Lysis (2018)

Have You in My Wilderness

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Das war es dann allerdings auch schon mit den dramaturgisch wie filmtechnisch gesetzten Rahmenbedingungen für dieses sicherlich bemerkenswerte Filmexperiment namens Lysis. Denn vieles in Ostermanns auffällig konzeptioniertem Spielfilm, der jetzt auf dem 40. Festival Max Ophüls Preis seine Deutschlandpremiere feierte, ist auf reine Improvisation angelegt. Ein festes Drehbuch hatte er für diesen Film nie geschrieben. Und auf einen klassischen Bildgestalter hinter der Kamera wurde in Ostermanns Regie-Konzept sogar von vornherein bewusst verzichtet. Stattdessen wurden die beiden und alleinigen Hauptdarsteller Oliver Masucci (HERRliche Zeiten) und Louis Hofmann (Die Mitte der Welt) mit drei
GoPro-Actionkameras, einem Wurfzelt, einem Campingkocher und lediglich minimalen szenischen Anweisungen in die Wildnis entlassen.

Alles sollte sich im Grunde direkt vor den Augen der Zuschauer wie der Darsteller abspielen: quasi im selben Moment und ohne ein vorgeschriebenes Ende. Ihm gehe es in Lysis um eine möglichst „hohe Authentizitätund große Unmittelbarkeit“, erklärte Rick Ostermann seinen Autorenansatz für dieses ungewöhnliche Filmprojekt gegenüber einem spürbar neugierigen Publikum in Saarbrücken.

Was auf dem Papier erst einmal gut klingen mag und in der Turbodrehzeit von lediglich zehn Tagen weitgehend chronologisch realisiert worden war, entfaltet jedoch im permanenten GoPro-Actionkameraeinsatz nur selten echten Leinwandzauber. Zu gesetzt wirken viele Sätze, zu angestrengt wirkt das Zusammenspiel beider Männer und so möchte der Funken nicht wirklich auf den Zuschauer überspringen. Obwohl sich Oliver Masucci, der immerhin zu den aufregendsten deutschen Schauspielern der vergangenen Jahre zählt, gerade in den ersten dreißig Minuten sichtlich im Spiel bemüht, dieser seltsamen „Wenn-der-Vater-mit-dem-Sohne“-Geschichte etwas mehr Feuer und Dynamik einzuhauchen, funktioniert Lysis als Gesamtprojekt nur bedingt. Zwischen all den harschen Vorwürfen und Zerwürfnissen und den wenig fintenreich verhandelten Familientraumata verliert sich die Grundidee – zwei Schauspieler, ein Set, kein Drehbuch und kein Kameramann – Minute um Minute zusehends, woran nicht einmal die wenigstens partiell aufregende Schlusspassage wirklich etwas ändern kann.

Und so wird diese filmästhetisch eher zäh als fulminant in Szene gesetzte Beziehungsprobe zwischen Vater und Sohn letztendlich immer weiter zu einer Bewährungsprobe für das Publikum. Zwischen Mut zum formalen Risiko und großem Unverständnis schwankten dementsprechend auch die unmittelbaren Reaktionen nach der Saarbrücker Premiere
außerhalb des Kinosaals. Was als kathartischer Survival-Trip für den Zuschauer angekündigt war, bleibt am Ende ein mäßig spannender Sommerausflug im Selfie-Modus in tatsächlich berauschender Bergkulisse: Rebellion sieht anders aus – und fühlt sich vor allem anders an.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/lysis-2018