14 04/07

Doktor Proktors Pupspulver

Meine Güte, was habe ich gehofft, dass dieser Film gelingen würde! Mit welcher Begeisterung haben sich die Kinder das Buch vorlesen lassen, in dem Jo Nesbø - welch genialer Schachzug! - seinen Titelhelden ein Pupspulver erfinden lässt, das nicht nur laute, aber perfekt geruchlose Fürze erzeugt, sondern in seiner Abwandlung als Pupsonautenpulver auch das (nicht ganz ungefährliche!) Herumfliegen per Darmwindkraft ermöglicht.


(Bild aus Doktor Proktors Pupspulver; Courtesy: Filmfest München 2014)

Vor allem aber ist Nesbøs Geschichte ein beglückendes Beispiel dafür, wie man ein phantasievolles, völlig irres und trotzdem nicht nur spannendes, sondern auch hintergründig witziges Kinderbuch schreiben kann, voller Sprachwitz und zauberhafter Details, ach, ich könnte jetzt noch absatzweise weiter preisen und lobsingen. Aber ich will ja hier und jetzt eigentlich den Film besprechen.

Und das fällt mir dann doch ein ganzes Stückchen schwerer, als ich gehofft hatte. Regisseur Arild Fröhlich und Drehbuchautor Johan Bogaeus haben sich viele Freiheiten mit Nesbøs Stoff genommen, was nicht schlecht sein muss, und haben auch nach einem eigenen filmischen Ton gesucht - allein, was am Ende dabei herauskommt, will hinten und vorne nicht mehr zusammenpassen.

Lise wohnt in einem Vorort von Oslo und ein wenig allein, seit ihre beste Freundin aus dem Nachbarhaus fortgezogen ist - dort zieht aber nun ein merkwürdiger, sehr kleiner Junge ein namens "Bulle - was sagt man dazu?" Gemeinsam machen sie die Bekanntschaft von Doktor Proktor, einem etwas seltsamen, aber sehr freundlichen Erfinder, der außerdem hervorragenden Pudding herstellt. Richtig kompliziert wird das Leben aber erst durch die bösartigen Zwillingsbrüder Truls und Trym sowie ihren Vater, der mit gestohlenen Erfindungen reich und berühmt geworden ist.


(Bild aus Doktor Proktors Pupspulver; Courtesy: Filmfest München 2014)

Damit stimmt eigentlich der äußere Rahmen. Fröhlich setzt skurrile Personen in Szenen und Kameraeinstellungen, die sehr stark an den Filmen von Wes Anderson orientiert zu sein scheinen - es fehlt aber sehr am trockenen Humor, der sich damit  erwarten ließe, stattdessen wird alles sehr schnell sehr überkandidelt. Alles ist immer gleich neben skurril auch erheblich lächerlich, Lises Eltern zum Beispiel sind offenbar an ihrer Tochter schlicht desinteressierte Volltrottel (die Mutter bügelt ihrer Tochter die Haare). Das schmerzt umso mehr, als Nesbøs Buch sich eher in Understatement versucht und in subtilen Formen der Charakterisierung - dort legen etwa die Antworten verschiedener Figuren auf Bulles Standardselbstpräsentation "Bulle - was sagt man dazu?" schon ihren Charakterkern frei, während Fröhlich und Bogaeus etwas hilflos dabei wirken, Bulles Gewohnheit als Grundlage für kleine Witzchen zu verwenden.

Natürlich wird reichlich gepupst, und es gibt auch die geheimnisvolle Riesenschlange ("Anna Konda") in Oslos Kanalisation - aber nichts ist hier folgerichtig, alles wirkt zusammengestoppelt. Es gibt einige bezaubernde und witzige Details, die Darsteller bemühen sich alle recht erfolgreich, und Askild Vik Edvardsen Kameraführung zum Beispiel ist gelungen - aber all das löst nicht auf, dass Doktor Proktors Pupspulver eher ein schwächelndes, streng riechendes Lüftchen ist als ein herzhaft-saftiger, aber geruchsfeier Furz.

Natürlich ist es müßig, vom Film das zu erwarten, was das Buch liefert - aber zum einen enttäuscht das Ergebnis gegenüber der Vorlage doch erheblich, zum anderen gelingt den Filmemachern keine überzeugende eigene Geschichte, kein Abenteuer, das man gerne sehen und wiedersehen will.

(Rochus Wolff)