, und neben dieser Trophäe erhielt Das Piano noch neben zahlreichen Nominierungen über 50 weitere Prämierungen auf Internationalen Festivals, vom Independent Spirit Award über den César bis hin zu Golden Globes und Oscars.

Es ist eine außergewöhnliche und enge Beziehung, welche die stumme Pianistin Ada (Holly Hunter) mit ihrem Instrument verbindet, mit dem sie nicht selten ausführlicher und inniger kommuniziert als mit ihrer Umwelt. Als sie Mitte des 19. Jahrhunderts gemeinsam mit ihrer neunjährigen Tochter Flora (Anna Paquin) von Schottland aus ins unvorstellbar ferne und fremde Neuseeland reist, um eine von ihrem Vater arrangierte Ehe mit dem ausgewanderten Alisdair Stewart (Sam Neill) einzugehen, ist auch das für eine derartige Reise allzu sperrige Piano mit an Bord. Doch an der Küste angekommen wird rasch deutlich, dass dieses spontan nicht durch den dichten, unwegsamen Busch zum neuen Heim zu transportieren ist, und Ada muss sich trotz verzweifelten Widerstands vorläufig von ihrem teuren Stück trennen, um es zu einer günstigeren Zeit am Strand abzuholen.

Doch dieser Zeitraum dehnt sich unerträglich aus, während Ada und Flora sich mit eindeutigen Segregationstendenzen innerhalb der neuen Familie mehr notdürftig als komfortabel einrichten. Ada wird zusehends nervös und wendet sich an den im Stile der einheimischen Bevölkerung lebenden Nachbarn George Baines (Harvey Keitel), der den Eindruck vermittelt, diese logistische Glanzleistung vollführen zu können. Tatsächlich gelingt der Transport durch die urwüchsige Umgebung, doch Baines hat beschlossen, das Piano von Stewart zu erwerben, was dieser auch ungerührt veräußert. Ada balanciert am Rande ihrer explosiven Gefasstheit, aber bald bietet sich eine allerdings sehr pikante Möglichkeit für sie, mit Baines wegen des kostbaren Tastenkastens ins Geschäft zu kommen. Doch dafür ist Ada kein Preis zu hoch, und sie stürzt sich mit Baines in ein ebenso schlichtes wie gefährliches Geheimleben, das in der unzivilisierten Landschaft eine Lawine der emotionalen Verstrickungen zwischen Ada, ihrer Tochter Flora, Stewart und Baines auslöst, die auf eine Katastrophe zurollt ...

Die zauberhaft-unwegsame Kulisse, das packende Ensemble, die eindringliche Filmmusik von Michael Nyman (Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber / The Cook the Thief His Wife & Her Lover, Peter Greenaway 1989, Der Unhold / The Orge, Volker Schlöndorff 1996, Das Reich und die Herrlichkeit / The Claim, Michael Winterbottom 2000), die großartigen Bilder und Perspektiven von Kameramann Stuart Dryburgh (Die letzte Kriegerin / Once Were Warriors, Lee Tanahori 1994, Der Einsatz / The Recruit, Roger Donaldson 2003, Als das Meer verschwand / In My Father's Den, Brad McGann 2004), die absolut gelungene Dramaturgie und nicht zuletzt die heftige, wunderschöne Geschichte versammeln alle Zutaten, die es für einen wahrhaft großartigen Film braucht.

Dabei ist Das Piano nicht nur ein tragischer Liebesfilm in vielschichtigen Dimensionen, sondern zeigt auch in filigranen Bildern und Dialogen sowohl die Abhängigkeitsverhältnisse der gesellschaftlichen Strukturen als auch die koloniale Wirkungsmacht jener Zeiten auf. Gerade auch das Ende repräsentiert einen optimistischen Gegenentwurf zum engen Gerüst der sozialen Schicklichkeiten, deren Wertigkeiten angesichts der Eroberung eines kleinen, befreienden Territoriums destillieren – eine Emanzipation, die zu allen Zeiten und nach wie vor und solange aktuell ist, wie es ungleich gewertete kulturelle Differenzen gibt.

(Marie Anderson)

Im Rahmen des 20-jährigen Jubiläums von Arthaus wird das DVD-Label den Film erneut in ausgewählte Kinos bringen.

Daten & Fakten

Produktionsland: Frankreich, Australien
Produktionsjahr: 1993
Länge: 121 (Min.)
Verleih: Arthaus

Cast & Crew

Regie: Jane Campion
Drehbuch: Jane Campion
Kamera: Stuart Dryburgh
Schnitt: Veronika Jenet
Musik: Michael Nyman
Hauptdarsteller: Harvey Keitel, Sam Neill, Holly Hunter, Anna Paquin, Te Whatanui Skipwith

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