Avengers - Endgame (2019)

Mit dem letzten Aufgebot

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Die Aussichtslosigkeit des wuchtigen Showdowns im Vorgänger färbt nun auch auf den postapokalyptisch angehauchten Beginn des Nachfolgers Avengers: Endgame ab, in dem die verbliebenen Superhelden irgendwie versuchen, mit ihren schmerzhaften Verlusten und ihrer verheerenden Niederlage klarzukommen. Als eines Tages urplötzlich Scott Lang alias Ant-Man (Paul Rudd) vor dem Tor der Avengers-Zentrale steht und von seinem Ausflug in die Quantenebene berichtet, gibt es einen kleinen Funken Hoffnung. Um diesen zu nähren, stürzt sich Tony Stark mit den letzten Recken – darunter Steve Rogers alias Captain America (Chris Evans), Natasha Romanoff alias Black Widow (Scarlett Johansson), Nebula (Karen Gillan), Bruce Banner alias Hulk (Mark Ruffalo) und Thor (Chris Hemsworth) – in ein gefährliches Unterfangen. 

Vor allem in der ersten, mit unerwarteten Entwicklungen gespickten Stunde hält sich der Actionanteil in Grenzen. Immer wieder rücken die Regiebrüder Anthony und Joe Russo, die bereits Avengers: Infinity War inszenierten, die Trauer der Protagonisten und ihr Bemühen um ein halbwegs normales Weiterleben in den Mittelpunkt. Ein ums andere Mal verdrücken die gebrochenen Superhelden eine Träne und schieben den Gedanken an einen planvollen Rückschlag zum Teil vehement von sich. Überraschend und erfreulich zugleich sind die berührenden Augenblicke, die das von Christopher Markus und Stephen McFeely verfasste Drehbuch einigen Figuren zuteilwerden lässt. Besonders in Erinnerung bleiben die Szenen zwischen dem zum Familienvater avancierten Tony Stark und seiner kleinen Tochter.

Irgendwann nimmt der 22. Film im Marvel Cinematic Universe dann die Abzweigung in Richtung Heist-Movie und entführt das Publikum auf einen schauplatztechnisch abwechslungsreichen Ritt, bei dem zahlreiche Avengers – mehr oder weniger ausgeprägt – mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden. Eine spannende, prominente Rolle spielt in diesem Zusammenhang Thanos’ Adoptivtochter Nebula, und erstaunlich aufwühlend ist ein Entscheidungsmoment zwischen Natasha Romanoff und Clint Barton alias Hawkeye (Jeremy Renner), der den Handlungsverlauf in nicht unerheblichem Maße beeinflusst. Der Plot ist sicherlich kein raffiniertes Meisterstück, nimmt hier und da eine zu bequeme Wendung, etwa bei Gamoras (Zoe Saldana) Sinneswandel, präsentiert sich, nicht zuletzt dank einiger gut getimter Gags, aber unterhaltsam genug, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu binden. 

Wie nicht anders zu erwarten war, mündet das verzweifelte Aufbäumen der angeschlagenen Superhelden im dritten Akt in eine monumentale Schlacht, bei der – ähnlich wie in Avengers: Infinity War – die Menge an Figuren ein Overkill-Gefühl entstehen lässt. Das, was bis dahin recht überzeugend funktioniert hat, nämlich die Einbindung aller Beteiligten, will hier nicht mehr recht gelingen. Bedauern kann man überdies, dass die beiden Russo-Brüder die im Vorgänger eingeschlagene düstere Richtung nicht mit größter Vehemenz verfolgen, Donnergott Thor (Chris Hemsworth) fast ausschließlich für platte Scherze herhalten muss und der erst kürzlich mit einem starken Soloabenteuer bedachten Carol Danvers alias Captain Marvel (Brie Larson) viel zu wenig Raum gegeben wird. Ihre Auftritte haben einen Deus-ex-Machina-Charakter und fügen der faszinierenden Persönlichkeit leider keine neuen Facetten hinzu. Fans der groß angelegten Marvel-Reihe dürften diese Schwachpunkte allerdings verschmerzen können, bekommen sie mit Avengers: Endgame doch ein episches Superhelden-Spektakel geboten, dessen dreistündige Mammutlaufzeit schneller vergeht, als man denken würde.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/avengers-endgame-2019