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Foxfire: Confessions of a Girl Gang

Fünf Schülerinnen gründen in einer amerikanischen Kleinstadt eine geheime Mädchengang. Erkennungszeichen ist eine kleine Tätowierung auf der Schulter in Form einer Flamme. Zur Aufnahme muss ein Schwur geleistet werden und auf den Verrat der Schwestern steht die Todesstrafe. Die Mädchen üben Vergeltung an Männern, die ihnen an die Wäsche wollen und berauschen sich an der kollektiven Selbstbefreiung, ohne dass ihnen der Begriff Women's Liberation vertraut sein könnte. Denn sie befinden sich erst in der Mitte der 1950er Jahre.

Der französische Regisseur Laurent Cantet wirft in seinem neuen Film Foxfire - Confessions of a Girl Gang einen Blick zurück in das Jahrzehnt, in dem Amerikas brave Jugend mit dem Rock'n'Roll zu rebellieren begann. Dass es lauter Schülerinnen sind, die sich gegen die patriarchalische Gesellschaft auflehnen, kontrastiert auf das Schönste mit dem Bild, das man sich von jener Zeit macht. Es war die Jugend der amerikanischen Schriftstellerin Joyce Carol Oates, auf deren gleichnamigem, 1993 erschienenen Roman der Film basiert.

Die 15-jährige Margaret Sadovsky, genannt Legs (Raven Adamson), ihre Freundin Maddy Wirtz (Katie Coseni) und ihre Mitschülerinnen leben in einem unterprivilegierten Milieu. Die meisten von ihnen erfahren von Erwachsenen wenig positives Interesse. Ein Lehrer, der sich darin gefällt, seine Schülerin Rita (Madeleine Bisson) dem Spott der Klasse auszusetzen, fährt eines Tages mit einem obszönen Spruch auf seinem Auto durch die Straßen und erleidet einen irreparablen Gesichtsverlust. Dann ist Maddys Onkel Walt (Ron Gabriel) dran: Weil er von seiner Nichte sexuelle Gefälligkeiten verlangt, schlagen ihn die Mädchen zusammen. Darüber verliert er natürlich nie ein Wort.

Die glückliche Aufbauphase der Gang, zu der bald weitere Mädchen gehören wollen, findet ein jähes Ende, als die kühne Anführerin Legs in eine Besserungsanstalt kommt. Nach ihrer Entlassung ziehen die Mädchen zusammen, in ein altes Farmhaus. Doch dort holt sie bald der Alltag mit seinen Zwängen ein und Legs führt die krisengeplagte Gang in die Kriminalität.

Cantet bleibt nahe am Roman, allerdings ohne die wilde, entfesselte Begeisterung der Mädchen so wiederzugeben, wie Joyce Carol Oates es vermag. Der Film wirkt im Vergleich zum Buch geradezu verhalten: Besonders drastische Szenen fehlen entweder ganz oder werden geglättet. Cantet liegt es fern, das reißerische Potenzial der Geschichte auszuloten. Diese Zurückhaltung findet sich auch in der Besetzung der Hauptrolle wieder: Raven Adamson spielt Legs nachdenklich und introvertiert. Auch die anderen Rollen der Foxfire-Mädchen besetzte Cantet, der in Kanada drehte, mit Amateurschauspielerinnen aus Toronto. Mit Laiendarstellern arbeitete er schon in Die Klasse, der 2008 in Cannes die Goldene Palme gewann. Die Neulinge vor der Kamera verleihen der Geschichte einen authentischen Eindruck, der die Nähe zum Roman spiegelt. Besonders das Kindergesicht der rothaarigen Maddy führt immer wieder vor Augen, wie unschuldig jung diese Foxfire-Mädchen sind, die sich ihrer vorgesehenen Rolle in der Geschlechterhierarchie verweigern. In diesem Zusammenhang ist vielleicht erwähnenswert, dass Oates' Roman bereits 1996 in den USA verfilmt wurde: Die Hauptrolle der Legs spielte in Foxfire - Girls ohne Gnade Angelina Jolie, kurze Zeit vor ihrem Aufstieg zum Star.

In den gedeckten Farben der Bilder, dem gedimmten Licht liegt eine nostalgische Wehmut und Verwunderung. Der Film blickt mit Maddy zurück auf die verlorene Jugend, deren Verrücktheit und Scharfsinn nur noch als fernes Echo nachhallt. Die Frisuren, die kindlichen Shorts und geblümten Pyjamas holen die 1950er Jahre aus der Versenkung wie die Oldtimer-Autos und die Musik. Der Gebrauch der Handkamera und ihre nervöse Suche nach den Details einer bereits verblassten Wirklichkeit wirkt hingegen eher zeitgenössisch.

Nach der ersten Vorführung auf dem Münchner Filmfest sagte Cantet im Gespräch mit dem Kinopublikum, er habe zeigen wollen, dass das kriminelle Ende der Gang nicht die Fortsetzung ihres anfänglichen Idealismus ist, sondern im Gegenteil, die Folge seines Scheiterns. Aus diesem Grund tippt Maddy die Ereignisse akribisch auf der Schreibmaschine mit, als würde sie ahnen, dass den Mädchen die Wahrhaftigkeit des Augenblicks bald schon genommen sein wird.

(Bianka Piringer)