15 03/07

"Die Maßnahme" von Alexander Costea

Wo beginnt Freundschaft? Bei der Frage nach Feuer in der Zigarettenpause? Wenn einer dem anderen die Waschmaschine repariert? Beim Angeln? Roland macht sich mit Werner bekannt – einsam sei er, gerade aus dem Gefängnis gekommen, jetzt ein Neuanfang. In Werner findet er einen dankbaren Kompagnon: Er ist der Außenseiter, in der Firma, im ganzen Ort, ein verduckter, verdruckster Typ, der sich hinter seinem Vollbart versteckt, irgendwo im Wald in einem alten, halb verfallenen Bauernhaus wohnt. Seine liebste Gefährtin ist Schaf Emmy, mit eigenem, strohausgelegten Zimmer im Gebäude. 


(Filmstill aus Die Maßnahme; Courtesy: Filmfest München 2015)

Roland und Werner: eine Freundschaft? Roland ermittelt verdeckt. Werner ist der Hauptverdächtige im Fall einer verschwundenen 17-Jährigen, aber für eine Anklage haben die Beweise nie gereicht. Die soll nun Roland beschaffen. Durch ganz besondere, erweiterte Verhörmaßnahmen, unter dem Vorzeichen einer Freundschaft, die nicht existiert.

Was ist die Wahrheit im Gegenüber? Wieweit kann man dem trauen, was der andere vorgibt zu sein? Was er ist? Wie sehr glaubt man selbst die Geschichten, die man von sich erzählt, wie sehr stimmen diese mit der tatsächlichen Wirklichkeit überein? Wo sind die Ecken der Persönlichkeit, die versteckt sind, so gut, dass man selbst sie nicht mehr findet (oder finden mag)? Und unter welchen Voraussetzungen darf man einen anderen erforschen, ihn von innen nach außen stülpen? Kann die eine Lüge die andere Lüge aufdecken? Und was, wenn es vielleicht doch gar keine Lüge aufzudecken gibt – wohin dann mit der ersten Lüge? Welche Mittel heiligen den Zweck? 

Alexander Costea arbeitet in seinem ersten Spielfilm mit einer klaren Anordnung der Figuren: Roland, der vorgibt, ein Freund zu sein, Werner, der vielleicht ein Mörder ist. Darumherum die Gesellschaft: Die hat Werner längst abgestempelt, seine Arbeitskollegen meiden ihn, es sei denn, sie finden einen Grund, ihn zu verprügeln. Die Polizei ist sich ihrer Sache sicher, deshalb wird Roland unter Vorspiegelung falscher Tatsachen auf Werner angesetzt. Doch die Nähe zum Objekt der Beobachtung macht dieses auch zu einem Subjekt – zu einem eigenständigen Lebewesen, das sich wiederum an Roland annähert. Vertrauensvoll. Liebevoll. Wahrscheinlich dankbar.


(Filmstill aus Die Maßnahme; Courtesy: Filmfest München 2015)

Ein Moralstück ist dieser Film – der nicht auf Bilder setzt, auf große Action oder Spannung, sondern der bei seinen Charakteren bleibt. Werner, gespielt von Aljoscha Stadelmann, mit seiner gequetschten Stimme, hat immer etwas Hilfsbedürftiges an sich, doch aus dem großen Mann kann auch ein heiliger Zorn herausbrechen. Max Wagner als Roland ist ein einfühlsamer Freund – dass Wagner seine Darstellung manchmal überzieht, dass er in seinem Spiel nicht sehr glaubwürdig ist für den Zuschauer, macht seine Rolle fast noch überzeugender – denn vor allem Werner muss ihm glauben. 

Mit kleinen Tricks wird immer mehr aus Werner herausgekitzelt. Eine – gefakte – Polizeikontrolle, in der die Verdächtigungen eiskalt zur Sprache gebracht werden, bringt den Vorwand für Roland, weiterzufragen. Was kommt nach dem Tod? Beim Lagerfeuer biegt Roland schon wieder die Gedanken zur toten Lucie, und zu dem Mörder, der mit seiner Tat solche seelischen Kämpfe auszufechten haben muss. Ein Foto von Lucie, das Roland in Werners Haus versteckt: Wie reagiert er auf dieses Bild aus der Vergangenheit? Und schließlich, dick aufgetragen – Rolands Geständnis einer angeblichen eigenen Totschlagstat...


(Filmstill aus Die Maßnahme; Courtesy: Filmfest München 2015)

Was stark beginnt mit der Dynamik zwischen den Protagonisten, die einander nur scheinbar auf Augenhöhe begegnen, wird mitunter gestört – mit seiner Kollegin führt der verdeckte Ermittler zwischendrin ein Gespräch, in dem alles, was wir schon wissen, all die Konflikte um die falsche Freundschaft, all die Vorwürfe gegen Werner nochmals und ziemlich redundant zur Sprache kommen. Und wenn dann die Verhaftung erfolgt – sollte bei den Verhören nicht ein Anwalt dabei sein? Und würde der Werner wegen der fragwürdigen Beweisbeschaffung nicht schnell wieder rausbekommen aus der U-Haft? Ich bin juristisch ein Laie – aber hier scheint mir die Wirklichkeit, wie ich sie mir vorstelle, allzu sehr abgebogen in ein reines Spiel der Fragestellungen von moralischen Grundwerten und ethischem Verhalten, in ein Thesenspiel um die Uneindeutigkeit von Indizien, um die Zweifel an Werners Version der Ereignisse.

Wo hört Freundschaft auf? Für Werner ganz plötzlich mit der Ent-Täuschung, wenn er die Protokolle sieht, die Roland über ihre Gespräche verfasst hat. Für Roland? Vielleicht nie, weil er Werner so nahe gekommen ist.

(Festivalkritik Filmfest München 2015 von Harald Mühlbeyer)

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