"Eadweard" von Kyle Rideout - Filmfest München 2015 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
15 28/06

"Eadweard" von Kyle Rideout

Eigentlich heißt Eadweard natürlich Edward, aber so ein schnöder Name passt eben nicht zu so einem exzentrischen Menschen. Die Rede ist von Eadweard Muybridge,dem berühmten Fotografen, der erst durch seine atemberaubenden Naturfotografien von Alaska bekannt wurde, seine internationale Berühmtheit aber mit seinen fotografischen Bewegungsstudien erlangte, die die Idee des kinematografischen Bewegtbildes quasi vorwegnahmen. Diese sind noch heute allseits bekannt, weniger in Erinnerung geblieben ist allerdings das hochgradig exzentrische Leben des Künstlers.

1872: Eadweard Muybridge, Ende vierzig trifft Flora, Anfang 20. Es ist Liebe auf den ersten Blick - durch Eadweards Kamera. „Du hast gute Knochen" murmelt der eigenartige Fotograf. Die junge Flora ist begeistert. Zwar ist sie eigentlich verheiratet, doch Eadweard bekommt stets das, was er will und so kauft er sie frei. Nun ist sie sein, die beiden vermählen sich. Auch beruflich läuft es immer besser. Seine Idee, Bewegung - also das Dazwischen zwischen normalen Fotos - in irgendeiner Weise festzuhalten, wird immer mehr zur Obsession. Mit einer ganzen Reihe Kameras, die er in eine Reihe aufstellt und mittels eines Mechanismus, der sie alle nacheinander automatisch auslöst, vermag er Bewegung einzufangen. Sein Ziel: eine fotografische Enzyklopädie der Bewegung. Für diese benötigt er 50.000 Dollar, eine horrende Summe, die ihm die Universität nach ein paar Probeaufnahmen gibt. Fortan verliert sich Eadweard in seiner Arbeit. Sein Ziel: mindestens 10.000 Aufnahmen von Menschen und Tieren in allen möglichen Bewegungen: Frau läuft, Mann kriecht, Hund rennt, Frau springt über einen Stuhl. Dabei ist Eadweard alles andere als ein angenehmer Mensch. Er tyrannisiert seine Angestellten, seine Modelle, von denen er alsbald zum großen Entsetzen vieler, Nacktaufnahmen verlangt, um die Bewegungen besser sehen zu können. Und auch Flora hat es nicht leicht. Denn Eadweard ist hochgradig eifersüchtig, zudem überaus reizbar und besessen von der fixen Idee, dass Flora eine Affäre mit Harry Larkyns, einem Theaterkritiker habe. Eadweard versucht alles zu kontrollieren, vor allem seine Frau. Als diese schwanger wird, verstärken sich seine Wahnvorstellungen und es kommt zu einem Drama.


(Filmbild aus Eadweard von Kyle Rideout; Courtesy: Filmfest München 2015)

Kyle Rideouts Eadweard macht sich schnurstracks daran, seine Geschichte zu erzählen. Mit geradlinigem, schnörkellosem Erzählkino lässt er einfach die Story für sich sprechen und inszeniert diese originalgetreu anhand der Biographie des großen Fotografen. Dabei konzentriert er sich aber vor allem auf seine Arbeit und die Arbeitsmethoden. Stetig Zitronen essend, besorgt sich Eadweard Tiere zum Fotografieren, indem er die Wärter im Zoo besticht. Frauen, die sich für ihn ausziehen, findet er beim lokalen Kunstprofessor der Universität, der seine Aktmodelle weitervermittelt. Seine Arbeit ist einerseits überaus strukturiert, auf der anderen Seite aber ein totales Chaos. Schon bald weiß niemand mehr, welche Arten von Bewegung schon fotografiert wurden. Ein ironischer Moment entsteht, als Muybridge in der lokalen Irrenanstalt fotografiert, denn so deutet es seine Biografie an, ist er selbst nicht gerade das, was man sonst einen "normalen Menschen" nennt.


(Filmbild aus Eadweard von Kyle Rideout; Courtesy: Filmfest München 2015)

Nach einem Kutschenunfall, bei dem er eine massive Kopfverletzung erlitten hat, ist Muybridge stark verhaltensauffällig und leidet unter Wahrnehmungsstörungen. Der Film deutet dies nur an und feiert ihn lieber als großes, exzentrisches Genie, stets gepaart mit viel Ehrerbietung für seine Kunst. Und genau diese hochgradig unkritische Haltung gibt dem Film einen bitteren Beigeschmack, ignoriert er doch die weniger schönen Fakten und stellt vor allem die tragische Geschichte seiner Frau Flora und ihres gemeinsamen Kindes Florado stark in den Hintergrund. Diese Entscheidung, Muybridge so wohlwollend zu verklären und seinem missbräuchlichen, gefährlichen Verhalten nur nebenbei Platz einzuräumen, ist schade, zeigt sich doch der Film hier eher von der verklärten, romantisierenden Seite. Noch mehr zu bedauern ist diese Wahl vor allem, wenn man sich die Historie Floras und ihres Sohnes bis zum Ende anschaut, denn nicht nur im Film, auch in der Realität wurde ihr Leiden nicht anerkannt. Sie verstarb mit nur 24 Jahren an den Folgen der Ehe, ihr Sohn wuchs im Waisenhaus auf und wurde nie als rechtmäßiger Sohn anerkannt, obwohl daran kein Zweifel bestand.

Und so negiert Eadweard einen großen Teil dieser tragischen Geschichte und zelebriert lieber die Fotokunst und ihren Erschaffer.

(Beatrice Behn)

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