15 25/06

Highlights: "Das Lied des Meeres" von Tomm Moore

Das 33. Filmfest München hat noch gar nicht offiziell begonnen und dennoch haben wir gleich einen ersten Tipp: Tomm Moores Das Lied des Meeres (OT: Song of the Sea) läuft zwar fast ein wenig "versteckt" beim Kinderfilmfest, aber Rochus Wolff schwört - und er muss es wissen -, dass das Werk der schönste Animationsfilm des Jahres ist.


(Bild aus Das Lied des Meeres, Copyright: Cartoon Saloon, Melusine Productions, The Big Farm, Superprod, Norlum)

Es beginnt mit einer Geschichte, die die Mutter ihrem kleinen, vierjährigen Sohn erzählen wird - eine Sage, die dann später wieder aufgenommen, zu neuem, eigenen Leben wird, wenn längst klar geworden ist, dass die Mutter Teil der Welt dieser Geschichten, die Realität also nicht so arm an Magie und Wundern ist, wie allgemein befürchtet. Und zu diesem Zeitpunkt hat dann Regisseur Tomm Moore auch schon seinen eigenen Zauber gesponnen, hat mit Bildern, Worten und Musik (Liedern vor allem!) Das Lied des Meeres zu beglückendem Leben erweckt. Ein helles Licht am Firmament des Animationsfilm, das aus der Entfernung ein wenig so aussieht, als sei es niedlich-freundliches Kinderkino.

Natürlich ist das auch ein toller, ach was: umwerfender Film für Kinder, wahrscheinlich mehr noch als Moores vorheriger Animationsfilm Brendan und das Geheimnis von Kells, der ähnlich auf alten Mythen und Sagen aufbaut, aber in vielen Momenten wesentlich düsterer, auch furchteinflößender ist. In Das Lied des Meeres geht es um vieles: um Liebe, Verlust und Loslassen, um Trauer und Hoffnung, und spannend ist das alles obendrein.


(Trailer zu Das Lied des Meeres / Song of the Sea)

Der kleine Ben ist inzwischen schon große zehn Jahre alt, als seine Schwester Saoirse ihren sechsten Geburtstag feiert. Mit ihrer Geburt starb auch die Mutter der Kinder, die Geschichtenerzählerin, und weder Ben noch sein wortkarger Vater Conor haben ihren Tod je verwunden; zu viert leben sie in einem Leuchtturm nahe der Küste. Was die Männer nicht wissen und Saoirse selbst noch nicht versteht: Sie ist, wie ihre Mutter, ein "Selkie", ein magisches Zwischenwesen, Gestaltwandler: Mensch an Land und Robbe im Wasser.

Als Conors Mutter ihre beiden Enkelkinder mit in die Stadt nimmt, weil sie sich darum sorgt, ob diese auf dem Leuchtturm wirklich gut aufgehoben sind, macht sich Ben schon in der nächsten Nacht heimlich davon und auf den Weg zurück zur Küste. Saoirse schließt sich ihm gegen seinen Widerstand an, aber nachdem sie von einer Gruppe magischer Wesen („faeries") entführt und um Hilfe gebeten wurde, wird den beiden bald klar: Sie müssen schnell zurück ans Meer, und davon hängt nicht nur Saoirses Leben, sondern auch das Schicksal aller magischen Wesen des Landes ab...

Moores Geschichte verwebt traditionelle Mythen und sehr moderne Skepsis in einer Haltung, die traumartig wirkt: auf beglückende Weise unwahrscheinlich und völlig organisch entstehend zugleich. Wie schon in Brendan ist nahezu alles in runde Formen gegossen, aber auch wenn so selbst die Landschaften gelegentlich wie die Wellen eines großen Meeres wirken - Das Lied des Meeres ist zu keinem Zeitpunkt eine Rückkehr zu einer idealisierten, vergangenen Ästhetik. Die Moderne steckt überall drin und berührt sich mit Traditionellem: in gelegentlich geradezu kubistischen Perspektiven (wenn etwa eine Mülltonne, obgleich von vorne gesehen, dennoch einen vollkommen rund gezeichneten Deckel hat), in einer Tiefe des Raums, die sich zunächst nur durch hinter einander liegende Ebenen offenbart. Sie bekommt dann doch ganz eigene Räumlichkeit - dafür sorgt allein schon Moores gekonnter Umgang mit Licht und Schatten.

Alles atmet Handwerk: Die Landschaften und Hintergründe sind mit Tusche gemalt, Figuren und bewegliche Elemente als flächige Formen animiert. So verbinden sich auch hier Klarheit und Unschärfe aufs feinste zu einer zauberhaften Welt - alles kann plötzlich magisch aufleuchten.


(Bild aus Das Lied des Meeres, Copyright: Cartoon Saloon, Melusine Productions, The Big Farm, Superprod, Norlum)

Das Lied des Meeres wirkt so natürlich wie ein ästhetischer Gegenentwurf zum Mainstream-Animationskino der großen Studios (vor allem Disney/Pixar und Dreamworks), das hierzulande und weltweit mehr oder meist minder erfolgreich kopiert wird - man denke, nur zum Beispiel, an Filme wie Die Biene Maja - Der Kinofilm, Ooops! Die Arche ist weg... oder Zambezia. Aber wie bei Aardman oder im Studio Ghibli hat man bei dem, was Moore mit seiner Produktionsfirma Cartoon Saloon macht, weniger den Eindruck, dass es hier um eine bewusste Gegenbewegung geht, sondern mehr um ein völlig untrotziges eigenes Ding: Geschichten aus der eigenen Kultur in einer besonderen visuellen und narrativen Form zu erzählen.

Und Tomm Moore ist ein meisterhafter Geschichtenerzähler; mit Das Lied des Meeres hat das Filmfest München nach 2014 Der Junge und die Welt von Ale Abreu nun im zweiten Jahr in Folge den schönsten Animationsfilm des Jahres - und einen der besten Filme dieses Jahrgangs überhaupt - im Kinderfilmprogramm "versteckt". Das sagt einiges über die milde Herablassung, die dem Animationskino für gewöhnlich entgegengebracht wird, und noch viel mehr darüber, welche Aufmerksamkeit man der seit Jahren konsequent großartig kuratierten Kinderfilmsektion in München schenken sollte.

(Rochus Wolff)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 2 von insgesamt 2)
Von: @acutia am: 26.06.15
Danke für den Hinweis. Grüsse, Mike
Von: acutia am: 26.06.15
Es gibt ein Tippfehler im zweiten Absatz. Der Vorname des Regisseurs sollte "Tomm" nicht "Timm".

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