13 06/07

Harms

Harms ist ein harter Hund, ein einsamer Wolf, ist schlauer Fuchs, sturer Ochse, coole Sau, starker Bär, gerechte Schildkröte - alles in einer Person. Harms wird gespielt von Heiner Lauterbach, mit Ion-Tiriac-Bart, Tränen-Tattoo und verkniffenem Mund, den er sich von Eastwood abgeguckt hat. Harms, der Film, ist das Baby von Lauterbach (der mitproduziert und die Musik mitarrangiert hat) und Regisseur und Drehbuchautor Niki Müllerschön (der zuvor im Kino mit dem Roten Baron nicht sonderlich aufgefallen ist). Harms ist eine mythische Gangsterballade über das Glück und den Mangel daran, über die Gewalt, die sich nicht vermeiden lässt, über Gerechtigkeit, die nie herrschen kann, über Freundschaften, die ewig halten, über den Tod hinaus. Ein Genrestück nach allen Regeln der Kunst.

Harms hat das Pech, als Film zuwenig gestaltet zu sein. Keine besondere, sprich: atmosphärische Beleuchtung, keine wohlüberlegten Bildkadrierungen oder Kamerapositionen, die dem Film ganz formal eine bestimmte Richtung angeben. Die Bilder sehen, man muss es so sagen, fernsehgerecht aus, flach, einfach, straight abgefilmt. Das stößt sich mit den mythischen Typen und der archetypischen Handlung, die gezeigt wird, das konterkariert den ausgesprochen filmischen Umgang mit Figuren und Handlung. Und es geht auch nicht soweit, dass ein bewusstes - und damit eben wieder gestaltetes - Gegeneinander von Gangstermythos mit der Münchner Realität konstruiert würde. Vielmehr wurden schlicht Schauplätze gesucht, in denen München urbanen Verfall zeigt; dort wurde gedreht. Aber was gedreht wurde: darauf kommt es an.

Denn wenn man sich an die Ästhetik, die keine wirkliche ist, gewöhnt hat, und einsteigt in die Story: Dann kann man offen sein für Erstaunliches. Ein Noir-Stück um Harms, der aus dem Gefängnis kommt, der knallhart tut, was er will, was er will; der keine Erklärungen gibt, ohnehin wenig Worte macht. Der alten Freunden gegenüber höchst loyal ist, der schon Menschen getötet hat - sagt man -, der vielleicht aber auch nur vieles auf sich genommen hat. Albrecht (Helmut Lohner), ein alter Gangster im Ruhestand, ist seine Andockstation, Menges (Axel Prahl) und Timm (Martin Brambach) sind Freunde, mit denen er noch einmal einen letzten Coup anpacken will. Knauer (Friedrich von Thun) hat die Sache vermittelt, ein Vorstand im Ruhestand, der sich rächen will am alten Arbeitgeber: 100 Millionen liegen in der Bundesbank, man muss sie nur noch holen...

Ein wirklich harter Gangsterthriller wird das, der gekonnt mit den Standards jongliert - die Hure mit Herz, die von Harms kein Geld verlangt, das Doppelspiel der Beteiligten, die sich gegeneinander mehrfach absichern, der letzte Coup, der nochmals alles abverlangt und bei dem man vermutlich nur verlieren kann. Und der darüber hinaus eigene Akzente setzt, der eine Würstelbude in die Brache moderner Plattenbauslums stellt, als Einsatzzentrum der Gangster ein leeres Schwimmbecken im Hallenbad vorstellt, der auch schöne Abzweigungen kennt. Was sind das für flirtende Blicke, die der Araber Harms zuwirft, wenn er ihm seinen leckeren Hackbraten serviert! Wie gelungen ungezwungen ist die Episode mit Jugo-Gangstern, die keine Waffen verkaufen, sondern sadistische Gewalt anwenden! Klar, dass Harms - er ist der Filmheld! - sich allein oder zu zweit gegen jede Übermacht, wie bewaffnet sie auch sein mag, durchsetzen kann. Einige große Dialoge enthält der Film, von Axel Prahls Schimpfwörtern ("Fotzenkopp!", "Arschmade!") bis zur Teebestellung: "Welche Sorte?" - "Wodka." Und wie schön, dass die alte Garde der Münchner Gangster sich wöchentlich versammeln, um ein, zwei Runden "Risiko" zu spielen...

Harms gelingt es, das Fehlen ästhetischer Stimmigkeit durch harte, starke Handlung und harte, starke Charaktere wettzumachen, sich damit sozusagen selbst zu überwinden. Harms ist nicht perfekt und läuft dabei doch vollständig rund: Verlorenheit, Vergeblichkeit, existentielle Verzweiflung und das Aufbäumen gegen das Schicksal, transzendiert in eine spannende Gangsterstory - was soll man von einem Thriller mehr verlangen?

(Harald Mühlbeyer)