Vatersland (2020)

Frau hinter der Kamera

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

„Das ist nichts für Mädchen. Mädchen gehören vor die Kamera.“ Für Maries Vater, Werksfotograf in Köln, sind die Aufgaben in der Familie klar geordnet, der Sohn bekommt natürlich irgendwann die abgelegte Fotokamera samt Objektiven, die Tochter ein Kuscheltier – vorher hat er ihr beigebracht, belehrend danebenstehend, wie sie den Fußboden putzen sollte. Oder er bringt ihr ein rohes Hähnchen, legt das Kochbuch daneben – schau nach, Kind, später kannst du auch niemanden fragen.

Bernhard Schütz ist als dieser Vater das nicht ganz so heimliche Zentrum in Vatersland von Petra Seeger, schon der Titel benennt ihn ja; der Film umkreist diesen Vater in sich immer mehr weitenden Spiralbewegungen. Am Anfang bekommt die erwachsene Marie (Margarita Broich) eine große, dunkle Holzkiste geliefert – Fotos und Filme aus dem Haus ihres Vaters, der nun in einem Pflegeheim liegt.

Eine Kiste ist das, in Farbe und Form wie der Sarg von Maries Mutter, über dem das kleine Mädchen in einer immer wiederkehrenden Szene steht, und mit dieser Parallelisierung taucht der Film ein in eine kunstvolle Vermischung von Realität und Fiktionalisierung, Maries Gegenwart und Maries Vergangenheit, eine Kindheit und Jugend in den 1960er und 1970er- Jahren.

Seeger erzählt hier, verschoben und zur Kenntlichkeit verändert, von sich selbst; die Fotos und Filme aus Maries Kiste sind jene, die ihr Vater gemacht hat. Kunstvoll verschränkt sie diese Aufnahmen, visuell klar unterscheidbar, mit den Filmbildern in der liebevoll der Zeit nachgebildeten engen Kölner Wohnung, in der Klosterschule, schließlich in der zur Studentinnen-WG umgewandelten ehemaligen Wohnung der Großmutter nebenan.

So schleicht sich Zeitgeschichte in diesen ganz persönlichen Rückblick. Wenn der Vater seine Kinder (neben Marie noch den älteren Bruder Wolfgang, von Matti Schmidt-Schaller mit kontinuierlich zunehmender Haarpracht gespielt) in die Berchtesgadener Alpen entführt und dann dort von seiner Zeit als Gebirgsjäger schwärmt, während aus dem Radio Freddy Quinns Hundert Mann und ein Befehl zu hören ist.

Wenn die Mädchen in der Klosterschule im Fernsehen verfolgen, wie Konrad Adenauer zu Grabe getragen wird und schließlich bei den Studentinnen der Parteifunktionär aus Berlin aufschlägt, Engels und Freud wurden vorher schon zusammen mit dem Joint herumgereicht.

Da schwingt dann durchaus augenzwinkernd auch, das war ja genau sein Thema, die Erinnerung an Loriot mit, beim schmerzhaft formalisierten Weihnachtsfest mit den immer gleichen Geschenken (Krawatte für den Vater, Delikatessenkorb mit geräuchertem Aal für die Großmutter). Und er ist zu hören, als der Vater nach dem Tod der Mutter einen Einkaufsplan aufstellt, ahnungslos als französische Delikatesse Schweineohren (ganz, am Stück) auftischt. Ob es denn genug Sauce gebe? „Klar“, sagt Wolfgang, „wir haben ja genügend Senf.“ Herr Lohse lässt grüßen.

Schütz ist als Vater hier von schmerzhafter Ambivalenz: Bemüht, nach dem Tod der Mutter die Familie zusammenzuhalten, aber unfähig zu empathischer Aufmerksamkeit. Seine Unsicherheit, auch Unfähigkeit, sich anzupassen, scheint in Schütz‘ Mimik immer wieder durch. Aber sie entschuldigt nichts, dafür sind die Ohrfeigen nach Fehlverhalten und schlechten Noten zu schmerzhaft, sind die Demütigungen, die er verteilt, zu häufig.

Denn die Perspektive des Films ist immerzu der Blick Maries auf den Vater, den Bruder, auf Strukturen und Erwartungen bei Nonnen und beim Parteigenossen. Vatersland ist eine Erzählung der Selbstermächtigung.

Die Kamera ist dafür das Motiv. Nie durfte sie selbst die Kamera des Vaters in die Hand nehmen, immer bekam nur der Bruder das alles erläutert. In all diesen Fotos, klagt die erwachsene Marie ihrem Mann, sei nicht zu sehen, wie es ihr ergangen sei, wie sie sich gefühlt habe. Sie schließt sich ein mit all diesen Motiven, verschwindet in ihren Erinnerungen, nimmt sich Zeit und Raum auch endlich zu trauern um ihre Mutter.

Petra Seeger hat bisher vor allem dokumentarisch gearbeitet, Vatersland ist vielleicht ihr erster Spielfilm, womöglich auch nicht ganz; gerade aus den engen Berührungen zwischen Erfunden-Erzähltem und den realen Film- und Fotoaufnahmen zieht Seeger Kraft, ohne auch nur für eine Sekunde so zu tun, als bilde sie hier reale Geschichte ab.

Gleichzeitig ist ihr Blick, sind die ruhigen, beobachtenden Kameraperspektiven dann doch spürbar von einem dokumentarischen Gestus getragen. Weil sich Seegers Film dann eben doch einreiht in die Neuerzählung der jüngeren Vergangenheit mit ganz klar weiblich gewählter Perspektive, die an der tradierten Geschichtsschreibung kratzt. Sei es die politische Entwicklung der Bundesrepublik wie in Die Unbeugsamen, oder doch persönlichere Lebensgeschichten, wie sie Janna Ji Wonders in Walchensee Forever erzählt.

In diesen persönlichen Geschichten wird die Hilflosigkeit der sich mächtig gerierenden Männer deutlich, ihre Verletzungen und Unzulänglichkeiten, ihre emotionale Abwesenheit und die Macht ihrer Anwesenheit.

Mit Marie in den unterschiedlichen Phasen ihrer Kindheit und Jugend (von Felizia Trube, Momo Beier und Stella Holzapfel verkörpert), schließlich mit der erwachsenen Frau, nun Filmemacherin und selbst Mutter einer Tochter, wird Zeit- und Lebensgeschichte neu erzählt: Auch als Versuch, endlich Geborgenheit zu finden und selbst geben zu können.

Nach und nach wird der Film Vatersland dabei zur Erzählung von seiner eigenen Entstehung; die allerletzte Szene greift das auf, rückt Kamera und Filmlogistik sichtbar in den Hintergrund, im Vordergrund bleibt das Kind am Grab, das nun Abschied nehmen kann.

 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/vatersland-2020