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Amelie rennt

Meinungen
1

2.7 Sterne aus 11 Bewertungen

Kinostart: 21.09.2017
FSK: 6
Genre: Drama, Jugendfilm
Tags: Teenager, Asthma, Klinik, Südtirol, Ausreißerin, Berlinale 2017, Berlinale 2017 Generation, Fünf Seen Filmfestival 2017, Festival des deutschen Films 2017
 

Atemlos in die Freiheit der Berge

Amelie (Mia Kasalo) fühlt sich schrecklich eingeengt. Das liegt zum einen an ihrem Asthma, das ihr immer die Luft wegnimmt. Und zum anderen an der Pubertät. Das 13-jährige Berliner Mädchen will nicht länger gesagt bekommen, was es tun soll, sondern endlich frei sein! Aber nach einem neuen Asthmaanfall, der zu einem Notarzteinsatz führt, übernehmen die Eltern das Kommando. Die Ärzte haben ihnen klargemacht, dass sich Amelie keinen Gefallen tut, wenn sie ihr Asthma weiterhin ignoriert. Papa (Denis Moschitto) und Mama (Susanne Bormann) sind zwar nicht mehr zusammen, doch nun ziehen sie an einem Strang und fahren die extrem schlecht gelaunte Tochter zur Asthmakur in einer Bergklinik in Südtirol.

Das Jugenddrama von Regisseur Tobias Wiemann (Grossstadtklein) schildert den Ausnahmezustand der Pubertät sehr authentisch und mit viel Biss. Amelie ist so unzufrieden, dass ihre Rebellion selbstgefährdende Züge annimmt. Anstatt das sportliche Training und die Asthmaschulung in der Klinik mitzumachen, übernachtet sie heimlich draußen am Waldrand. Als die anderen am Morgen nach ihr rufen, beschließt sie ungerührt, die Gegend auf eigene Faust zu erkunden und bergauf zu wandern. Die Klinik alarmiert die Polizei und die Eltern, überall wird nach Amelie gesucht.

Amelies Ausbruch aus der Welt der Regeln und aus dem sozialen Konsens wirkt explosiv und geradezu verrückt, aber der Prozess der Horizonterweiterung verläuft eben nicht immer geschmeidig. Zwischen Amelie und den Bergen steht plötzlich nichts und niemand und der Lockruf der Freiheit wird unwiderstehlich. Mit anderen Worten, auch diese Großstadtgöre, die sich noch wortreich von ländlicher Beschaulichkeit distanzierte, erfasst die populäre Lust am Wandern.

Auf ihrem abenteuerlichen Trip hoch hinauf aber ist Amelie bald nicht mehr allein. Sie begegnet dem 15-jährigen Bart (Samuel Girardi), einem einheimischen Jungen, der sie vorsichtshalber begleiten will. Und das ist gut so, denn Amelie fällt in den Fluss, dann gibt es ein Gewitter und die beiden müssen sogar draußen übernachten. Obwohl Amelie Bart mit ihren ätzenden Sprüchen nach Kräften provoziert, kann der fröhliche Junge auf seine Weise ganz gut kontern. Dieses ungleiche Paar erinnert mit seinen ruppigen Dialogen an die jungen Erwachsenen in Liebe auf den ersten Schlag, die beim Survival-Abenteuer in der Wildnis ebenfalls die Romantik entdeckten.

Die Drehbuchautorin Natja Brunckhorst, die in jungen Jahren als Hauptdarstellerin in Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo berühmt wurde, bewies schon 2001 mit dem Ost-West-Liebesdrama Wie Feuer und Flamme, dass sie sich auf lebendiges und authentisches Erzählen fürs Kino versteht. Auch hier verblüffen die frischen Dialoge und die kernig-witzigen Szenen, die sich mehr an der Realität als an billiger Harmonie orientieren.

Die Hauptdarstellerin Mia Kasalo gibt der ernsten Amelie eine aparte, originelle Note. Sie verkörpert den Geist der jugendlichen Rebellion sehr glaubwürdig, während Newcomer Samuel Girardi als Dialekt sprechender Sonnyboy punktet. Allerdings zeigt sich gerade im Vergleich mit Liebe auf den ersten Schlag, dass die Chemie zwischen Amelie und Bart doch unterentwickelt bleibt. Es gibt zu wenig echte Beziehungsdynamik, weil das Miteinander eng dem absehbaren Kurs der Geschichte folgt.

Die anstrengende Wanderung mit ihren Etappen, Tageszeiten und Wetterwechseln, die Veränderung der Landschaft mit zunehmender Höhe werden hingegen sehr sinnlich eingefangen. Den Aufnahmen gelingt es, das subjektive Naturerlebnis der Charaktere aufregend zu spiegeln. Auch die musikalische Begleitung überzeugt, denn sie kann so spontan einsetzen oder anschwellen wie Amelies Stimmungen. Und im oft wiederkehrenden, zarten Leitmotiv klingen Sehnsüchte an, für die Amelie noch keine Worte besitzt. Insgesamt verfügt dieser Kinder- und Jugendfilm über viele gute Ansätze, eine beachtliche Authentizität und sinnliche Kraft, nur leider lässt er das zentrale Duo nicht richtig von der Leine.

(Bianka Piringer)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland, Italien
Produktionsjahr: 2017
Länge: 97 (Min.)
Verleih: Farbfilm Verleih
Kinostart: 21.09.2017

Cast & Crew

Regie: Tobias Wiemann
Drehbuch: Nadja Brunckhorst
Kamera: Martin Schlecht
Schnitt: Andreas Radtke
Musik: Tobias Kuhn, Markus Perner
Hauptdarsteller: Denis Moschitto, Jasmin Tabatabai, Susanne Bormann, Mia Kasalo, Samuel Girardi

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Daniellee am: 11.11.17
Ich finde diesen Film total super und mitreißend.

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