Das Massaker von Katyn
Originaltitel:
Katyn
Kinostart:
17.09.2009
FSK:
16
Genre:
Drama, Kriegsfilm
Leserbewertung:
Eine überlebensgroße Geschichtsstunde
Das Massaker von Katyn, begangen im Frühjahr 1940 an mehr als 20.000 polnischen Offizieren und Intellektuellen durch die sowjetische Armee zeigt exemplarisch den schwierigen Verlauf der wechselvollen Geschichte des Landes und ist ein Synonym für jahrzehntelange Ausbeutung, Unterdrückung und Manipulation der Öffentlichkeit. Als 1943 deutsche Truppen die Massengräber entdeckten, wurde das Massaker eilig zu Propagandazwecken missbraucht, mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der sowjetischen Besatzung sowie der folgenden Herrschaft der kommunistischen Partei wurde das Erinnern zurückgedrängt, die Wahrheit über Katyn durfte nicht mehr gesagt werden, selbst die Nennung des Ortsnamens konnte bereits schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Für Andrzej Wajda ist Das Massaker von Katyn aber auch eine ganz persönliche Angelegenheit, denn sein Vater gehörte ebenfalls zu den 22.000 Opfern, die in den Wäldern von Katyn den Tod fanden.
Der Film beginnt im September des Jahres 1939: Auf einer Brücke drängen sich die Menschen, endlose Scharen flüchten vor den deutschen Truppen, die Polen überrollt haben. Doch auf der Brücke kommen ihnen Menschen aus der anderen Richtung entgegen, denn auch die Sowjets haben Polen überfallen und rücken nun von Osten her vor - das geheime Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts macht es möglich. Familien werden auseinander gerissen, Offiziere und Intellektuelle verhaftet und in Lager gesteckt, wo sie auf ihr ungewisses Schicksal warten.
Wajda zeigt das Warten der Familien und die Gespräche der Soldaten, dann kurz vor dem Massaker springt er unvermutet in der Geschichte vor, spart die eigentlichen Geschehnisse aus und befasst sich stattdessen mit den Ereignissen des Jahres 1943, als die Gräber von deutschen Truppen entdeckt werden, um anschließend die Unterdrückung der Wahrheit nach dem Kriegsende sowie den Kampf der Familien um Aufdeckung der Wahrheit exemplarisch am Beispiel des polnischen Offiziers Andrzej, seiner Frau Anna und seiner Tochter Nika sowie deren Freunden und Verwandten zu schildern. Die Hinrichtungen, mit der stupiden Mechanik einer ausgetüftelten Todesmaschinerie durchgeführt, folgen erst ganz am Ende des Films in einer langen, quälenden Rückblende.
Das Massaker von Katyn ist ohne Zweifel ein wichtiger Film, weil er ein wichtiges Thema behandelt. Allerdings ist er - und auch das muss gesagt werden - kein guter Film: Zu verworren das Drehbuch, zu dröhnend-pathetisch die Inszenierung, zu demonstrativ die erzählerische Geste, mit der hier immer wieder gezeigt und hingewiesen wird. Dazu wallt die Nebelmaschine auf Hochtouren und Schauspieler deklamieren wie im Theater mit weit ausholenden Bewegungen und Sätzen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Dazu kommen Details wie sowjetische Soldaten, die die polnischen Flaggen so zerreißen, dass nur noch der rote Streifen übrig bleibt, mit dem weißen Teil putzen sie sich demonstrativ die Stiefel. Oder ein Theaterplakat für Antigone, wenn eine junge Frau für die Ehre der Toten und die Aufdeckung der Wahrheit im Nachkriegspolen kämpft. Oder eine Christus-Figur, die gleich einem Toten mit einem Mantel zugedeckt neben den Ermordeten liegt. All dies sind schwere, manchmal auch schwerfällige Metaphern, die der Film nicht nötig gehabt hätte. Aber vielleicht ist das so, wenn die Erinnerung und Aufarbeitung jahrzehntelang nicht stattfand, nicht stattfinden konnte - mit der Zeit werden die unterdrückten Bilder immer größer, immer aufgeladener. Und zurückhalten lassen sie sich auf Dauer nicht. Andrzej Wajda hat sie - stellvertretend für seine Landsleute - allesamt in einem bewegenden, streckenweise aber unangenehm belehrenden Film auf die Leinwand losgelassen.
(Joachim Kurz)
Der Film beginnt im September des Jahres 1939: Auf einer Brücke drängen sich die Menschen, endlose Scharen flüchten vor den deutschen Truppen, die Polen überrollt haben. Doch auf der Brücke kommen ihnen Menschen aus der anderen Richtung entgegen, denn auch die Sowjets haben Polen überfallen und rücken nun von Osten her vor - das geheime Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts macht es möglich. Familien werden auseinander gerissen, Offiziere und Intellektuelle verhaftet und in Lager gesteckt, wo sie auf ihr ungewisses Schicksal warten.
Wajda zeigt das Warten der Familien und die Gespräche der Soldaten, dann kurz vor dem Massaker springt er unvermutet in der Geschichte vor, spart die eigentlichen Geschehnisse aus und befasst sich stattdessen mit den Ereignissen des Jahres 1943, als die Gräber von deutschen Truppen entdeckt werden, um anschließend die Unterdrückung der Wahrheit nach dem Kriegsende sowie den Kampf der Familien um Aufdeckung der Wahrheit exemplarisch am Beispiel des polnischen Offiziers Andrzej, seiner Frau Anna und seiner Tochter Nika sowie deren Freunden und Verwandten zu schildern. Die Hinrichtungen, mit der stupiden Mechanik einer ausgetüftelten Todesmaschinerie durchgeführt, folgen erst ganz am Ende des Films in einer langen, quälenden Rückblende.
Das Massaker von Katyn ist ohne Zweifel ein wichtiger Film, weil er ein wichtiges Thema behandelt. Allerdings ist er - und auch das muss gesagt werden - kein guter Film: Zu verworren das Drehbuch, zu dröhnend-pathetisch die Inszenierung, zu demonstrativ die erzählerische Geste, mit der hier immer wieder gezeigt und hingewiesen wird. Dazu wallt die Nebelmaschine auf Hochtouren und Schauspieler deklamieren wie im Theater mit weit ausholenden Bewegungen und Sätzen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Dazu kommen Details wie sowjetische Soldaten, die die polnischen Flaggen so zerreißen, dass nur noch der rote Streifen übrig bleibt, mit dem weißen Teil putzen sie sich demonstrativ die Stiefel. Oder ein Theaterplakat für Antigone, wenn eine junge Frau für die Ehre der Toten und die Aufdeckung der Wahrheit im Nachkriegspolen kämpft. Oder eine Christus-Figur, die gleich einem Toten mit einem Mantel zugedeckt neben den Ermordeten liegt. All dies sind schwere, manchmal auch schwerfällige Metaphern, die der Film nicht nötig gehabt hätte. Aber vielleicht ist das so, wenn die Erinnerung und Aufarbeitung jahrzehntelang nicht stattfand, nicht stattfinden konnte - mit der Zeit werden die unterdrückten Bilder immer größer, immer aufgeladener. Und zurückhalten lassen sie sich auf Dauer nicht. Andrzej Wajda hat sie - stellvertretend für seine Landsleute - allesamt in einem bewegenden, streckenweise aber unangenehm belehrenden Film auf die Leinwand losgelassen.
(Joachim Kurz)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Das Massaker von Katyn
Originaltitel:
Katyn
Produktionsland:
Polen
Produktionsjahr:
2007
Länge:
121 (Min.)
Verleih:
Pandastorm
VERÖFFENTLICHUNGEN
Kinostart:
17.09.2009
CAST & CREW
Regie:
Andrzej Wajda
Kamera:
Pawel Edelman
Schnitt:
Milenia Fiedler, Rafal Listopad
Musik:
Krzysztof Penderecki
Hauptdarsteller:
Andrzej Chyra, Maja Ostaszewska, Artur Zmijewski, Danuta Stenka, Jan Englert
FILMBEWERTUNG
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Bisherige Kommentare
(Anzeige: 5 von insgesamt 9)
Von: Konrad am: 22.11.09
ausserordentliche Regieleistung,tolle schauspielerische Fähigkeiten gepaart mit echten historischen Ereignissen.
Von: Kamila am: 07.10.09
wer mehr historisches Material sehen will, möge folgende Seite sehen. Mit privaten Engagement, Sorgfalt und Verantwortung dem Thema gegenüber:
http://www.electronicmuseum.ca/Poland-WW2/katyn_memorial_wall/kmw.html
Von: Kamila am: 07.10.09
dieser Film ist soo wichtig, weil a) authentisch - Wajda recherchierte sehr genau, es gibt historisches Material b) angesichts der traurigen Geschichte des Holocaust geraten viele "Nebenschauplätze" in Vergessenheit. Wer ist denn noch informiert über den Warschauer Aufstand vom 01. August 1944 ? ich kenne nur ganz wenige...
Katyn wurde auch meinem Großvater zur vorzeitigen Endstation - das Thema Völkermord in K. wurde Jahrzehnte verschwiegen, bis in den 90gern offizielle Statements der SU die dunklen Ahnungen bestätigten. that's true...
Und Wajdas (Regisseur) Vater gehört ebenfalls zu den in den Wäldern von Katyn, smolensk, etc. Gefallenen.
Ich bedauere, meinem Vorgänger (drunter) gleich, dass dieser nicht kommerzielle Streifen so unliebsam in den Kinoprogrammen platziert wird . Und ich würde ihn sehr gern IM KINO sehen....
Von: Daniel R. am: 13.09.09
Nun meine Frage: Warum läuft dieser Film nicht in allen Kinos? Ich denke er sollte der breiten Öffentlichkeit gezeigt werden.AUch wenn er nur in englisch bzw. polnisch ist.
Von: Alexander am: 20.10.08
Dieser Film ist einer der besten seit langer Zeit. Schade, das es dazu keine Deutsche Synchronisation bzw. keine dt.Untertitel gibt.








