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The American

Meinungen
21

3 Sterne aus 106 Bewertungen

Kinostart: 16.09.2010
FSK: 12
Genre: Drama, Literaturverfilmung, Thriller
Tags: Dorf, Liebe, Auftragskiller, Italien, Priester

Ein Mechaniker des Todes

"I'm not good with machines" - dieser Satz fällt gleich mehrmals in Anton Corbijns neuem, mit Spannung erwartetem Film The American. Der Mann (George Clooney), der diesen Satz spricht, nennt sich Jack und ist Profikiller und ein Waffenexperte, der je nach Auftrag auch für andere die feinsten Mordwerkzeuge zusammenschraubt. Mag ja sein, dass sich der Amerikaner, wie ihn mancher nennt, nicht besonders mit großen Maschinen auskennt – mit Gewehren und anderen Schusswaffen ist er hingegen ein wahrer Meister und wird deshalb häufig gebucht.

Dann aber gerät Jacks sorgfältig organisierte Existenz ins Wanken, als er plötzlich nach einem Auftrag seinerseits Killer auf den Fersen hat. Mit Mühe entkommt er und tötet dabei sogar eiskalt seine Bettgefährtin, die zu viel gesehen hat. Sein Agent Larry (Bruce Altman) verschafft ihm einen sicheren Unterschlupf in den Abruzzen, wo erst einmal Gras über die delikate Angelegenheit wachsen soll, die viel Staub aufgewirbelt hat. Einen letzten Auftrag will Jack noch für die rätselhafte Killerin Mathilde (Thekla Reuten) übernehmen, die für einen Anschlag ein geeignetes Gewehr benötigt, dann soll endgültig Schluss sein.

In dem kleinen Ort, in dem Jack untertaucht, mit seinem Gewirr von Gassen und den zumeist recht einsilbigen Einwohnern beginnt die Fassade des eiskalten Todesengels bald zu bröckeln. Da ist etwa Priester, Padre Benedetto (Paolo Bonacelli), der sich auffallend für den Fremden interessiert. Und mit der verführerischen Prostituierten Clara (Violante Placido) verbindet Jack bald mehr als nur eine Liaison auf monetärer Basis, bei ihr wird aus dem "Americano" (natürlich läuft an einer Stelle im Film der Song "Tu vuò fà l'americano" von Renato Carasone in der Dorfkneipe) ein viel freundlicherer "Mr. Butterfly". Es ist beinahe so, als würde ausgerechnet er, der Heimatlose, dessen Leben bislang auf Verstellung, Lügen und Täuschungsmanövern aufgebaut war, so etwas wie ein Zuhause finden. Allerdings sind ihm auch hier rätselhafte Männer, dicht auf den Fersen. Und zudem drängt sich seine Auftraggeberin Mathilde in sein neues Leben. Bis Jack herausfindet, was wirklich gespielt wird...

Es ist bereits die zweite, beinahe schon die dritte Karriere des Anton Corbijn. Der aus den Niederlanden stammende Fotograf und Regisseur etlicher Musikvideos (unter anderem zu diversen Songs von Depeche Mode, U2, Mercury Rev, Coldplay und vielen anderen) hatte 2007 mit Control über das Leben und Sterben des Sängers der Kultband Joy Division seinen vielbeachteten ersten Spielfilm vorgelegt. Mit The American zündet Corbijn nun mutmaßlich – auch befeuert durch die geballte Starpower von George Clooney – die zweite Stufe seiner Laufbahn als Filmregisseur.

Wobei sich der Niederländer wieder auf sein visuelles Gespür, auf seinen Riecher für ungewöhnliche Perspektiven verlassen kann. Man merkt Corbijn an, dass er seine Wurzeln und seine ästhetischen Bezugssysteme eher in der Fotografie als im bewegten Bild hat. Vielleicht ist dies sogar der einzige Vorwurf, den man diesem Film machen kann – dass er zumindest zu Beginn sehr statisch daherkommt. Je länger The American aber andauert, umso besser ergänzt dieses visuelle Konzept die Atmosphäre und die unterkühlten Emotionen, die diesem Film seine ganz eigentümliche Wirkung verleihen.

Einen klassischen Western habe er im Sinn gehabt, merkt Corbijn an, als er das Drehbuch nach einer Romanvorlage von Martin Booth mit dem Titel A Very Private Gentleman gelesen habe: "Ein Fremder kommt in eine kleine Stadt und freundet sich dort mit einigen Leuten an. Aber dann holt ihn seine düstere Vergangenheit wieder ein, und am Ende kommt es zu einer großen Schießerei, einem regelrechten Showdown."

Da die Geschichte den bekannten Formeln des Westerns folgt und eigentlich kaum Überraschungen zu bieten hat (selbst die Auflösung am Ende kann kaum überraschen), konzentriert sich der Film vollkommen auf seine Bilder, die trotz ihrer zumeist unterkühlten Farben den Zuschauer regelrecht in die Geschichte hineinziehen und ihn das verlangsamte Tempo des Lebens in einem Ort wie diesem und die bleierne Zeit des Wartens spür- und nachvollziehbar miterleben lässt. Begleitet von der molllastigen Filmmusik, die Corbijns langjähriger Freund und Londoner Nachbar Herbert Grönemeyer komponierte, ist The American eine melancholische Gangsterballade, die an die Traditionen des Western ebenso anknüpft wie an Jean-Pierre Melvilles Der eiskalte Engel / Le Samouraï (1967) und andere schweigsame Killer der Filmgeschichte. Im Vergleich zu vielen anderen Thrillern der Gegenwart wirkt The American angenehm zurückgenommen, facettenreich und nachdenklich. Fast so, als sei er bereits jetzt, bei seinem Erscheinen, einer jener Klassiker, denen er so unverkennbar nacheifert und in deren Linie er sich mühelos einreiht. Und selbst einige kleinere Holprigkeiten im Drehbuch, das es an manchen Stellen etwas übertreibt mit den Wiederholungen und Erklärungen, können diesem Film kaum etwas von seiner Faszination nehmen.

(Joachim Kurz)

Daten & Fakten

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2010
Länge: 105 (Min.)
Verleih: Tobis Filmverleih
Kinostart: 16.09.2010

Cast & Crew

Regie: Anton Corbijn
Drehbuch: Rowan Joffe, Martin Booth
Kamera: Martin Ruhe
Schnitt: Andrew Hulme
Hauptdarsteller: Thekla Reuten, George Clooney, Irina Björklund, Bruce Altman, Violante Placido, Paolo Bonacelli

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 5 von insgesamt 21)
Von: Martin Beserkamp am: 25.10.10
Über Kunst lässt sich bekanntlich streiten. Und kunstvoll ist dieser Film auf jeden Fall. Insofern verständlich das Film"kunst" Liebhaber diesem Streifen etwas positives abgewinnen können. Für jemanden, der von einem Film unterhalten werden will ist dieses Machwerk aber eine absolute Katastrophe. Selten waren 100 Minuten länger und zäher als in diesem Film. Ich bin durchaus ein Freund von "verkopften" Filmen die ihren Reiz durch die Zwischentöne beziehen. Aber "the American" ist leider der schlechteste Film den ich in den letzten 5 Jahren gesehen habe, denn das einzige was sich bei mir "verkopft" hat war eine endlose Müdigkeit.
Von: Andreas am: 21.10.10
Braucht Clooney Geld? Offensichtlich, denn der Film dient nur zur Darstellung des - zugegebenermassen für sein Alter - gut aussehenden Schauspielers. Die Handlung mit Leone-Filmen zu vergleichen ist beleidigend. Die Landschaftsaufnahmen im grauen Frühjahr/Winter (schön wäre es, wenn wenigstens der Plot bezüglich der Jahreszeiten stimmen würde) der Abruzzen sind zwar reiseführertauglich, aber das schaue ich mir lieber im Disney Kanal an. Story: platt! Darsteller: platt! Casting: platt! (Entschuldigung, aber eine Edelhure mit dieser Ausstrahlung im Dorfpuff der Abruzzen ist wirklich völlig fehlbesetzt), Kamera: geht so! Musik: Wenns nicht von Grönemeyer wäre, wärs auch ok! Alles in allem: spart Euch das Geld. Da man ja über Geschmack bekanntlich nicht streiten kann, gönnen ich anderen ihre Meinung, habe aber Zweifel an deren kineastischem Urteilsvermögen.
Von: Spygame am: 03.10.10
Sehr gut gemachter Film mit grandiosen HAuptdarstellern und erstklassiger Kameraarbeit!
Von: Christoph am: 27.09.10
@ Jan: Gottseidank haben wir nicht alle den selben Geschmack. Jeder hat eine andere Auffassung von Ästhetik, liegt nun mal im Auge des Betrachters. Aufgrund der Prozession schließe ich hier auf Pfingsten, 40 Tage nach Ostern, selbst im ungünstigsten Fall, auf keinen Fall mehr im Winter. Dass es in Schweden auch in Frühling noch kalt ist, kann vorallem im Norden vorkommen. :-) Aber ernsthaft: Es freut mich wenn jemanden der Film gefallen hat, mir nicht, und was ist jetzt eigentlich mit diesen Schweden? Der Auftrag, der Hintergrund, warum wird er gefunden? Hat ihn sein "Boss" schon vorher verraten, oder erst später verkauft? Hoffentlich kommt kein zweiter Teil der dies aufklären könnte!
Von: Jan am: 26.09.10
@Christoph: ich war noch nicht in den Abbruzzen, aber auf Sizilien, in den Dörfern rund um den Ätna. Da liegt der Hund begraben, selbst in einer Stadt wie Enna war das um 12 Uhr mittags so, im Frühling. Und in den Dörfern der Toskana hab ich das im Winter erlebt, derselben Jahreszeit, in der der Film spielt. Sicher hat der Film Schwächen, er lebt vor allem von der Ästhetik, aber langweilig fand ich ihn in keiner Weise.

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