15 30/06

"Going Clear: Scientology and the Prison of Belief" von Alex Gibney

Alex Gibneys neuer Dokumentarfilm Going Clear: Scientology and the Prison of Belief beim Filmfest München zu schauen, kann man nur als immersives Erlebnis beschreiben. Denn schon bei der Ankündigung des Filmes durch die Programmleitung wurden die Scientology-Mitglieder, die unter den Zuschauern vermutet wurden, extra begrüßt und freundlich aufgefordert, nach dem Film gern ins Gespräch zu kommen.


(Filmstill aus Going Clear: Scientology and the Prison of Belief; Courtesy: Filmfest München 2015)

Und in der Tat, ich hatte das "Vergnügen", zwei Damen hinter mir sitzen zu haben, die eindeutig Mitglieder waren und den Film leise aber stetig kommentierten. Nur eben völlig konträr zum eigentlich Gesagten und Gezeigten. Und so saß ich dort: vor mir eine detailgenaue Erzählung über die Machenschaften und Hirnwäsche, die Scientology bei ihren Mitgliedern verübt, hinter mir zwei aktive Beispiele derselbigen Maßnahmen. Wenn das nicht 3D ist, dann weiß ich auch nicht.

Going Clear: Scientology and the Prison of Belief ist in seiner Essenz ein ganz typischer Alex-Gibney-Film. Wie schon in Enron: The Smartest Guys in the Room und Mea Maxima Culpa: Silence in the House of God ist der Titel lang und allegorisch; der Inhalt detailliert recherchiert und haarklein aufgezeichnet. Dabei wird auch schnell klar, dass Gibney über das einfache nacherzählen, was Scientology ist und wie diese entstand, weit hinaus geht. Kern von Gibneys Recherche ist eher die Frage nach der Umwelt, nach dem Raum und seiner Beschaffenheit, in der solche riesigen Konglomerate entstehen können.

Es mag ihm eventuell nicht bewusst sein, aber seine Frage ist essentiell die gleiche, die sich Hannah Arendt in Die Banalität des Bösen stellte, als sie sich fragte, wie etwas so Böses und Großes wie der Nationalsozialismus entstehen kann. Doch zunächst macht sich Gibney daran, die klassische Entstehungsgeschichte von Scientology, angefangen bei ihrem Gründer, dem Science-Fiction-Schriftsteller L.Ron Hubbard, nachzuvollziehen und dort — in den Anfängen — nach den Wurzeln zu suchen, die Scientology in ihrem Kern ausmacht.

Dabei arbeitet er sich immer tief in das Glaubenskonstrukt hinein und zeichnet anhand einiger Augenzeugen und ehemaliger Mitglieder der ersten Tage den Weg hin zur großen Expansion. Denn nach Hubbards Ableben nimmt David Miscavige das Ruder in die Hand und beginnt seinen bis heute anhaltenden Prozess der Radikalisierung. Dieser beginnt damit, dass Mitglieder immer mehr Spenden abgeben müssen und geht bis hin zur üblichen Scientology-Praxis, dass Gegner der Kirche mit aller Macht anzugreifen sind. Auf jegliche Art und Weise. Von Schmierkampagnen bis Verfolgungsjagden ist der Kirche dabei jedes Mittel recht — genau so, so zeigt Gibney auf, ist sie überhaupt erst zu ihrem religiösen Status gekommen. Und mit diesem ist sie fast unangreifbar. Sei es finanziell— Scientology muss keine Steuern zahlen — oder rechtlich, denn so kann sie sich immerwährend hinter dem Recht auf freie Ausübung der Religion verstecken.


(Filmstill aus Going Clear: Scientology and the Prison of Belief; Courtesy: Filmfest München 2015)

Neben zahlreichen Quellen, die Gibney auftut, zum Leidwesen eines interessierten und kritischen Zuschauers aber oft gar nicht benennt oder definiert, stehen ihm eine Handvoll Aussteiger zur Verfügung. Alle von ihnen waren einst hochrangige Mitglieder, die inzwischen ausgestiegen sind. Die meisten, weil sie dem Druck nicht mehr standhielten und die immer aggressiver werdenden Methoden bis hin zur Umerziehung und Freiheitsberaubung nicht mehr ertrugen. Sie erzählen von den Dingen, die ihnen passiert sind und auch von den Dingen, die sie in der Zeit getan haben, wenn hier auch viel vager. Und natürlich werden auch die drei berühmtesten Mitglieder John Travolta, Tom Cruise und Paul Haggis (der inzwischen ausgestiegen ist) näher beleuchtet.


(Filmstill aus Going Clear: Scientology and the Prison of Belief; Courtesy: Filmfest München 2015)

Wie von Gibney nicht anders zu erwarten, fasst er die hochgradig komplexe Thematik wunderbar zusammen und schafft es, eine Unmenge an Materialien in den zweistündigen Film einzubauen. Problematisch wird Going Clear: Scientology and the Prison of Belief aber trotzdem an ein paar Stellen. Zum einen gelang es ihm nicht, derzeitige Mitglieder zu interviewen. Er kann nur auf eine Handvoll Aussteiger zurückgreifen, die schon eine ganze Weile nicht mehr dabei sind und so faktisch keinerlei Informationen zum derzeitigen Stand der Dinge geben. Zum anderen scheitert Gibneys Suche nach den Umständen, in denen solche Institutionen entstehen, daran, dass seine ProtagonistInnen sich fast gar nicht darauf einlassen, auch die ethischen Hintergründe ihrer eigenen Taten zu betrachten. Hier schweigen die Menschen, die Opfer aber auch Täter sind und dieses Schweigen in Anbetracht solch schwerwiegender Ereignisse ist es, was Scientology unter anderem so mächtig macht. Doch eines macht Gibney ganz klar: Das Schweigen der Regierungen, der Steuerbehörden etc., das Fehlen jeglichen Eingreifens oder Überprüfens dieser Institution ist das, was sie gefährlich macht. 

(Festivalkritk Filmfest München 2015 von Beatrice Behn)

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