The Good Liar - Das Alte Böse (2019)

Alt, aber nicht törricht

Eine Filmkritik von Melanie Hoffmann

Betty McLeish (Helen Mirren) ist eine wohlhabende Witwe, doch wegen der Einsamkeit sucht sie online einen Gleichgesinnten. Ebenso geht es Roy Courtnay (Ian McKellen) und schon haben sich zwei gefunden.

Zärtlich beginnt es erst als Freundschaft, doch als Roy ein Hüftleiden plagt und es ihm unzumutbar scheint, die Treppen in seine Wohnung im 2. Stock zu gehen, lädt Betty ihn ein, bei ihr zu wohnen. Roys Plan, die alte Dame um ihr Vermögen zu bringen, scheint aufzugehen. Dabei hilft ihm Vincent (Jim Carter), denn der Plan eines gewöhnlichen Heiratsschwindlers reicht nicht aus.

Ein ausgeklügeltes Anlagesystem wird entwickelt und man mutmaßt schnell, dass dies in Kombination mit Roys tapsigem Gentleman-Charme schon andere alte Ladys um ihren Sparstrumpf brachte. Bettys Enkel Steven (Russell Tovey) hat da schon so seine Ahnung und versucht nach Kräften, seine Großmutter aus dem Netz von Lügen zu befreien.

Bill Condon ist vor allem durch seine Musicaladaptionen wie Chicago oder Dreamgirls bekannt, aber auch im dramatischen Fach konnte er bereits reüssieren, zuletzt mit Mr. Holmes – ebenfalls mit Ian McKellen. Mit The Good Liar ist ihm ein abgründiger Thriller gelungen, der mehr als einmal überraschen kann. In der Tat ist es einer der Filme, von denen man zuvor möglichst wenig wissen sollte, damit man ihn in vollem Umfang genießen kann. Zugrunde liegt der Roman Das alte Böse von Nicholas Searle, der 2017 auch in Deutschland erschien.

Ian McKellen als Heiratsschwindler ist überaus charmant und zeigt seine andere Seite immer nur, wenn er mit seinem Kollegen spricht. Natürlich ist er vor allem aus Historienfilmen und Fantasy-Trilogien bekannt. Auch diese vielleicht zu Beginn eher gewöhnlich erscheinende Rolle füllt er ausgezeichnet mit Leben. Helen Mirren ist wie immer überaus faszinierend. Ihr Spiel ist fein nuanciert und facettenreich und kann in jeder Szene überzeugen. Sie changiert wunderbar zwischen unnahbarer Kühle und wundervollem Esprit, zeigt bald darauf als kranke alte Dame auch wieder Zerbrechlichkeit. Allein für Ihre Darstellung lohnt sich der Gang ins Kino.

Man möchte munkeln, dass dieser Plot mit Kalkül für ein älteres Publikum gestrickt wurde. Das mag sein, doch er funktioniert für alle Altersgruppen. Hier kann man zwischen den Zeilen lesen, mitraten, sich überraschen lassen und den doppelten Boden genießen, den Autor Nicholas Searle und Regisseur Bill Condon süffisant einziehen. Der Film selbst ist so verführerisch, dass man am Ende sogar sehr gern über ein paar kleinere Lücken in der Handlung hinwegsehen mag. Ein spannender Thriller, der einen nicht mehr loslässt und bis zur letzten Minute fesselt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-good-liar-das-alte-boese-2019